Der "Tatort" blickte in deutsche Abgründe: Trifft Obdachlosigkeit Frauen härter?

Der Kölner "Tatort" drehte sich um Armut und Obdachlosigkeit bei
Frauen. Monika Keller (Rike Eckermann, links), das spätere Opfer,
half Ella Jung (Ricarda Seifried) auf der Straße klarzukommen.
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Der Kölner "Tatort" drehte sich um Armut und Obdachlosigkeit bei Frauen. Monika Keller (Rike Eckermann, links), das spätere Opfer, half Ella Jung (Ricarda Seifried) auf der Straße klarzukommen.

© WDR/Martin Valentin Menke

Was heißt es in dieser Gesellschaft, weiblich, arm und obdachlos zu sein? Der Kölner "Tatort: Wie alle anderen auch" erzählte schonungslos vom Leben auf der Straße. Trifft Obdachlosigkeit Frauen tatsächlich härter?

Es gibt "Tatort"-Themen, die einen noch weit über den Sonntagabend hinaus beschäftigen. Manche davon geraten einigen Zuschauern gar erst durch die beliebte Krimireihe ins Bewusstsein. Das muss auch anerkennen, wer das bisweilen arg überstrapazierte und viel zitierte Sendungsbewusstsein gern belächelt. Ein gutes Beispiel lieferte nun der aktuelle Kölner "Tatort: Wie alle anderen auch". Nach dem Jubiläumsfall mit Ost-West-Thematik beleuchteten Schenk und Ballauf wieder zeitgenössische soziale Abgründe: Schonungslos zeigte ihr 81. Fall, was es in dieser Gesellschaft bedeutet, weiblich und obdachlos zu sein - und wie gewalttätig in Armut lebende Frauen in diesem reichen Land zugerichtet werden.

Worum ging es?

Nachdem ihr Mann sie brutal geschlagen hatte, war Ella (fantastisch: Ricarda Seifried) von zu Hause geflohen und musste nun, völlig mittellos, auf der Straße zurechtkommen. Dabei half ihr die ältere Monika Keller (Rike Eckermann), die nach jahrelanger Obdachlosigkeit wusste, wie man draußen überlebt. Kurze Zeit später war Monika tot, nachts wurde ihr Lager unter einer Brücke in Brand gesetzt. Ins Visier gerieten unter anderem die obdachlose Gertrud (Dana Cebulla), die Monika den lukrativen Platz zum Zeitungsverkauf an der Domplatte nicht gönnte, und ein Mann (Jean-Luc Bubert), den die Ermordete wegen Vergewaltigung angezeigt hatte. Was beobachtete Ella, die noch versucht hatte, den Notruf zu wählen? Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) übernahmen die Ermittlungen - und begaben sich auf die Suche nach Ella.

Was war besonders an diesem "Tatort"?

Außergewöhnlich war schon die subjektive Perspektive, mit der Regisseurin Nina Wolfrum ihren Film begann: "Ich heiße Ella", stellte sich die Hauptfigur vor. Fortan begleiteten die Zuschauer sie, während die Kommissare im Dunklen tappten: So sah man, wie Ella den jungen Axel (Niklas Kohrt) ansprach, bei dem sie untertauchen konnte - nicht nur, um der Straße zu entgehen, sondern auch der Fahndung. Denn Ella, so sah man in rückblickenden Erinnerungen, hatte sich gegen ihren gewalttätigen Mann zur Wehr gesetzt.

Dass sich letztlich auch ihr "Helfer" als Gefahr entpuppte, zeigte das ganze Dilemma auf: Einmal im Teufelskreis, werden Frauen am Rande der Gesellschaft immer wieder ausgenutzt, ausgebeutet - und vergewaltigt. Das erfuhren auch Schenk und Ballauf, denen sich bei ihren Ermittlungen die harte Realität obdachloser Frauen offenbarte: "Wissen Sie, was es heißt, als Frau auf der Straße zu leben?", verwies Regine Weigand (Hildegard Schroedter) auf die oft vorkommenden Vergewaltigungen. Bestätigung der zynischen Verhältnisse: Die ebenso mittellose Leiterin des Cafés für obdachlose Menschen entpuppte sich letztlich als Täterin.

Ist das Leben auf der Straße für Frauen härter?

