Zwillingsforschung: Identische Leben

In der Vergangenheit wurden bereits zahlreiche Studien über Zwillinge durchgeführt, doch bis heute konnten die Zwillingsforscher die entscheidende Frage nicht zufrieden stellend lösen: Welche unserer Fähigkeiten, Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen sind eher genetisch bestimmt, und welche werden maßgeblich von der Umwelt beeinflusst?
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In der Vergangenheit wurden bereits zahlreiche Studien über Zwillinge durchgeführt, doch bis heute konnten die Zwillingsforscher die entscheidende Frage nicht zufrieden stellend lösen: Welche unserer Fähigkeiten, Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen sind eher genetisch bestimmt, und welche werden maßgeblich von der Umwelt beeinflusst?

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von Reinhard Hauke

Manche eineiigen Zwillinge verhalten sich so ähnlich, dass sie ein und dieselbe Persönlichkeit zu besitzen scheinen. Eine Untersuchung von Zwillingspärchen, die getrennte und dennoch fast identische Leben führten, lässt vermuten, dass unser Schicksal bereits seit dem Tag unserer Geburt festgelegt ist.

In der Vergangenheit wurden bereits zahlreiche Studien über Zwillinge durchgeführt, doch bis heute konnten die Zwillingsforscher die entscheidende Frage nicht zufrieden stellend lösen: Welche unserer Fähigkeiten, Persönlichkeitseigenschaften und Einstellungen sind eher genetisch bestimmt, und welche werden maßgeblich von der Umwelt beeinflusst?

Neue Erkenntnisse in der Zwillingsforschung

Neuere Forschungen wie die Zwillingsstudien von Dr. Tom Bouchard von der University of Minnesota (USA) aus dem Jahre 1990 ergaben, dass getrennt aufgewachsene eineiige Zwillinge ebenso viele Übereinstimmungen aufweisen wie jene, die gemeinsam groß wurden. Dies steht im Widerspruch zu der These, dass unser Leben und unsere Persönlichkeit vor allem durch das Elternhaus und das Milieu, in dem wir leben, geprägt werden.

Seit 1979 hat Bouchard in einem der umfangreichsten Forschungsprogramme seiner Art Hunderte eineiige Zwillingspärchen getestet. Für die Durchführung seiner Tests benötigt Bouchard im Schnitt etwa eine Woche. Sie umfassen sowohl eine psychologische Bewertung der Persönlichkeit als auch medizinische Untersuchungen.

Es werden Fingerabdrücke genommen, Blutproben verglichen, Allergien ausgewertet und selbst Details aus dem Intimleben zusammengetragen. Am Ende der über 50-stündigen Untersuchung ist Bouchards Team über die Zwillinge bestens informiert: über ihre Vorlieben beim Essen, Lesen und Musikhören bis zur Art des Sprechens und Schlafens.

Berühmte Zwillingspärchen

Zu den bekanntesten eineiigen Zwillingen gehören die „Jim Twins“ Jim Lewis und Jim Springer. Schon rein äußerlich sind beide kaum voneinander zu unterscheiden. Größe, Gewicht, Körperbau und Gesichtszüge sind völlig identisch. Beide tragen den Vornamen Jim und haben in erster Ehe jeweils eine Frau namens Linda geheiratet. Nach ihren Scheidungen heirateten die Zwillingsbrüder erneut, dieses Mal hießen ihre Ehefrauen Betty.

Nachdem sich die beiden im Jahre 1979 nach 39 Jahren der Trennung seit ihrer Geburt das erste Mal in Dayton, Ohio (USA) trafen, entdeckten sie eine Vielzahl weiterer Übereinstimmungen. Jim Lewis hatte seinen ersten Sohn James Allen genannt und auch Jim Springers erster Sohn hieß so.

Beide waren als Teilzeit-Hilfssheriff und später bei McDonald’s tätig gewesen, hatten an Tankstellen gearbeitet, bevorzugten dieselbe Zigarettenmarke und tranken die gleiche Biersorte, verbrachten ihre Ferien am Petersburg Beach in Florida, hatten eine Vorliebe für Rennen mit alten Serienwagen und eine Abneigung gegen Baseball, besaßen einen Hund namens Toy, hatten bereits zwei Herzanfälle hinter sich, hatten als Teenager unter Migräne gelitten und waren die Kopfschmerzen zur selben Zeit wieder losgeworden, beide klagten über Schlaflosigkeit.

Wie lassen sich diese verblüffenden Übereinstimmungen erklären?

Dass Zwillinge, die gemeinsam im selben Milieu aufgewachsen sind, ähnliche Gewohnheiten haben, stellt nichts Außergewöhnliches dar. Doch wenn eineiige Zwillinge, die kurz nach der Geburt getrennt wurden, beim ersten Zusammentreffen nach vielen Jahren feststellen, dass ihre Lebensläufe einander erstaunlich ähneln, so macht dies nachdenklich.

