Zwist um Ukraine

Zwist um Ukraine
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Zwist um Ukraine

 
29.09.2003 - 22:00 Uhr

von Matthias Seng

Schon im Jahr 1917 stand die Frage einer staatlichen Unabhängigkeit der Ukraine auf der politischen Tagesordnung. Im Verlauf der beiden russischen Revolutionen dieses Jahres – der Februarrevolution und der bolschewistischen Oktoberrevolution – gründete sich auch das erste ukrainische Parlament der Neuzeit, die Zentralrada. Nach dem Zusammenbruch des Zarenreiches rief die Zentralrada im Januar 1918 die staatliche Unabhängigkeit der Ukraine aus. Nur einen Monat später schloss das Parlament einen Separatfrieden mit den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn ab.

Zu diesem Zeitpunkt war es aber schon zu einem Machtkampf der Zentralrada mit einer im Dezember 1917 in Charkow gegründeten prosowjetischen Gegenregierung gekommen. Die Mittelmächte nutzten diese gewaltsam geführten Auseinandersetzungen und die Schwäche Russlands und besetzten im Verlauf des Jahres 1918 nach und nach die gesamte Ukraine. Das unter der Herrschaft der Deutschen von nationalistischen Kreisen wiedereingesetzte Hetmanat – die Herrschaft eines Kosakenhauptmannes mit historischem Vorbild im 17. und 18. Jahrhundert – erwies sich aber nur von kurzer Dauer.

Nach der deutschen Kapitulation im Westen waren wieder die Bolschewiken am Zug. Sie riefen im Januar 1919 die Ukrainische Sowjetrepublik aus und besetzten einen Monat später Kiew.

[LINK "http://www.freenet.de/feed/ukrainewahl" ] > > Infografik: Umbruch in der Ukraine

Im April 1920 schloss der Herrscher der antibolschewistischen Ukrainischen Volksrepublik, Ataman Symon Petljura, mit Polen ein Angriffsbündnis gegen die Bolschewiken. Schon am 7.Mai 1920 rückten polnische Truppen in Kiew ein. Aber auch hier währten die ukrainischen Hoffnungen nur kurz. Der überraschende Gegenstoß der Roten Armee unter Marschall Tuchatschewskij zwang die Polen zur Aufgabe aller weißrussischen und ukrainischen Eroberungen und brachten die Ukraine wieder unter sowjetische Herrschaft.

Trotzdem mussten die Bolschewiken im Friedensabkommen von Riga die West-Ukrainische Republik, das ehemalige Galizien, an Polen abtreten. Im russischen Bürgerkrieg wurde auch die Ukraine zum Schlachtfeld. Von hier aus bekämpften die weißen Truppen des Generals Denikin die Bolschewiki mit dem Ziel, das gerade erst untergegangene russischen Imperium wieder zu errichten. In den Jahren 1917 bis 1922 versuchten auch die großen europäischen Mächte und sogar die USA, ihren Einfluss in der Ukraine geltend zu machen, sei es durch militärische Gewalt oder durch diplomatisch-politische Einmischung.


Im Jahr 1922 hatten sich die Bolschewiken gegen ihre Gegner durchgesetzt. Die im selben Jahr gegründete Sowjetunion umfasste auch die Ukraine, die als Sowjetrepublik endgültig unter sowjetische Herrschaft geriet. Die Herrschaft Stalins hatte für die Ukraine katastrophale Folgen. Im Zuge der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft kam es zu Hungersnöten, die in den Jahren 1933/34 rund sechs Millionen Menschenleben forderten.

In den Jahren 1937/38 wurde ein Großteil der politischen, wissenschaftlichen und kulturellen Elite im Zuge der stalinistischen "Säuberungen" ausgelöscht. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges nutzte Stalin den deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, um die Westukraine wieder mit der Ukraine zu vereinen und dem Land zusätzlich die Bukowina anzugliedern.

Mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion wurde die Ukraine zum Schauplatz eines von beiden Seiten erbittert geführten Vernichtungskrieges. Anfangs begrüßten noch Teile vor allem der westukrainischen Bevölkerung die vermeintlichen deutsche Befreier, aber schnell wurde klar, dass die Deutschen Land und Volk nicht befreien, sondern unterjochen wollten. Am schlimmsten traf es die jüdische Bevölkerung der Ukraine. Sie wurde von den Deutschen in den drei Jahren der Besatzung fast völlig ausgerottet.

Die Deutschen zerstückelten das Land: Galizien wurde dem Generalgouvernement angegliedert, die Bukowina, Bessarabien und die Dnjestr-Region überließ man Rumänien, dem Verbündeten im Vernichtungskrieg. Der größte Teil des Landes wurde zum "Reichskommissariat Ukraine" erklärt und sah sich einer brutalen Okkupationspolitik ausgesetzt.

Diese Politik provozierte ukrainischen Widerstand: 1942 schon wurde eine "Ukrainische Aufstandsarmee" gegründet, die gleichermaßen gegen die deutschen Besatzer wie gegen kommunistische Partisanen und die Rote Armee und sogar noch in den fünfziger Jahren einen aussichtslosen Untergrundkrieg gegen die Sowjetmacht führte. Als 1944 die Rote Armee die Ukraine stückweise zurückeroberte, rückten die sowjetischen Truppen in verwüstete Landschaften und völlig zerstörte Städte ein.

