Augen auf, sie kommen wieder!

Flux (links), Dero (Mitte) und Crap sind Oomph! - und das seit
inzwischen schon fast 30 Jahren.
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Flux (links), Dero (Mitte) und Crap sind Oomph! - und das seit inzwischen schon fast 30 Jahren.

© Stefan Heilemann / Heilemania
14.01.2019 - 00:00 Uhr

Dreieinhalb Jahre nach der Jubiläumsplatte "XXV" melden sich Oomph! mit neuer Musik zurück. Und sie sind im Jahr 2019 immer noch eine Band, die viel zu sagen hat - unter anderem auch zum Echo-Aus 2018. 2006 waren Oomph! schließlich selbst von der Veranstaltung ausgeschlossen worden.

Es gibt Bands, die irgendwann zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind und dann diesen einen großen Erfolg landen. Keine One-Hit-Wonder im eigentlichen Sinne, sondern kontinuierlich arbeitende Szenetiere, die für einen kurzen Moment im Mainstream auftauchen, um sich danach wieder ihrem angestammten Revier zu widmen. Oomph! sind so ein Fall. Seit fast 30 Jahren existiert die Band in derselben Besetzung. Oomph! gelten als Pioniere der Neuen Deutschen Härte, als bedeutender Einfluss auf Rammstein und viele andere Genrevertreter. 2004 landeten sie mit "Augen auf!" dann plötzlich ganz oben in den Charts und gerieten damit in den medialen Fokus - der Song bleibt bis heute der größte Hit des Trios. Im Gespräch zum neuen Album "Ritual" (erhältlich ab 18. Januar) wird einmal mehr deutlich: Oomph! sind einfach keine Mainstream-Band.

Zunächst blickt die Band auf die jüngere Vergangenheit zurück. Sänger Dero (48) berichtet, man sei zuletzt unter anderem in Mexiko aufgetreten, sehr oft auch in östlichen Ländern. Gitarrist Flux (51) erzählt von zwei Shows mit Orchester in Russland, die einiges an Zeit in Anspruch genommen hätten. Die Idee dazu sei auf dem "Gothic meets Klassik"-Festival in Leipzig entstanden. Russland als Ort großer und denkwürdiger Konzerte - dieses Bild entsteht in der Rockszene immer wieder. Nicht nur bei Oomph!, auch bei anderen deutschsprachigen Bands wie In Extremo steht das Land hoch im Kurs. Warum? Gitarrist und Keyboarder Crap (48), der dritte im Bunde, mutmaßt: "Die haben wahrscheinlich eine ähnliche Melancholie wie wir. Musikalisch ist das nicht so weit voneinander weg, wenn du dir deren traditionelle Lieder anhörst."

Dero sieht darüber hinaus einen gesellschaftlichen Aspekt, zumal die Fans in den östlichen Ländern oftmals sehr jung sind: "Wenn sich Menschen von ihren Eltern abnabeln, dann ist es in Deutschland sehr diffus, welche Musik sie hören", erklärt der Sänger und Schlagzeuger. "Wenn sich Teenager in Russland neu definieren, dann muss die Musik dazu hart sein. Und deutschsprachige Musik ist dort im Moment total angesagt." Probleme mit der Sprachbarriere sieht Dero nicht: "Viele haben als zweite Fremdsprache neben Englisch Deutsch gewählt und interessieren sich - auch durch die Musik - für die deutsche Sprache." Mit einer gewissen Bewunderung fügt er hinzu: "Viele können die Songs komplett und fast akzentfrei mitsingen. Das finde ich schon spektakulär."

Spektakulär ist auch das neue Werk "Ritual", das sich als typisches Oomph!-Album einordnen lässt. Der Härtegrad in Text und Musik ist beachtlich, oder wie die Band selbst es beschreibt: "Es ist ein Album, das sich stark nach einer bestimmten Phase von uns in den 90-ern anhört, gemischt mit der Neuzeit." Titel wie der bereits veröffentlichte Antikriegssong "Tausend Mann und ein Befehl", "Lass' die Beute frei" und das politisch eindeutige Stück "Europa" zeugen davon, dass Oomph! auch nach beinahe drei Dekaden noch ganz vorne mitspielen, wenn es um die sogenannte Neue Deutsche Härte geht.

Damals war nicht alles besser

Wahrscheinlich wird man die Band aber auch in Zukunft primär mit ihrem großen Hit "Augen auf!" in Verbindung bringen, der in Deutschland und Österreich 2004 auf Platz eins landete. Im Gespräch über die Tage an der Chartspitze erwecken Dero, Flux und Crap den Eindruck, dass ihnen das Ganze damals sogar etwas unheimlich war. Es sei ein Song wie jeder andere gewesen, sie hätten einfach durch Zufall den Nerv der Zeit getroffen. "Irgendwie ist das auch normal. Dich gibt es seit langem, du arbeitest seit langem hart, und irgendwann einmal ist deine Zeit einfach da", analysiert Dero nüchtern. "Und dann wirst du plötzlich bis in die Schulhöfe hinein gehört. Das war bei Metallica so, bei Rammstein, bei Revolverheld. Und das ist heute noch so. An den Schulen laufen Zehnjährige mit Slipknot-Button an der Tasche herum. Und bei Marilyn Manson haben sich die Kids ihre weißen Linsen reingedrückt. Das ist auch vollkommen okay."