"Das alltägliche Leben auf der Straße ist besonders für Frauen sehr hart", schreibt der Blog GoVolunteer: Sie seien "häufig psychischer und physischer Gewalt ausgesetzt". Schätzungen zufolge leben in Deutschland etwa 110.000 Frauen auf der Straße, seit 2013 steigt die Zahl an. Sie genau zu ermitteln erweist sich als schwierig - auch, weil Frauen oft länger versuchen, ihre Wohnungslosigkeit zu verdecken, wie die Hilfsorganisation Gebewo berichtet. Zudem gelten viele Frauen als latent oder verdeckt wohnungslos, wie die Caritas die Experten Ronald Lutz und Titus Simon zitiert. Das heißt: Sie kommen, wie Ella im "Tatort", bei Bekannten und Freunden unter, nicht selten gibt es dabei sogenannte "Übernachtungsprostitution". Oft leben sie auch ohne Mietvertrag bei ihrem Partner, wodurch die Abhängigkeit steigt.

Häufig hängt der Verlust der Wohnung bei Frauen mit Konflikten und Gewalt in Partnerschaft und Familie zusammen. Laut Gebewo erhöht auch die strukturelle Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt die ökonomische Abhängigkeit und das Armutsrisiko. Zudem, so die Organisation, leiden obdachlose Frauen häufiger als Männer unter psychischen Erkrankungen. Auf der Straße droht ihnen sexuelle Belästigung, laut Erfahrungen der Caritas aus der Praxis geben 90 Prozent der Frauen an, sexualisierte Gewalt erlebt zu haben. Auch seien sie laut GoVolunteer gesundheitlich oft vorbelasteter als Männer, hinzukämen alltägliche Probleme wie die Beschaffung von Hygiene-Produkten. Verschärft wird die Situation dadurch, dass sich obdach- und wohnungslose Frauen oft erst spät oder gar nicht Hilfe suchen und öffentliche Hilfseinrichtungen seltener aufsuchen.

Was wollte der "Tatort" kritisieren?

Näherte sich der Borowski-"Tatort" in Kiel zuletzt frauenhassenden Männerbünden, stand bei den Kölnern nun eine andere, nicht minder tödliche Frauenfeindlichkeit im Mittelpunkt. Die Armut, in die von Männern abhängige Frauen oft geraten; die dauernde Gefahr, als obdachlose Frau vergewaltigt zu werden; die virulente gewaltvolle Bedrohung, die Frauen im Überlebenskampf ganz unten zu den Schwächsten macht - all das ist in einer noch immer patriarchalen Gesellschaft unter der dünnen Zivilisationskruste bittere Normalität.

"Bei meinem Gehalt und meiner Schufa-Auskunft nimmt mich kein Vermieter", sagte etwa die Altenpflegerin, die trotz Arbeit in ihrem Auto leben musste. Sie fasste das Problem zusammen: "Ich mache eigentlich alles richtig." Und dann war da noch die Täterin, die nach einer Mieterhöhung illegal Geld einsteckte, denn: "Ohne Wohnung hast du keine Chance. Am Ende gewinnt immer die Straße." Weil ihr das Opfer auf die Schliche kam, mordete sie. Ballauf und Schenk kommentierten richtigerweise: "Wegen 180 Euro im Monat. Wie verzweifelt muss man sein?" - "Oder wie beschissen alles andere."

Wie waren die Kommissare sonst drauf?

Nicht nur gab es den gewohnt kalauernden Dialogwitz ("Wir denken nicht, wir ermitteln" - "So kommt es mir manchmal auch vor"), auch trafen sich Ballauf und Schenk endlich mal wieder an der heiß geliebten Würstchenbude. Doch statt beim entspannten Feierabendbier zu plaudern, prangerten sie bei diesem ernsten "Tatort" auch dort Missstände an: "Eine Billion Euro steckt unser Staat jedes Jahr in unser Sozialsystem. Und trotzdem müssen manche Rentner im Mülleimer nach Flaschen suchen. Kannst du mir mal sagen, was die die ganze Zeit mit dem ganzen Geld gemacht haben?", lautete die ebenso plakative wie wichtige Kritik. Trotz einiger Klischees: Es war ein "Tatort", über den man noch länger nachdenken wird. Bei vielen haften bleiben werden sicher auch die Bilder tatsächlich obdachloser Menschen, mit denen der Krimi am Ende den Betroffenen ein Gesicht gab.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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