Ein anderer befremdender Fall aus der Studie von Dr. Bouchard betrifft die eineiigen Zwillinge Bridget Harrison aus Leicester und Dorothy Lowe aus Burnley (Großbritannien), die 34 Jahre voneinander getrennt waren. Nach dem Wiedersehen 1979 entdeckten sie erstaunliche Übereinstimmungen in ihren Gewohnheiten und Lebensläufen: Jede trug sieben Ringe sowie zwei Armbänder an einem Handgelenk und eine Uhr und ein Armband am anderen.

Sie hatten im selben Jahr mit den Klavierstunden aufgehört, besaßen eine Katze namens Tiger und nannten ihre Söhne Richard Andrew und Andrew Richard. Beide hatten im Jahre 1960 Tagebuch geführt. Die Bücher waren nicht nur äußerlich identisch, die Schwestern hatten auch an denselben Tagen des Jahres keine Eintragung vorgenommen.

Diese und ähnlich gelagerte Fälle lassen nach Bouchard den Schluss zu, dass der Charakter einer Person stärker von genetischen als von sozialen Faktoren geprägt wird.

Zwillingsforschung: Die Rolle des Milieus

Zu einem differenzierten Ergebnis kommen Professor Ernst Hany und Dr. Ulrich Geppert vom Max-Planck-Institut für Psychologische Forschung in München, die eine der ältesten Längsschnittstudien an Zwillingen betreuen. Sie führten die Beobachtungsstudien des Göttinger Psychologen Kurt Gottschaldt aus dem Jahre 1965 weiter, die dieser an 90 eineiigen und zweieiigen Zwillingen in einem Ferienlager auf die Insel Nordeney vornahm.

Die Forscher untersuchten mehrere hundert Zwillingspaare. Ihre Hypothese war: Wenn sich eineiige Zwillinge, die aus einer einzigen befruchteten Eizelle hervorgegangen sind, ähnlicher verhalten als zweieiige, könnte dies genetisch bedingt sein. Ihre bisherigen Ergebnisse deuten darauf hin, dass kognitive Fähigkeiten wie die Intelligenz einem hohen erblichen Faktor von etwa 60 bis 70 Prozent unterliegen.

Geringer Einfluss der Gene bei charakterlichen Eigenheiten

Doch wesentlich geringer ist der Einfluss unserer Gene, wenn es um charakterliche Eigenheiten geht, wie etwa Ängstlichkeit oder Offenheit gegenüber anderen. Persönlichkeitsmerkmale sind dieser Studie nach nur rund 30 bis 40 Prozent genetisch bedingt. Der Rest ist durch Umweltfaktoren beeinflusst. Unsere Einstellungen, moralischen Werte und auch politischen Überzeugungen sind nur zu einem sehr geringen Teil durch unsere Anlagen geprägt. Entscheidend ist hier das soziale Umfeld.

Auf die bedeutsame Rolle des Milieus bei der Persönlichkeitsbildung und für das spätere Leben weist auch eine andere Studie hin. So zeigen die Forschungen von Richard J. Rose, Professor für Psychologie und Medizinische Genetik an der Indiana University in den USA, dass die Ähnlichkeit eineiiger Zwillinge davon abhängt, wann genau sich die Eizelle teilt. Je früher diese Spaltung erfolgt, desto geringer ist die künftige Übereinstimmung.

Sonderbar bleibt die Tatsache, dass eineiige Zwillinge, die getrennt aufwuchsen, oft mehr Verhaltensparallelen erkennen lassen als solche, die zusammenblieben, mit Beginn des Teenageralters wie die meisten Teenager den Wunsch nach Individualität hegen und sich später zu unterschiedlichen Persönlichkeiten entwickeln.

Zusammenspiel von Anlage und Umwelt bei Zwillingen

Offenbar sind Anlage und Umwelt in verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich bedeutsam. In der Kindheit werden wir eher durch die Umwelt geprägt. Typische Geschlechterrollen etwa werden vom vorgelebten Rollenverhalten der Eltern erworben. Unser späteres Verhalten wird so durch diese Phase der Sozialisation maßgeblich beeinflusst.

Im Erwachsenenalter setzten sich dann eher die Gene durch. Unser Äußeres ähnelt immer mehr dem unserer Eltern und einige Eigenarten, die wir an unseren Eltern oder Großeltern vielleicht geschätzt oder gehasst haben, treten plötzlich auch bei uns auf. Erst im fortgeschrittenen Alter nimmt die Bedeutung von Umwelteinflüssen wieder zu.

Nach welchen Regeln dieses Zusammenspiel von Anlage und Umwelt unsere Persönlichkeit prägt, haben wir indes noch nicht durchschaut.

Die Zwillingsstudien, die die Erkenntnisse der modernen Genforschung heranziehen, können heute zwar erklären, warum etwa bei den Jim-Zwillingen Herzanfälle auftraten, jedoch nicht, warum die Zwillinge Frauen mit identischen Vornamen geheiratet haben.

Zwillingsforschung: Alles nur Zufall?

Alles nur Zufall? Oder wäre es denkbar, dass eine uns unbekannte Macht existiert, die unsere Geschicke lenkt – von der Wahl unseres Lebenspartners bis zu unserem Tod? Und wenn dies so wäre: können wir diese Macht vielleicht eines Tages sogar ergründen?

Quelle: freenet.de
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