Iggy Pop im Interview: "Du darfst das Kind in dir nicht töten"

Iggy Pop möchte seine kindliche Seite auch als Erwachsener nicht
aufgeben: "Wenn das Kind in dir stirbt, bist du wahrscheinlich tot
besser dran. Aber meins ist noch quicklebendig!"
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Iggy Pop möchte seine kindliche Seite auch als Erwachsener nicht aufgeben: "Wenn das Kind in dir stirbt, bist du wahrscheinlich tot besser dran. Aber meins ist noch quicklebendig!"

© Universal Music

Iggy Pop hat einen Vogel: den Molukkenkakadu Biggy Pop, der ihm gerne ins Wort fällt, wenn er über Politik redet. Im Interview zu seinem neuen Album "Free" erzählt Iggy Pop davon. Worum es bei dem Treffen in Paris außerdem geht: das Kind im Manne, alte Gräber in Berlin und Werbung für die Deutsche Bahn.

Es ist 22 Grad warm bei strahlendem Sonnenschein. Der US-amerikanische Musiker und Schauspieler Iggy Pop (72), der eigentlich James Newell Osterberg heißt, sitzt mit schwerem Sakko und Wollschall bekleidet in seiner Suite im Pariser Nobelhotel Le Royal Monceau und hat Heimweh. Sein Gegenüber hat eine neunstündige Fahrt mit dem Zug in die französische Metropole hinter sich. Beste Voraussetzungen für ein Gespräch über die Deutsche Bahn, den Strand von Miami, Iggy Pops Influencer-Kakadu Biggy Pop und sein neues, von einer nachdenklichen Grundstimmung geprägtes Album "Free", auf dem der "Godfather of Punk" mit dem New Yorker Jazz-Trompeter Leron Thomas zusammenarbeitet und Gedichte von Lou Reed und Dylan Thomas zitiert.

teleschau: Seit gut einer Woche befinden Sie sich in Europa, um Ihr neues Album zu bewerben. Vermissen Sie es schon, barbusig am Strand von Miami zu sein?

Iggy Pop: Sehr sogar! Ich kann mich an diese Temperaturen hier einfach nicht gewöhnen. Und an die dicken Klamotten auch nicht. Die haben zwei Nachteile: Du musst sie mit dir herumtragen, und du musst sie waschen. Das ist nur lästig!

teleschau: Umso bemerkenswerter, dass Sie gerade mit dem Lifetime Achievement Award der britischen Männer-Style-Bibel "GQ" ausgezeichnet wurden.

Iggy Pop: Das ist schon mein zweiter Preis von denen. Ich habe das nie erwartet. Aber inzwischen kann ich wohl behaupten: Ich nehme ständig Preise von Lifestyle-Magazinen entgegen! Business as usual (lacht).

teleschau: Ihr neues Album heißt "Free". Repräsentiert das Cover-Motiv, auf dem man Sie im offenen Meer baden sieht, die ultimative Freiheit für Sie?

Iggy Pop: Das ist ein sehr typischer Moment für mich. Wenn ich nicht gerade als Iggy Pop unterwegs bin, gehe ich sehr früh am Morgen nackt im Ozean schwimmen. In diesem Fall ist es ein Standbild aus einem französischen Kurzfilm, den ich fürs Fernsehen drehte. Sie begleiteten mich zum Strand von Miami. Was man auf dem Bild nicht sieht, sind die Polizisten, die vor Ort waren, um die Öffentlichkeit vor mir zu beschützen.

teleschau: Waren Sie immer schon ein Freigeist?

Iggy Pop: Dieser Form von Freiheit, die ich jetzt vom Leben bekomme, gingen viele Kämpfe voraus. Ich erhielt für meine Art zu leben nicht viel Unterstützung. Ich musste sie mir ohne irgendwelche Sicherheiten über einen langen Zeitraum erarbeiten. Ich fühlte, dass ich mehr Freiheit brauche als andere Menschen. Aber die Dinge scheinen besser für mich zu laufen im 21. Jahrhundert. Meine Karriere läuft schon eine ganze Weile ziemlich gut, und ich genieße dadurch ein gutes Maß an Freiheit. Was ich mir leider trotzdem nicht erlauben kann: nackt über die Champs-Élysées zu laufen.

