Dar Salim im Interview: Ein Däne erklärt den deutschen "Tatort"

Dar Salim, ein Däne mit irakischen Wurzeln, ist gut im Geschäft,
wenn es um skandinavische und auch angloamerikanische Film- und
Serien-Produktion geht. Besonders interessant ist, was er als
"Außenseiter" über der Deutschen liebstes Krimikind, den "Tatort",
zu sagen hat.
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Dar Salim, ein Däne mit irakischen Wurzeln, ist gut im Geschäft, wenn es um skandinavische und auch angloamerikanische Film- und Serien-Produktion geht. Besonders interessant ist, was er als "Außenseiter" über der Deutschen liebstes Krimikind, den "Tatort", zu sagen hat.

© Radio Bremen / Christine Schroeder

Einer der international erfolgreichsten Schauspieler Dänemarks tritt als Bremer "Tatort"-Kommissar an. "Game of Thrones"-Star Dar Salim über Stärken und Schwächen des deutschen Krimi-Erfolgsmärchens sowie die Schwierigkeit, nach einem satirischen Einstieg noch richtig ernst genommen zu werden.

Dar Salims Lebensgeschichte klingt so unglaublich wie die Aufstiege mancher Action-Helden, die der 43-Jährige in seiner Karriere bereits verkörperte. Als Einjähriger ist er aus Bagdad geflohen. Als Dar Salim sieben war, landete seine Familie nach längerer Odyssee in Dänemark. Der junge Immigrant ging zum Militär und patrouillierte zeitweise vor Schloss Amalienborg, der Kopenhagener Stadtresidenz der dänischen Königin. Später arbeitete Salim als Pilot, Koch und Fitnesstrainer, belegte parallel Schauspielkurse in London und New York. Auch diese Transformation im Leben des Einwanderers funktionierte. In der aufblühenden dänischen Film- und Serienlandschaft spielte sich Salim schnell nach oben - und auch international kamen viele Rollenangebote. So spielte er in "Exodus" von Ridley Scott - und vor allem in der ersten Staffel von "Game of Thrones" den Dothraki-Krieger Qotho. Weniger martialisch - und eher von leiser Ironie durchzogen - ist Salims Part als Bremer "Tatort"-Ermittler Mads Andersen. An der Seite von Jasna Fritzi Bauer und Luise Wolfram ist der durchtrainierte Däne im Debütfall "Neugeboren" (Pfingstmontag, 24. Mai, 20.15 Uhr, im Ersten) zu sehen.

teleschau: Sie haben 2014 schon mal in einem Bremer "Tatort" mitgespielt. Was hat sich seitdem geändert?

Dar Salim: Oh, eine Menge. Damals war ich der Bösewicht, heute bin ich der Kommissar. Außerdem war mein Deutsch damals so schlecht, dass ich die Sätze im Drehbuch auswendig lernen musste - was alles andere als optimal ist. Mittlerweile ist mein Deutsch viel besser.

teleschau: Wie wichtig ist Deutsch zu lernen für einen dänischen Schauspieler?

Salim: Wir sind ein kleines Filmland. Vor allem früher war die Zahl der Produktionen ziemlich begrenzt. Die meisten dänischen Schauspieler orientieren sich in Richtung des angloamerikanischen Raums. Trotzdem ist Deutschland natürlich ein interessanter Markt für uns, auch wenn es mir als Däne immer so vorkam, als wäre die Deutschen eher so für sich und ein bisschen isoliert in der internationalen Filmwelt. Ich hatte immer etwa einen Job pro Jahr auf Deutsch. Insofern arbeite ich schon seit Jahren an meinen Deutschkenntnissen, schaue Filme, höre Hörbücher und so weiter.

"Game of Thrones' war zu Beginn eine kleine Fantasy-Serie"

teleschau: Warum ist es für einen Schauspieler so wichtig, dass er versteht, was er sagt?

Salim: Seien wir ehrlich, die meisten Drehbücher sind kein Shakespeare. Kein Stoff, bei dem jedes Wort perfekt sitzt. Es ist von Vorteil, wenn man seine Zeilen während des Drehs einer Szene ein bisschen modifizieren kann. Dann, wenn man spürt, dass etwas anderes gesprochen besser passt. Wenn du in dieser Situation die Sprache nicht wirklich kannst, bist du ziemlich verloren.

teleschau: Dänemark hat als Serien- und Filmland in den letzten zehn oder 15 Jahren enorm an Popularität gewonnen. Spüren das auch die dänischen Schauspieler?