Wichtig sei für eine Band in so einer Situation, was sie selbst daraus mache. Und dass sie wieder runterkommt. Denn all der Erfolg hatte auch seine Schattenseiten: "Ich habe in dieser Zeit gemerkt, dass ich gar nicht dafür gemacht bin, ein weltberühmter Star zu sein", gesteht Dero. "Das bedeutet nämlich, dass du überall nur mit Bodyguards hingehen kannst und an jeder Ecke erkannt wirst. Das wäre für mich so ein Verlust an Lebensqualität, das könnte kein Geld aufwiegen." Und er wird noch deutlicher: "Ich bin Musiker, weil ich Abgründe in meiner Seele reflektieren möchte. Ich habe Musik immer als Werkzeug angesehen. Auch als Therapie, um mich selbst besser kennenzulernen und innere Dämonen zu bekämpfen. Aber nicht, um der geilste Typ der Welt zu werden. Das macht mir eher Angst."

Ein gewisses Unbehagen bereiten dem Oomph!-Trio auch die Zustände in der Gesellschaft, welche auf "Ritual" schonungslos und mit viel musikalischer Härte angesprochen werden: Der sexuelle Missbrauch in der Kirche ("Das Schweigen der Lämmer") ist ebenso präsent wie die Geilheit der Presse nach großen Schlagzeilen: Die Buchstabenreihen des Songs "TRRR - FCKN - HTLR" lassen sich durch die einfache Hinzugabe von Vokalen zu einem ebenso hässlichen wie zugkräftigen Dreigestirn ausformen. Damit werde die Entwicklung der digitalen Gesellschaft reflektiert, erklärt Dero. "Sprachverrohung, Sprachvereinfachung und auch das Phänomen, dass innerhalb von Internetforen, ganz gleich welcher Ausrichtung, immer wieder alles auf drei Themen reduziert wird: Terrorismus, Pornografie, Nazis. Wir halten da der Gesellschaft schon ein bisschen den Spiegel vor und zeigen, dass es in allen drei Bereichen die gleichen Verführungsmechanismen gibt."

Der Echo hallt nach

Und dann kommt die Sprache auch noch auf den Echo: 2006 wurden Oomph! aufgrund ihres Songs "Gott ist ein Popstar" ausgeladen, im letzten Jahr verabschiedete sich die Veranstaltung nach dem Skandal um Kollegah und Farid Bang von der Bühne. "Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, wofu?r wir damals - übrigens als allererste Band in der Geschichte des Echo - ausgeladen wurden, und was Kollegah und Farid Bang von sich gegeben haben", setzt Crap an. "Wir hatten mit 'Gott ist ein Popstar' seinerzeit einen Song über die Machtstrukturen und das Verführungspotenzial innerhalb von organisierten Religionen verfasst. Da dieser Song in die Zeit der Diskussion über die damaligen Mohammed-Karikaturen fiel, nahm RTL plötzlich Anstoß an unserer grundsätzlich religionskritischen Aussage. Auf einmal war scheinbar jedes religiöse Thema zu heiß und zu schwierig. Was aber muss mittlerweile fu?r eine Verrohung der Sprache stattgefunden haben, dass Kollegah und Farid Bang mit ihrer Aussage u?berhaupt bis zum Echo gekommen sind?"

Dero wird noch deutlicher. Oomph! ha?tten sich damals durchaus etwas bei ihrem Song gedacht, es gab einen Hintergrund für die Provokation: Man habe das Bedu?rfnis gehabt, etwas gesellschaftlich Relevantes mitzuteilen. Hingegen stecke hinter einem Vorgehen nach dem Motto "Hey, unser Manager hat gemeint, wenn wir 'Auschwitz' oder 'Kraft durch Freude' in unseren Text einbauen, dann erzeugen wir maximale Aufmerksamkeit" nichts außer der Provokation zum reinen Selbstzweck. Dieses Verhalten sei absolut "armselig".

Dero vertieft sich immer weiter in das Thema der "Deutungsfreiheit" im Zusammenhang mit Sprache. Das ist sein Metier, Oomph! waren schließlich schon immer Meister der Provokation und des düsteren, kritschen Kommentars. "Der Kontext ist wichtig und was ich gemeint habe. Nicht, was du denkst, was ich gemeint habe." Ansonsten lande man irgendwann beim "Neusprech", wie man ihn aus George Orwells Roman "1984" kennt, also einer staatlich vorgegebenen Sprache. "Da sind wir durch diese pathologische 'political correctness' teilweise auch schon angelangt: 'Das darf man nicht mehr sagen! Und das schon gar nicht!' Das hat teilweise schon inquisitorische Züge."

Oomph! auf Tour:

01.03. Hannover, Capitol

02.03. Berlin, Astra

03.03. Hamburg, Markthalle

05.03. Bochum, Zeche

06.03. Wiesbaden, Schlachthof

08.03. Stuttgart, Im Wizemann

09.03. München, Backstage Werk

10.03. Dresden, Kraftwerk Mitte

12.03. Leipzig, Täubchenthal

13.03. Nürnberg, Hirsch

15.03. Köln, Live Music Hall

Quelle: teleschau - der mediendienst GmbH
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