Pandemie-Doku mit Hendrik Streeck: Es schwelen eine halbe Million Gefahrenherde

Hendrik Streeck führte am Dienstagabend durch eine Corona-Doku
der "ZDFzeit"-Redaktion.
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Hendrik Streeck führte am Dienstagabend durch eine Corona-Doku der "ZDFzeit"-Redaktion.

© ZDF/Daniel Faigle

Beim ZDF darf der Bonner Virologe Hendrik Streeck als Doku-Gesicht reüssieren. Im Film kommt eine Expertenriege zum einhelligen Urteil: Pandemien drohen der Menschheit in naher Zukunft öfter. Die Gründe dafür sind größtenteils selbstverschuldet.

Als "bewusstes Character Killing" hat der Virologe Hendrik Streeck unlängst die Berichterstattung bezeichnet, die ihm der "Spiegel" hat angedeihen lassen. Das Nachrichtenmagazin hatte die Einschätzungen führender deutscher Corona-Experten einem nachträglichen Faktencheck unterzogen. Das Ergebnis, grob vereinfacht: Wäre Hendrik Streeck ein Kfz-Mechaniker, würde man ein Auto wahrscheinlich lieber in eine andere Werkstatt geben - in eine, die nicht ganz so oft so eklatant in wesentlichen Fragen von Diagnose und Reparatur danebenliegt. Zu einem ähnlichen Schluss, nur weitaus schärfer formuliert, war zuvor bereits das Magazin "uebermedien.de" gekommen.

Indes: Für einen "gekillten" Charakter wirkt Hendrik Streeck in diesen Tagen erstaunlich vital. Der Chefvirologe an der Bonner Uniklinik, der in PR-Fragen nicht mehr von Ex-"Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann ("StoryMachine") beraten wird, sondern vom früheren Pay-TV-Manager Wolfram Winter, hat offenbar einen ungebrochen engen Draht in die deutsche Fernsehlandschaft. Gemeinsam mit RTL-Moderatorin Katja Burkard ist unlängst der Podcast "Hotspot - der Pandemie-Talk" gestartet. Und beim ZDF rollte man dem HIV-Experten gar den roten Hauptabendteppich aus.

CureVac-Gründer: "Das Virus wird sich dem Impfstoffdruck entziehen"

"ZDFzeit: Corona - Pandemie ohne Ende? Fakten mit Hendrik Streeck", lautete der Bandwurmtitel der 45-minütigen Dokumentation (Regie: Kajo Fitz), die Zuschauer des Zweiten am Dienstagabend mit Informationen aus erster Forscherhand versorgen sollte. Solche Mainzer "Fakten"-Dokus kennt man mit dem leidenschaftlichen Wissenschaftsvermittler Harald Lesch. Nun begrüßte der vornehmlich aus Talkshows geläufige Medizin-Professor das TV-Publikum mit kompetenten Gesten und konzise getexteten Anmoderationen in den Kulissen des Hygienemuseums Dresden. "Um künftig Pandemien vorbeugen zu können", erklärt Streeck eingangs, "müssen wir Viren besser verstehen". Das ist ohne Zweifel eine Aussage, die jedem nachgelagerten Faktencheck standhalten wird.

Für die viel bemühte "Heinsberg-Studie", die vergangenes Jahr zum PR-Desaster für den ehrgeizigen Forscher (und die Landesregierung NRW) wurde, gilt dies ohne Vorbehalt weniger. Dennoch gibt die Doku im ersten Drittel den nicht mehr ganz so taufrischen Grunderkenntnissen viel Raum - illustriert mit leidlich überzeugendem "Reenactment" eines hustenden Leichtmatrosen auf der "Kappensitzung" in der Gemeinde Gangelt. Ein fast wundersam von Covid-19 genesener Karnevalspräsident kommt zu Wort, der Heinsberger Landrat Stephan Pusch erinnert sich an angespannte Tage im Krisenstab. So weit der Blick zurück.

