Corona als Brennglas: Warum die Kluft zwischen Arm und Reich größer wird

Familie Pohl tilgt derzeit die Schulden für ihr Eigenheim und
investiert dadurch bereits in die Zukunft.
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Familie Pohl tilgt derzeit die Schulden für ihr Eigenheim und investiert dadurch bereits in die Zukunft.

© ZDF / Frank Zintner

Sind Vermögen in Deutschland ungleich verteilt? Und welche Auswirkungen hatte die Corona-Krise auf die finanzielle Lage einzelner Bürger aus Ober-, Mittel- und Unterschicht? Eine "ZDFzeit"-Doku hat sich am Dienstagabend dieser Fragen angenommen.

Deutschland ist ein reiches Land. Dies galt vor der Corona-Krise und das wird auch weiterhin gelten. Doch ist das Vermögen der Bevölkerung auch gerecht verteilt? Wie geht es Armen und Reichen während der Pandemie? Und was verändert sich dadurch an ihrer Situation? Die Dokumentation "ZDFzeit: Armes Deutschland, reiches Deutschland - Der Vermögenscheck" ist diesen Fragen am Dienstagabend auf den Grund gegangen.

Die Filmemacher Thomas Beyer, Christian Bock und Frank Zintner haben sich dafür in Ober-, Mittel- und Unterschicht umgehört. Begonnen haben sie bei den reichsten zehn Prozent. Diese, so heißt es, besitzen 66 Prozent des deutschen Gesamtvermögens. Einer von ihnen ist der Unternehmer Markus Graf von Oeynhausen-Sierstorpff. Ihm gehören ein Golfplatz, ein Luxushotel sowie vier Kurklinken. Um seinen Betrieb während des Lockdowns am Laufen zu halten, musste er Schulden machen. Käme es zu einer zweiten Schließung, würde es kritisch. Stellenabbau drohe, wie er erklärte.

Besser geht es da schon Ismet Koyun. Der IT-Unternehmer entwickelt Sicherheitssoftware für Firmen. Durch das zunehmende Home Office floriert sein Betrieb. Als gebürtiger Türke hat er eine Vorbildfunktion, denn Migranten, so erklärte Prof. Naika Foroutan vom Deutschen Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung, hätten es auf dem Weg nach oben besonders schwer.

Doch auch das Gefälle zwischen Ost- und Westdeutschland wurde in dem Beitrag betrachtet: Selbst 30 Jahre nach der Wiedervereinigung betrage das Bruttoinlandsprodukt in den neuen Bundesländern nur 75 Prozent von dem des Westens. Bei den Vermögen verhalte es sich ähnlich. Durch die Corona-Krise werden sich die Konflikte zwischen Ost und West, laut Foroutan, weiter verschärfen.

Die Mittlschicht ist von der Krise stark betroffen

Aus der Mittelschicht porträtierten die Filmemacher unter anderem die Familie Pohl. Neben der Schuldentilgung für ihr Eigenheim bekommen sie die Krise deutlicher zu spüren, wie Dr. Markus M. Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin erklärte: "Diejenigen Personengruppen, die derzeit von Kurzarbeit betroffen sind oder auch arbeitslos geworden sind, sind natürlich ganz stark betroffen. Denn da fehlt das Einkommen, um den Lebensunterhalt zu bestreiten und dann wird auf Vermögen häufig zurückgegriffen." Lehrer und Beamte wiederum hätten absolut krisensichere Jobs, wie Prof. Andreas Peichl, Volkswirtschaftler am "ifo Institut" München ergänzte.

Auch in der Mittelschicht seien Migranten am stärksten von der Krise betroffen: Diese, so erklärte Foroutan, arbeiteten häufig in Dienstleistungssektor und könnten nicht ins Home Office wechseln. Würden Migranten auch weiterhin aus bestimmten Berufen ferngehalten, bestünde das Problem, gesellschaftliche Strukturen mittelfristig aufrechtzuerhalten.

Ernüchternde Aussichten nach Corona

Zuletzt beschäftigte sich die Doku mit der Unterschicht. Knapp 16 Prozent gelten demnach in Deutschland als "armutsgefährdet". Dies entspreche einem monatlichen Einkommen von 1.100 Euro für einen Ein-Personen-Haushalt, wie Grabka erklärte. Besonders betroffen seien alleinerziehende Mütter: "Wer alleinerziehend ist, kann typischerweise nicht Vollzeit berufstätig sein, weil es gar nicht die entsprechende Kinderbetreuung gibt", erklärte Prof. Monika Schnitzer vom Sachverständigenrat Wirtschaft. Dementsprechend bestünden kaum Chancen, Vermögen aufzubauen.

20 Prozent der Deutschen, hieß es weiter, hätten keinerlei Rücklagen. Zehn Prozent hätten sogar Schulden, die im Schnitt bei 13.000 Euro lägen. Die 63.000 Privatinsolvenzen aus dem Jahr 2019 würden durch die Corona-Krise noch deutlich steigen, so lautete die Prognose.

Am Ende stand somit ein ernüchterndes Fazit, wonach man für den Vermögensaufbau viel Zeit und ein sicheres gutes Einkommen benötige. Für die ärmere Hälfte der Deutschen sei dies gerade in Krisenzeiten nahezu aussichtslos. Laut Peichl werde die Ungleichheit in Zukunft sogar noch steigen. Forountan fasste zusammen: "Im Grunde wird vielen klar, dass Corona wie ein Brennglas funktioniert hat: Die Ungleichheitsstrukturen waren vorher schon da, sie sind den Menschen nur nicht so bewusst gewesen."

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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