Klarträume wie im Münchner "Tatort": "Im Prinzip kann es jeder erlernen"

Die Wienerin Dr. Brigitte Holzinger ist eine der weltweit
führenden Forscherinnen zum Thema Klartraum oder luzides Träumen.
In ihrer Heimatstadt betreibt sie ein wissenschaftliches Institut
für Schlafforschung und Schlafcoaching. Dem Münchner "Tatort:
Dreams" stand sie als Beraterin zur Seite.
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Die Wienerin Dr. Brigitte Holzinger ist eine der weltweit führenden Forscherinnen zum Thema Klartraum oder luzides Träumen. In ihrer Heimatstadt betreibt sie ein wissenschaftliches Institut für Schlafforschung und Schlafcoaching. Dem Münchner "Tatort: Dreams" stand sie als Beraterin zur Seite.

© Cochic Photography

Die Wiener Psychologin Dr. Brigitte Holzinger zählt zu den renommiertesten Expertinnen in Sachen Schlaf- und Traumforschung. Nun stand sie beim Münchner "Tatort: Dreams" beratend zur Seite. Was Klarträume tatsächlich leisten und wie jeder sie für sich nutzen kann, erzählt sie im Interview.

Was ist überhaupt ein Klartraum? Kann es wie im Münchner "Tatort: Dreams" passieren, dass man Traumgeschehen und Realität nicht mehr unterscheiden kann? Die Wiener Psychologin Brigitte Holzinger setzt sich seit Jahrzehnten mit dem faszinierenden Gebiet luzider Träume auseinander, die man selbst beeinflussen kann. Im Interview spricht die renommierte Wissenschaftlerin und Therapeutin darüber, wie man selbst zum "Klarträumer" wird und was man im Schlaf - tatsächlich - lernen kann.

teleschau: Frau Dr. Holzinger, Sie haben nicht nur den "Tatort: Dreams" fachlich beraten, Sie betreiben auch in Wien ein wissenschaftliches Institut für Schlafforschung und Schlafcoaching. Kann man sich das wie im Film vorstellen?

Brigitte Holzinger: Das wäre schön (lacht), andererseits aber auch wieder nicht. Schön wäre es, weil im Film ordentlich Forschungsgelder fließen, was in der Realität leider nicht so ist. Klartraum-Forschung ist immer noch Pionierarbeit. In unserem Institut ist luzides Träumen wie im "Tatort" tatsächlich ein Schwerpunkt. Allerdings nicht nur zur Leistungssteigerung, sondern weil es auch viele andere therapeutische Vorteile beim Klarträumen gibt.

teleschau: Im "Tatort" träumt eine junge Frau, dass sie ihre Freundin ermordet hat. Beide Figuren sind junge Geigerinnen, die an einem Klartraum-Projekt zur Leistungssteigerung teilnehmen. Könnte der Fall so in der Realität passieren?

Brigitte Holzinger: An der Grundfrage des Plots bin ich auch immer wieder hängengeblieben. Fast jeder kennt es, dass wir mal nicht wissen, ob etwas wahr ist oder ob wir es nur geträumt haben. Meist geht dieser Zustand schnell vorüber. Problematisch beim "Tatort" ist, dass wir im Klartraum eben wissen, dass wir träumen. Wir wissen es auch später noch, im normalen Wachzustand. Wenn der Klartraum allerdings im Kombination mit Drogen- oder Schlafmitteln stattfindet, könnte eine Verwirrung entstehen und ein Szenario wie im "Tatort" realistisch werden.

"Der Film 'Inception' hat unser Forschungsgebiet stark ins Gespräch gebracht"

teleschau: Was heißt für Sie Klarträumen?

Brigitte Holzinger: Beim Klarträumen weiß man, dass man träumt. Das ist der Mindestanspruch an den Begriff, wenn Experten und Forscher darüber diskutieren. Für mich kommt noch hinzu, dass man in dieser Situation des Traums eine Entscheidung darüber treffen kann, was man tun will, dass man weiß, dass man die Wahl hat. Erst dann ist es für mich ein Klartraum.

teleschau: Kann jeder das Klarträumen erlernen - und wenn ja, wie?