"Auch zu Hause bin ich für das Unterhaltungsprogramm zuständig"

teleschau: Einfluss auf Ihr neues Album soll auch Ihre Radioshow auf BBC 6 gehabt haben, in der Sie neue Musik vorstellen. Hält Sie das jung?

Iggy Pop: Die Arbeit als solche macht mich eher alt, denn es ist hart für mich, für mehrere Stunden in einem kalten Studio zu sitzen. Ich investiere viel Zeit, die richtigen Stücke zu finden und eine Songliste zusammenzustellen. Ich mache das alles selber. Ich verdiene damit so viel wie ein Polizist, aber es ist eine gute Sache, also tue ich es. Es öffnet mich, und ich nehme bewusst wahr, was Leute musikalisch anstellen, die viel jünger sind als ich.

teleschau: Was hätte Ihr Freund David Bowie zu Ihrem stark vom Jazz inspirierten neuen Album gesagt?

Iggy Pop: Ich denke, er hätte einiges davon gewürdigt.

teleschau: Ist das eher ruhige Werk "Free" so etwas wie ein Alterswerk?

Iggy Pop: Nicht unbedingt. Ich überrasche einfach gerne - und am liebsten überrasche ich mich selbst. Meine Stimme sitzt mittlerweile tiefer, so viel ist sicher. Aber ich mag Künstler wie Johnny Cash und Frank Sinatra, also kann ich gut damit leben.

teleschau: Was bedeutet es für Sie, in Würde zu altern?

Iggy Pop: Wenn du einen bestimmten Punkt im Leben erreicht hast, musst du wie deine eigenen Eltern sein. Du musst dich leiten und beschützen, aber du darfst das Kind in dir nicht töten. Wenn das Kind in dir stirbt, bist du wahrscheinlich tot besser dran. Aber meins ist noch quicklebendig!

teleschau: Wo wir gerade von Kindern sprechen: Wie geht es Ihrem Kakadu Biggy Pop?

Iggy Pop: Wunderbar. Er ist ein liebenswerter, guter Vogel, immer obenauf, immer in einer ziemlich guten Gemütsverfassung. Vögel, speziell die großen Molukkenkakadus, sind sehr sinnliche Tiere. Wenn mich nachts schlimme Gedanken plagen, fängt Biggy Pop an zu quietschen. Also zwingt er mich dazu, ständig an schönes Zeug zu denken. Wenn meine Frau und ich über Politik reden und das, was gerade Merkwürdiges in der Welt vor sich geht, legt er mit lautem Gebrabbel los (Iggy Pop ahmt sein Schimpfen nach). Er versteht zwar nicht den Inhalt einer Unterhaltung, sehr wohl aber den emotionalen Gehalt. Er will teilhaben, was auch immer du tust.

teleschau: Deshalb tanzt er in einem Instagram-Video auch zu Ihrem neuen Song "James Bond".

Iggy Pop: Sobald ich ihm eine Platte mit einem guten Beat vorspiele, bewegt er sich. Und wenn es etwas ist mit einer Melodie in hoher Tonlage, singt er sogar dazu. Papageien haben sehr hohe Stimmen.

teleschau: Auf Ihre neue Platte hat er es dennoch nicht geschafft!

Iggy Pop: Ich will den Vogel nicht ausbeuten! Meine Frau kümmert sich um seinen Instagram-Account. Ich komme darin nur vor, weil sie mich filmt, wenn ich mit ihm spiele. Denn auch zu Hause bin ich für das Unterhaltungsprogramm zuständig.

"Pink Floyd haben es mehr krachen lassen. Oder die Toten Hosen."

teleschau: Man liest oft, Sie hätten das Stagediving erfunden. Erinnern Sie sich an den Moment, als es damit losging?