Salim: Ja, auf jeden Fall. Der größte Unterschied ist die Zahl der Produktionen. Früher gab es den staatlichen Sender DR und noch ein klein wenig Kino. Heute haben wir Netflix, HBO Nordic, Discovery plus und natürlich die privaten Programme von TV2. Ich habe das Glück, dass ich jeden Tag arbeiten kann, wenn ich will. Schauspieler zu sein, ist immer unsicher, aber das macht mir nichts aus. Man spürt definitiv den Effekt, dass mehr Anbieter für den Streaming-Markt produzieren und es weltweit mehr Optionen gibt. Die Welt ist sozusagen kleiner geworden. Das ist gut für alle, denn das bedeutet, dass man mithalten und Qualität produzieren muss.

teleschau: In Deutschland kennt man Sie als "Game of Thrones"-Darsteller, wo Sie einen Dothraki-Krieger spielten. Wie sind Sie damals zur Rolle gekommen?

Salim: Ja, das war keine große Sache (lacht). Ich war nach "Game of Thrones" nicht unbedingt bekannter als davor, vor allem nicht in Dänemark. Die Rolle war eher klein, und es war die erste Staffel. Damals war die Serie noch nicht die größte der Welt. Es war so, dass ich als Schauspieler eben auch bei einer englischen Agentur war, die mich für eine neue Fantasy-Serie angefragt hat. "Game of Thrones" sollte sie heißen. Kein Mensch, den ich kannte, konnte etwas damit anfangen (lacht). Ich habe damals parallel auch die dänische Serie "Borgen" gedreht. Das war ehrlich gesagt viel wichtiger. "GoT" war zu Beginn eine kleine Fantasy-Serie. Man vergisst oft, dass sie erst im Lauf der Jahre zu "the biggest thing that ever happened on TV" geworden ist.

"Ich bin so ein großer Fan von Deutschland"

teleschau: Das größte Ding im deutschen Fernsehen ist der "Tatort". Was wussten Sie vor Ihrem ersten Mitwirken über diese Krimireihe?

Salim: Ich wusste, wie bedeutend der "Tatort" in Deutschland ist, und ich bin so ein großer Fan von Deutschland im Allgemeinen: vom Sport, von der Formel 1 und von der Fußballmannschaft. Ich war 2006 hier, als Deutschland Portugal geschlagen hat, und ich hatte mein Gesicht mit der deutschen Flagge bemalt. Ich hatte das Gefühl, dass Deutschland als Land viel mehr als den dritten Platz in der Weltmeisterschaft gewonnen hat. Eine Hauptrolle in so einem Flaggschiff angeboten zu bekommen, war also eine Ehre für mich. Aber ich habe nicht "Tatort" geschaut, um mich vorzubereiten. Ich wusste, dass "Tatort" ein Dach für alles Mögliche ist - von Komödie über Drama bis hin zu experimentellem Filmemachen. Deshalb wusste ich, dass es für meine Vorbereitung nicht hilfreich wäre, andere "Tatorte" zu sehen. Ich wollte mich darauf konzentrieren, einfach einen guten Film zu machen, einen starken Charakter darzustellen und die beste Geschichte zu erzählen.

teleschau: Der "Tatort" ist das erfolgreichste Fiction-Produkt in Deutschland. Oft schauen zehn Millionen Menschen zu, manchmal noch mehr. Was bedeutet Ihnen das?

Salim: Es ist schön. Allerdings nur dann, wenn wir einen guten Film gedreht haben. Trotzdem habe ich einfach und allein die Ambition, einen sehr guten Film zu drehen. Wenn ihn viele sehen, freuen wir uns darüber.

teleschau: Der "Tatort" gilt in Deutschland auch als besonderes Format, weil man künstlerisch ambitionierte Dinge ausprobieren kann - und trotzdem schauen immer noch viele Millionen Menschen zu. Wie bewerten Sie das?

Salim: Das ist natürlich ein Phänomen. Aber auch eines, das in die falsche Richtung abbiegen kann. Wenn etwas sehr erfolgreich ist, egal wie gut es tatsächlich ist, entsteht gerne mal eine Routine. Nach dem Motto: Wir machen hier unseren normalen Job, und das wird schon passen. Normalerweise ist es ja so: Wenn ein Regisseur einen Film macht, hat er oder sie vielleicht fünf Jahre wie ein Löwe darum gekämpft - um die Finanzierung zu ergattern und den perfekten Cast, den perfekten Stab zu finden. Beim "Tatort" ist alles viel leichter. Er wird so oder so gemacht - und das ist nicht immer gut.

"Für einen Tatort ist das doch okay" - so sollte man nicht denken

teleschau: Sie sagen, der "Tatort" ist ein bisschen beamtenmäßig ...