Doch wie steht nun es um das Schicksal der Erdbevölkerung, mit Blick auf die viralen Krisen, die noch drohen? Und auf die eine, die noch längst nicht überstanden ist? "Das Virus wird sich dem Impfstoffdruck entziehen", prognostiziert im Film der Biologe und CureVac-Mitgründer Ingmar Hoerr. Bei solchen Flucht-Mutationen müsse man "hinterher sein". Dank der mRNA-Impfstoffe, deren Grundlagen er einst erforschte, sei das zum Glück möglich, "weil die Technologie sehr, sehr schnell adaptiert werden kann".

Drei Pandemie-Treiber: Naturzerstörung, Klimawandel und Globalisierung

"Das heißt", so Hoerr, "man kann neue Sequenzen auf diese RNA codieren, die RNA reproduzieren und wieder einsetzen. Das Virus kann dem nicht entkommen." Die Zukunft der Pandemie-Bekämpfung laut dem Biologen: RNA-Drucker, groß wie ein Geländewagen. Sie sollen mobil Impfstoffe genau dort produzieren, wo sie gebraucht werden. Ein gänzlich neuer Ansatz, mit dem sich große Hoffnungen verbinden. So könnte man künftig neue Viren lokal bezwingen, bevor es zur Pandemie kommt.

Dass der nächste Katastrophenfall dieser Art eintreten wird, ist für Josef Settele ausgemachte Sache. "Wir müssen der Zukunft ins Auge sehen, dass wir so was häufiger haben werden", sagt der Professor am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung. Naturzerstörung, Klimawandel und Globalisierung seien "drei Phänomene, die ganz wesentlich Pandemien beeinflussen". Settele: "Wir gehen davon aus, dass wir noch etwa 1,7 Millionen Viren haben, die nicht bekannt sind. Davon ist etwa eine halbe Million für den Menschen potenziell gefährlich. Darunter sind sicher einige, die für den Menschen noch viel gefährlicher sein werden, als Covid-19 es momentan ist."

Eine tiefgekühlte Gefahr schlummert zudem in Gestalt von Tierkadavern in den Permafrostböden von Sibirien, Kanada oder Alaska. Sobald diese auftauen, was durch den Klimawandel geschehe, würden Erreger zurückkehren "wie Milzbrand oder die Spanische Grippe, die wir schon längst glaubten, erledigt zu haben", warnt Settele. "Es kommt dann wie Phönix aus der Asche aus den Permafrostböden zu uns zurück."

Exotische Viren: Schmidt-Chanasit sieht "konkrete Gefahr" für Deutschland

Auch Thomas Mettenleiter, Präsident des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit, hält Tiere für "ein schier unerschöpfliches Reservoir von Erregern, von denen wir bisher im Großteil nicht abschätzen können, ob sie für den Mensch gefährlich werden können oder bereits sind". Beim Friedrich-Loeffler-Institut auf der Insel Riems wird deshalb an heimischen Nutztieren geforscht. Schweine etwa würden als "Mischgefäß für neue Influenzviren angesehen". Mettenleiter: "Hier ist Überwachung angesagt."

Große Gefahr geht auch von viel kleineren Tieren aus. Jonas Schmidt-Chanasit, auch ein Talkshow-Reisender des Cornajahres, spricht in der ZDF-Doku zu seinem eigentlichen Forschungsgebiet: "Ich sehe die konkrete Gefahr, dass es auch in Deutschland zu Ausbrüchen mit ursprünglich exotischen Viren kommen kann." Ein wichtiger Grund dafür, erläutert der Virologe vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, sei die "Ausbreitung invasiver Stechmückenarten, insbesondere der asiatischen Tigermücke". Hintergrund auch hier: der Klimawandel. 2018 starben in Südeuropa mindestens 170 Menschen am ursprünglich in Uganda aufgetretenen West-Nil-Virus.

Alles in allem also eine Gefährdungslage, die eher nicht ruhig schlafen lässt. Bernhard Schwartländer von der WHO sieht in einem Art Doku-Schlusswort die internationale Staatengemeinschaft in der Pflicht: Beim Ausbruch von Covid-19 habe man "zu spät als globale Akteure zusammengearbeitet". Der Gesundheitswächter warnt: "Wenn wir es nicht schaffen, ganz klare Maßnahmen festzusetzen, die den Menschen helfen, sich selbst zu schützen und damit die Gesellschaft zu schützen, kann man ein solches Virus nicht stoppen."

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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