Der sowjetische Sieg über Deutschland brachte der Ukraine immerhin einen symbolischen Triumph. Im Jahr 1945 wurde sie Gründungsmitglied der UNO, wenn auch von Stalins Gnaden. Im selben Jahr musste die Tschechoslowakei die Karpato-Ukraine an die UdSSR abtreten, die dieses Gebiet schließlich als Transkarpatien mit der Ukrainischen SSR vereinigte.

In einem von Stalin befohlenen "Bevölkerungsaustausch" wurde die alteingesessene polnische Bevölkerung in die ehemaligen deutschen Ostgebiete zwangsausgesiedelt. Im Gegenzug kam rund eine halbe Million Ukrainer aus Polen in die Westukraine.

In den ersten Nachkriegsjahren schien sich die Geschichte der dreißiger Jahre zu wiederholen. Im Winter 1946/47 forderte eine weitere Hungersnot erneut Zehntausende Opfer. Und auch der Stalinsche Verfolgungswahn suchte die Ukraine wieder heim: Im Zeichen eines Kampfes gegen den "bürgerlichen ukrainischen Nationalismus" wurde das Land erneut "gesäubert". Die Landwirtschaft der Westukraine wurde von 1947 bis 1951 zwangskollektiviert, Hunderttausende Ukrainer wurden nach Sibirien deportiert. An ihrer Stelle wurden Russen angesiedelt.

Vielleicht war es einige Jahre später ein Zeichen schlechten Gewissens, als der neue starke Mann der Sowjetunion, Nikita Chruschtschow, die Halbinsel Krim von Russland abtrennte und sie der Ukraine quasi zum Geschenk machte. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden alle Versuche, die ukrainische Identität innerhalb des sowjetischen Staatsverbandes stärker zum Tragen zu bringen, von der zentralen Führung in Moskau zunichte gemacht. Dabei wechselten sich liberalere Phasen mit repressiveren ab.

Das völlige Versagen der sowjetischen Behörden angesichts der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986 führte in den späten achtziger Jahren nicht nur zur Gründung einer grünen Partei, sondern auch zum Entstehen einer Unabhängigkeitsbewegung mit Namen Ruch, die vor allem in den westlichen Teilen des Landes starken Zulauf fand.

Schon im Juli 1990 proklamierte die Ukraine ihre Souveranität innerhalb der Sowjetunion, ohne dass es zu Gegenmaßnahmen der Zentrale gekommen wäre. Den Moskauer Putschversuch im August 1991 nutzte der ukrainische Parlamentspräsident Krawtschuk, die Kommunistische Partei für kurze Zeit zu verbieten und sein Land endgültig in die Unabhängigkeit zu führen.


Im Dezember 1991 wurde Krawtschuk zum Staatspräsidenten der Ukraine gewählt. Im selben Monat gründete die Ukraine mit Russland und Weißrussland die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten GUS, eine Art Konkursverwalterin der untergegangenen Sowjetunion. Danach musste sich die Ukraine immer wieder gegen die russische Hegemonie zur Wehr setzen, unter anderem in den Auseinandersetzungen um die Schwarzmeerflotte und die Krim, die 1997 schließlich beigelegt wurden.

Die frisch gewonnene Unabhängigkeit löste aber keines der wirtschaftlichen Probleme des Landes. Das an Bodenschätzen reiche Land, das Hitler als "Kornkammer" für sein "Weltreich" vorgesehen hatte, litt unter jahrzehntelanger Misswirtschaft und an den Verwüstungen aus der Vergangenheit. Der Übergang zur Marktwirtschaft verlief schleppend und wurde von einem Großteil der Bevölkerung abgelehnt, da er mit Arbeitslosigkeit und Armut verbunden war.

Mehr Erfolg hatte das Land im Umgang mit einem gefährlichen Erbe: seinen Atomwaffen. Im Januar 1994 unterzeichneten die Ukraine, Russland und die USA ein Abkommen über den Abbau und die Vernichtung der ukrainischen Atomwaffen, das bis Juni 1996 erfüllt wurde. Im Februar 1994 trat die Ukraine der "Partnerschaft für den Frieden" der NATO bei, im Juni desselben Jahres schloss das Land mit der EU ein Kooperations- und Partnerschaftsabkommen, im November 1995 wurde es in den Europarat aufgenommen.

Innenpolitisch wurden die Kommunisten zu Gewinnern der anhaltenden wirtschaftlichen Krise. Bei den Parlamentswahlen im März 1998 wurden sie stärkste politische Kraft. Entgegen den Machtverhältnissen im Parlament ernannte Präsident Kutschma im Dezember 1999 den reformorientierten Finanzexperten Viktor Juschtschenko zum Ministerpräsidenten. Mit einem Referendum suchte der im April 2000 seine Stellung gegenüber dem Parlament vergeblich zu stärken.

Im April 2001 wurde er durch ein von den Kommunisten und den Parteien der Industriellen und Unternehmer unterstütztes Misstrauensvotum im Parlament gestürzt. Mit seinem Antritt bei der Präsidentenwahl im Jahr 2004 versuchte der westlich orientierte Juschtschenko, die wichtigste Machtposition im Land gegen seinen Widersacher, Ministerpräsident Janukowitsch, zu erringen. Dieser steht für eine politische und wirtschaftliche Annäherung an Russland, während Juschtschenko die Hinwendung seines Landes nach Europa anstrebt.

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