Brigitte Holzinger: Im Prinzip kann es jeder erlernen, manche tun sich jedoch schwer damit. Auch Studenten, die es unbedingt lernen wollen. Etwa 25 Prozent der Menschen erleben und erinnern sich im Ansatz an Klarträume, ohne dass sie bewusst jemals etwas dafür getan haben. Erst mal ist es überhaupt wichtig, einigermaßen gut zu schlafen und zu träumen. Dann hilft es, die Träume beim Erwachen sofort aufzuschreiben, damit man sich später daran erinnert. Dies wiederum fördert die Häufigkeit, Träume öfter wahrzunehmen und sie auch als luzide Träume zu verändern. Übrigens hat der Film "Inception" unser Forschungsgebiet vor gut zehn Jahren stark ins Gespräch gebracht.

teleschau: Luzides Träumen "drauf" zu haben, klingt ja ziemlich verlockend. Gibt es ein richtiges Trainingsprogramm dafür?

Brigitte Holzinger: Es gibt unzählige Tipps und Methoden. Bücher, Internet-Anleitungen - aber von den meisten Dingen halte ich eher wenig. Um es zu lernen, empfehle ich, über die eigenen Träume zu reden, sich damit zu beschäftigen. In unserem Institut für Traum- und Bewusstseinsforschung gibt es ja auch Online-Seminare dazu. Auch das Lesen von Klartraum-Berichten anderer kann enorm helfen. Leute, die meditieren, tun sich ebenfalls leichter damit. Und Kinder können es meist sofort. Wenn man ihnen sagt, du kannst dem Haifisch im Traum eins auf die Nase geben, gelingt das sehr vielen Kindern, ohne dass sie ein Klartraum-Training absolvieren müssen.

"Wer seine Träume beeinflussen kann, ist ihnen nicht mehr hilflos ausgeliefert"

teleschau: Der "Tatort" erzählt von klassischen Musikerinnen und einem Leistungssportler. Kann man im Schlaf tatsächlich Bewegungen einüben?

Brigitte Holzinger: Ja, das geht. Ein Kollege, Daniel Erlacher, der heute in Bern als Sportwissenschaftler an der Universität arbeitet, hat nachgewiesen, dass beispielsweise Wurfbewegungen während luzider Träume gut trainierbar sind. Jene Versuchspersonen, die während luzider Träume geübt hatten, trafen die Ziele besser als jene, die nicht im Schlaf trainiert hatten. Die Idee, luzides Träumen einzusetzen, um psychomotorische Höchstleistungen zu erbringen, beim Sport oder Musizieren, ist durchaus realistisch.

teleschau: Aber das ist nicht Ihr Ding, oder?

Brigitte Holzinger: Ich finde diese Anwendungen sehr interessant, aber als Psychotherapeutin habe ich mit Gerhard Klösch etwas entwickelt, das wir "Schlafcoaching" nennen - was wir auch an der Medizinischen Universität Wien unterrichten. Da arbeitete ich vor allem mit Menschen, die Probleme mit dem Schlafen hatten. Ich hatte zum Beispiel Probandinnen und Probanden, die unter häufigen Albträumen litten. Was sehr schlimm war, weil diese Patienten den Schlaf aus Angst vor den Träumen vermieden. Wer seine Träume beeinflussen kann, ist ihnen nicht mehr hilflos ausgeliefert. Im luziden Traum kann man Fragen stellen, Traumata bearbeiten. Die Studie hat ergeben, dass die Albtraum-Patienten sehr gute Erfolge mit dem luziden Träumen erzielen, die Erfolge waren sehr eindeutig.

teleschau: Welche sinnvollen Anwendungsgebiete des Klarträumens sind wissenschaftlich erwiesen - und wo könnten sie außerdem weiterhelfen?