Iggy Pop: Das muss 1968 gewesen sein. Es war im Grande Ballroom in Detroit - ich eröffnete für Mothers of Invention. Die Mädchen legten sich auf den Bühnenrand und starrten mich beim Singen an. Und ich dachte, es wäre doch ziemlich cool, wenn ich in Tauchpose auf ihnen landen würde. Dumm nur: Sie bewegten sich weg, als ich es tat. Ich habe mir bei der Nummer den Frontzahn ausgeschlagen. Da war jede Menge Blut. Aber als ich jung war, versuchte ich alles, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Darum ging's eigentlich.

teleschau: Wundern Sie sich manchmal selbst darüber, die vielen Jahre im Rockgeschäft so gut überstanden zu haben?

Iggy Pop: Ich habe sicherlich mehr weggesteckt als die meisten anderen. Mein Arzt sagt mir, dass ich einfach eine sehr starke Konstitution habe. Ich liebe meinen Körper und versuche, auf ihn achtzugeben. Ich habe schon 1969 mit den chinesischen Übungen des Qigong angefangen.

teleschau: Sie gelten auch als jemand, der das Leben liebt. Welche Luxusgüter leisten Sie sich?

Iggy Pop: Einen Rolls-Royce, ein Haus am Strand, ein Kunsthaus, eine Familienvilla mit Zaun drumherum und guten Wein. Viel mehr brauche ich nicht. Ich bin mir sicher, Pink Floyd haben es mehr krachen lassen. Oder die Toten Hosen.

teleschau: Was wäre aus Ihnen geworden, wenn Sie nicht Musiker geworden wären?

Iggy Pop: Vermutlich ein Psycho. Oder einer dieser verdrehten Politiker. Dann wäre ich wohl gerade auf dem Zenit angekommen.

teleschau: Eine wichtige Station in Ihrem Leben war unter anderem auch Berlin. Wann waren Sie zuletzt in der Hauptstraße 155 in Berlin-Schöneberg, wo Sie in den 70-ern mit David Bowie lebten?

Iggy Pop: Ich bin vor meinem letzten Konzert daran vorbeigefahren. Mir fiel sofort auf, dass da nun eine Gedenktafel hängt. In unmittelbarer Nähe ist der historische Friedhof (Alter St.-Matthäus-Kirchhof, Anm. d. Red.), auf dem die Gebrüder Grimm beerdigt sind. Ich ging da früher oft spazieren. Der Park war damals ziemlich heruntergekommen, aber es war trotzdem schön. Da waren diese kleinen ovalen Grabsteine, wie man sie oft auf alten deutschen Friedhöfen findet. Nun habe ich gesehen, dass sie dort neue große Nobelteile installiert haben. Furchtbar! Ich mag nichts Neues, ich bin Old School.

teleschau: Aber Sie werden jetzt nicht nostalgisch, oder?

Iggy Pop: Nein, überhaupt nicht. Ich hatte einfach das Glück, zu einer Zeit in Berlin zu sein, als in der Stadt ein enormes Gefühl von Offenheit herrschte und der schwebende Glaube daran, ohne zu viele gesellschaftliche Normen zu leben. Da waren Wehrdienstverweigerer und die muffeligen Studenten, die sich erfolgreich vor der Arbeit drückten. Die Mieten waren günstig, es war kein Problem, einen Parkplatz zu finden, und der öffentliche Nahverkehr war gut. Der inspirierte mich dann auch zum Text von "The Passenger".

teleschau: Im vergangenen Jahr machten Sie damit Werbung für die Deutsche Bahn.

Iggy Pop: Ja, und nachdem das im Kasten war, sagten mir viele deutsche Freunde: "Wie kannst du nur? Wir hassen die Deutsche Bahn. Die sind immer zu spät, streichen Züge." Als ich dort lebte, waren sie brillant. Große wunderschöne Waggons. Ich muss da was verpasst haben.

Quelle: teleschau - der mediendienst GmbH
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