Salim: Man spürt im Umfeld auf jeden Fall eine politische Meta-Ebene. Trotzdem können gute oder sehr gute Filme entstehen. Nur die Atmosphäre, die Ausgangsbedingungen sind beim Film normalerweise andere. An fast jedem Set überall auf der Welt kann man sagen: Jeder, der dort in irgendeiner Funktion steht, würde sich zerreißen, um dabei zu sein. So funktioniert Film. Bei Produktionen, die ohnehin im sicheren Hafen des Erfolgs segeln, muss man aufpassen, dass Kunst und Qualität nicht auf der Strecke bleiben. "Für einen Tatort ist das doch okay", habe ich öfter mal jemanden sagen hören. So sollte man nicht denken, finde ich.

teleschau: Unter- oder überschätzen wir Deutschen den "Tatort"?

Salim: Das kann ich nicht beantworten, dazu kenne ich das Format zu wenig. Ich habe nur festgestellt, dass einige Leute, die mit der Produktion zu tun haben, offensichtlich andere Erwartungen an einen "Tatort" haben als zum Beispiel an einen Kinofilm mit vergleichbarem Budget. Da ist es wichtiger, dass überhaupt etwas produziert wird als die Frage, wie gut das Produzierte ist. Das ist für mich nicht okay so. Man sollte bei jedem Film versuchen, das Bestmögliche herauszuholen. Egal, was auf dem Label steht.

teleschau: Bedrohen Logistik und Apparat so ein bisschen das Kunstwerk "Tatort"?

Salim: Als Außenstehender sehe ich zumindest die Gefahr. Das ganze Konzept des "Tatorts" lässt diese Gefahr zumindest im Raum stehen: Es gibt die verschiedenen Sendeanstalten und Ermittler-Teams in unterschiedlichen deutschen Städten. Jeder bekommt soundso viel Fälle pro Jahr zugewiesen. Das Geld und die Jobs sind auch schon verteilt. Manche Produzenten wissen schon Jahre in voraus, wie viele "Tatorte" sie in diesem und in den nächsten Jahre durchziehen müssen. Wer glaubt, dass ein solches System keinen Effekt auf die Qualität der Filme hat, hat keine Ahnung, wie Film funktioniert.

"Wer sich so weit aus dem Fenster lehnt,cmuss danach auch etwas Gutes abliefern"

teleschau: Nun stellt sich im Bremer "Tatort" ein Dreierteam vor, das sehr unterschiedliche Charaktere aufweist. Wie wahrscheinlich ist es, dass diese drei tatsächlich zusammenfinden?

Salim: Die Unterschiedlichkeit der beiden weiblichen Charaktere und meines Exil-Dänen soll die Stärke dieses "Tatort"-Teams werden - daran arbeiten wir. Wenn wir alle gerade ähnliche Lebensläufe hätten, gäbe es nichts Spannendes zu erzählen. Ich denke, die drei Figuren ergänzen sich sehr gut. Und auf persönlicher Ebene genieße ich die Arbeit mit beiden Darstellerinnen sehr. Meine Figur Mads ist eine Art Chamäleon, weil er lange "undercover" gearbeitet hat. Ich habe viel zu dem Thema recherchiert und Gespräche geführt. Ein solches Leben macht eine Menge mit dir. Man wird sehr wandelbar, aber es führt auch zu einem Gefühl der Beliebigkeit und Verlorenheit. Mads ist ein sehr interessanter Charakter, auf dessen Weiterentwicklung ich mich sehr freue.

teleschau: Ihr "Tatort"-Team hat sich mehrere Monate vor dem ersten richtigen Fall in der Mockumentary "How to Tatort" über die eigene Arbeit lustig gemacht. Ist das nicht ziemlich risikoreich?

Salim: Das war auch meine Überlegung. Deshalb zögerte ich lange, ob ich das überhaupt machen will. Der größte Segen der Idee war, dass meine Partnerinnen und ich eine gemeinsame Vorbereitungszeit bekamen, die uns vor dem ersten richtigen Dreh zusammenwachsen hat lassen. Grundsätzlich fand ich, dass die Satire eine super Idee war. Aber vielleicht hätten wir davor erst mal fünf Jahre "Tatort" machen sollen. Aber - es hat viel Spaß gemacht. Ich habe meine Rolle in "How to Tatort" gegenüber dem ersten Konzept noch mal deutlich geändert, indem ich sie viel zurückhaltender anlegte.

teleschau: Was war - konkret - Ihre Befürchtung?

Salim: Es macht keinen Sinn, erst den Clown zu spielen - und hinterher will man ernst genommen werden. Ich sprach auch nur Englisch in der Satire, um eine gewisse Distanz zu behalten. Uns allen drei war klar: Wer sich so weit aus dem Fenster lehnt, wer sich auf diese Weise selbst reflektiert, muss danach auch etwas Gutes abliefern. Trotz meines anfänglichen Zögerns bin ich sehr froh, dass wir "How to Tatort" umgesetzt haben. Sebastian Colley ist ein sehr starker Autor, und auch die Regisseurin Pia Hellenthal war fantastisch. Der Dreh hat uns sehr nahegebracht, er hat Spaß gemacht.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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