Brigitte Holzinger: Wissenschaftlich untersucht sind die Erfolge beim Bewegungstraining und in der Psychotherapie. Anekdotisch gibt es viele Berichte von Kreativen, zum Beispiel Musiker oder Autoren, die gesagt haben, dass sie während Klartraum-Phasen komponiert oder sich Geschichten ausgedacht haben. Es scheint so zu sein, dass der Klartraum für jede Art von Bearbeitung einer kreativen Leistung sehr gut geeignet ist.

"Ein gesunder Schlaf fördert Lerneffekte, gestörter Schlaf vermindert sie"

teleschau: Also ist der alte Spruch von wegen "das lernt man im Schlaf" gar nicht so falsch?

Brigitte Holzinger: Ja und nein. Klarträume können im kreativen Prozess ungemein weiterhelfen. Allerdings ersetzen sie nicht das technische Üben. Man muss nicht weniger Geige üben oder sein Schreiben trainieren, nur weil man gut geträumt hat. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein musikalischer Laie während einer luziden Phase träumt, Gitarre spielen zu können - und dann aufwacht und es tatsächlich kann.

teleschau: Ist es möglich, Fremdsprachen im Schlaf zu erlernen? Es gab doch zumindest Versuche dazu, auch kommerzielle Anwendungen. Fällt das in den Bereich Lug und Trug?

Brigitte Holzinger: Ja, das sogenannte "Super Learning". Als Schlafforscherin rate ich eher davon ab, sich während des Schlafes über Kopfhörer berieseln zu lassen. Wir wissen mittlerweile, dass derlei Anwendungen den gesunden Schlaf eher stören. Ein gesunder Schlaf fördert Lerneffekte, gestörter Schlaf vermindert sie.

teleschau: Was gilt es vor dem Schlafengehen zu beachten?

Brigitte Holzinger: Was Sie direkt vor dem Schlafen tun, kann im Schlaf weitergeführt werden. Manche Forschungen geben Hinweise darauf, dass Dinge, die kurz vorm Schlafengehen im Kurzzeitgedächtnis waren, besonders gut ins Langzeitgedächtnis überführt werden können. Ich bin mir aber nicht sicher, ob man das pauschal so sagen kann. Was wir ziemlich sicher wissen: Dass es zwischen Schlaf und Gedächtnis, vermutlich auch dem Träumen, einen engen Zusammenhang gibt.

"Wahrscheinlich sind die Traumbilder permanent 'im Gehirn' vorhanden"

teleschau: Raten Sie dazu, sich vor dem Schlafengehen möglichst wenig "heftigen" Eindrücken auszusetzen?

Brigitte Holzinger: Menschen mit Schlafstörungen rate ich auf jeden Fall dazu, sich bereits vor dem Schlafengehen zu entspannen, also "herunterzufahren". Eben weil die letzten Eindrücke ganz klar in den Schlaf mitgenommen werden. Andererseits - wenn man grundsätzlich gut schläft - dass Schüler noch mal ihre Vokabeln im Bett durchgehen, das kann durchaus effizient sein. Sofern sie sich nicht so sehr dabei aufregen, dass sie danach nicht schlafen können (lacht). Für Lernende ist der Moment vorm Schlafen durchaus ein gutes Setting.

teleschau: Es gibt Menschen, die sagen, dass sie gar nicht träumen oder zumindest nur ganz selten. Erinnern sie sich nur nicht daran oder gibt es tatsächlich "traumlose" Menschen?

Brigitte Holzinger: Dass sich manche Menschen tatsächlich nicht an ihre Träume erinnern können, daran glauben viele Forscherinnen und Forscher. Ich gehöre im Prinzip auch dazu, obwohl ich so traumbegeistert bin (lacht). Dass jeder Mensch träumt, das ist erwiesen. Zumindest im REM-Schlaf, vermutlich aber auch in anderen Schlafphasen. Wahrscheinlich sind diese Traumbilder permanent irgendwo "im Gehirn" des Menschen vorhanden. Nur sind wir eben anders gestimmt, wenn wir wach sind. Deshalb können wir diese Bilder im wachen Zustand nur schwer abrufen. Zumindest fällt das manchen Menschen sehr viel schwerer als anderen.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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