ARD-Reportage über Neonazis: "Warum gerade im Osten?"

Er spekulierte auf den Umsturz nach der Wende: Neonazi Christian
Worch.
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Er spekulierte auf den Umsturz nach der Wende: Neonazi Christian Worch.

© NDR

Nach der Wende trafen Neonazis und Rassisten vor allem in den neuen Bundesländern auf fruchtbaren Boden. "Warum gerade im Osten?", fragten sich die Macher der Sendung "Die Story im Ersten: Rechts und Radikal", die am späten Montagabend ausgestrahlt wurde.

Ein verbreiteter Twitter-Hashtag aus dem vergangenen Jahr lautete: "#Baseballschlägerjahre" - ein Label, unter dem Menschen ihre Erfahrungen mit Neonazis im Ostdeutschland der 90er- und 00er-Jahre beschrieben. Heißt: Angriffe auf Andersdenkende, rassistische Beleidigungen, ein Klima der Angst. Nach dem Mauerfall, so die erst seit wenigen Jahren ausführlich debattierte Diagnose, stießen Rassisten und Neofaschisten in den neuen Bundesländern auf überaus fruchtbaren Boden. Bis heute sind rechte und rassistische Einstellungen dort besonders verbreitet. "Warum gerade im Osten?", fragte "Die Story im Ersten" nach den Ursachen. Unter dem Titel "Rechts und Radikal" beleuchtete die am späten Montagabend gesendete ARD-Reportage die historischen und gesellschaftlichen Gründe dafür. Ein wichtiger, tiefschürfender Beitrag, der durchaus noch mehr als 45 Minuten Sendezeit verdient gehabt hätte.

Der Film, der auch in der ARD-Mediathek zu sehen ist, war von Aussagen und zum Teil erschreckend offenen Bekenntnissen geprägt, von Sätzen, die zu denken geben und den Zuschauer noch lange nach der Ausstrahlung beschäftigen. "Die Wiedervereinigung funktionierte nirgends so gut wie bei den Neonazis", erklärte Aussteiger Ingo Hasselbach über die rechte Szene der 90er-Jahre. Ihn und weitere (ehemalige) Neonazis befragen die Autoren Birgit Wärnke und Julian Feldmann in ihrem gut recherchierten und gerade darum überaus bedrückenden Film. Interviewt wurde etwa auch der bekannte Neonazi Christian Worch, der noch immer die damaligen "personellen Ressourcen" im Osten lobt. Worch, der bis in die Nullerjahre regelmäßige Aufmärsche in Leipzig anmeldete, gehörte zu jenen BRD-Neonazi-Kadern, die nach der Wende in den Osten kamen und dort das Potenzial für einen faschistischen Umsturz witterten. "Ich bin ein politischer Soldat für mein Volk", schwadroniert er vor der Kamera des ARD-Teams.

Eine "Machtübernahme" der Neonazis gab es zwar nicht, und auch Worch scheiterte regelmäßig an der Gegenwehr in den Großstädten. Und doch: Pegida entstand im sächsischen Dresden, der NSU organisierte sich in den neuen Bundesländern - und noch immer ist ein Aufenthalt in einigen Landstrichen der ostdeutschen Provinz für Nicht-Weiße und Geflüchtete nicht unproblematisch, zum Teil auch nicht ungefährlich.

Auch die AfD fährt im Osten die höchsten Ergebnisse ein, sitzt in allen Parlamenten. Die Partei habe die "Sprach- und Alternativlosigkeit durchbrochen", drückt es Hans-Christoph Berndt aus, Fraktionschef der AfD in Brandenburg und Vorsitzender des Vereins "Zukunft Heimat". Für den Film wurde der Nachfolger des Rechtsextremen Andreas Kalbitz bei seiner täglichen Arbeit begleitet.

Neonazis gab es schon in der DDR

So bewegt sich die Reportage nah an den Neonazi-Protagonisten von heute und damals, porträtiert drei Szene-Größen der 90er-Jahre und sucht so einen fast schmerzlich intimen Einblick in ein politisches Milieu, das nach Ansicht mancher Beobachter medial und politisch lange als Randerscheinung verharmlost wurde. Vielleicht auch, weil ihre Hochburgen in Ostdeutschland oft randständig behandelt wurden? Weshalb der Neonazismus ausgerechnet auf dem Gebiet jenes Staates blühte, der den Antifaschismus als Staatsangelegenheit betrachtete, erörtert der Film im Gespräch mit Historikern und Zeitzeugen und mit Blick auf seltenes Archiv- und Filmmaterial.

Eine große Rolle für die rechten Kontinuitäten spielte demnach die DDR-Vergangenheit selbst: Bereits vor dem Mauerfall hatten sich etwa 200 Neonazi-Gruppen im "Arbeiter- und Bauernstaat" gegründet, wie der Ex-DDR-Kriminalpolizist Bernd Wagner weiß. Er war Leiter eines geheimen Projekts des DDR-Innenministeriums, das unter der Bezeichnung "AG Skinhead" illegale Vereinigungen wie die "SS-Division Walter Krüger Wolgast" oder die "Lichtenberger Front" untersuchte. Auch wenn dies vor der Wende nicht öffentlich werden durfte und offiziell nicht existierte: 15.000 Neonazis soll es dem Film zufolge nach Schätzungen der Forschungsgruppe in der DDR gegeben haben; Unterlagen der Stasi belegen auch zahlreiche Übergriffe und rassistische Gewalttaten.

Nach dem Mauerfall brach sich der unter der Oberfläche schlummernde Nationalismus und Rassismus dann offen Bahn - am schlimmsten etwa bei Pogromen wie 1992 in Rostock-Lichtenhagen; und begünstigt vom Zusammenbruch der DDR-Behörden und dem Zuzug westdeutscher Neonazi-Größen.

"Faschos waren allgegenwärtige Begleiter meiner Kindheit", beschreibt es der 1988 geborene und in Stralsund aufgewachsene Hendrik Bolz, bekannt geworden als Rapper "Testo" vom HipHop-Duo "Zugezogen Maskulin". Seine Jugend in den 90er- und 00er-Jahren, die Bolz 2019 mit jenem genannten und viral gewordenen Begriff "Baseballschlägerjahre" umschrieb, kann für große Teile der im Osten aufgewachsenen Generation als stellvertretend gelten.

Vor der Kamera agiert immer wieder die Autorin, Regisseurin und Videojournalistin Birgit Wärnke als beharrliche und sachliche Nachfragerin. Sie hat sich, ähnlich wie unlängst ProSieben-Investigativ-Mann Thilo Mischke in seinem vielbeachteten Film "Rechts. Deutsch. Radikal.", eine erstaunliche Nähe zum Sujet und den Protagonisten erarbeitet. Auch sie lieferte nun intensive, bisweilen extrem verstörende Bilder frei Haus. "Birgit Wärnke und Julian Feldmann blicken in ihrem Film auf eine Zeit zurück, die ihre braunen Schatten bis heute wirft", hieß es in der ARD-Ankündigung sehr treffend.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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