"Temperatursprünge von 30 Grad und mehr wird es häufiger geben"

Donald Bäcker arbeitet als Meteorologe für die ARD. Vor allem
als Wetterfrosch des Morgenmagazins ist er den Zuschauern bekannt.
Im Interview spricht der 53-Jährige über "psychologisch" gefärbtes
Wetter und Natur-Kapriolen, die uns aufgrund des Klimawandels
bevorstehen.
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Donald Bäcker arbeitet als Meteorologe für die ARD. Vor allem als Wetterfrosch des Morgenmagazins ist er den Zuschauern bekannt. Im Interview spricht der 53-Jährige über "psychologisch" gefärbtes Wetter und Natur-Kapriolen, die uns aufgrund des Klimawandels bevorstehen.

© WDR/Herby Sachs

Seit 16 Jahren arbeitet Donald Bäcker als Wetterfrosch im Morgenmagazin der ARD. Kaum einer redet so engagiert und fundiert über Meteorologie wie der 1968 geborene Brandenburger. Im Interview erklärt er, auf welche Wetter-Phänomene wir uns in den nächsten Jahren einstellen müssen,

Donald Bäcker gilt als Wetterbesessener. Seit er als Kind 1977/78 einen Extremwinter in den entlegenen Weiten seiner brandenburgischen Heimat erlebte, gab es nichts, was ihn mehr faszinierte, als sich mit Meteorologie zu beschäftigen. Seine Karriere begann er als Wetterbeobachter an der Wetterstation seines Heimatortes. Es folgte ein Studium beim Deutschen Wetterdienst. Bäckers Fernsehkarriere begann 1999 bei Jörg Kachelmann für dessen Firma Meteomedia. Der Hobbypilot ist ein Mann, der Konstanz schätzt. Seit 16 Jahren arbeitet Donald Bäcker beim "ARD Morgenmagazin". Im Interview spricht er über neue Trends der Wettervorhersage, den Einfluss der Pandemie auf den Klimawandel und erklärt, warum das Wetter in Deutschland von Rekord zu Rekord zu eilen scheint.

teleschau: Vor 15 oder 20 Jahren begann ein Trend, dass Wettervorhersagen im Fernsehen immer tiefgründiger, ja wissenschaftlicher wurden. Hat dieser Trend weiterhin Bestand?

Donald Bäcker: Bei den älteren Zuschauer, die wir im Morgenmagazin eher bedienen, ist dieses Interesse nach wie vor ausgeprägt. Bei Jüngeren, fürchte ich, ist es nicht so. Die schauen einfach nur auf ihre App. Sie wollen vielleicht auch gar nicht wissen, warum morgen die Sonne scheint.

teleschau: Warum haben die einen Interesse am Wetter, die anderen nicht?

Bäcker: Was den Generationeneffekt betrifft, habe ich darauf keine Antwort. Es gibt aber definitiv ein Stadt-Land-Gefälle. Auf dem Land ist man stärker am Wetterbericht interessiert. Vielleicht, weil das Wetter dort spürbarer ist. Natürlich auch, weil mehr Leute mit Landwirtschaft zu tun haben. In der Stadt fühlt man sich generell unabhängiger von Natur. Am meisten Interesse haben natürlich jene Berufsgruppen, deren Sicherheit und Leben vom Wetter abhängt. Also Piloten, Fischer etc.

"Das machen dann alles Vollautomaten"

teleschau: Hat sich die Qualität der Wettervorhersage eigentlich in den letzten Jahren verbessert - und wenn ja, wodurch?

Bäcker: Ja, der Wetterbericht wird zunehmend genauer. Das hängt mit der gestiegenen Rechenleistung der letzten zehn, 15 Jahre zusammen. Da spielen die sogenannten Gitterpunkte eine Rolle - also die Abstände, zwischen den Orten, für die man das Wetter berechnet. Wenn das Netz feinmaschiger wird, kann man das Wetter immer genauer und lokaler vorhersagen. Sehr viel besser ist die Wettervorhersage zuletzt auf der Südhalbkugel geworden.

teleschau: Wie kommt das?

Bäcker: Auf der Südhalbkugel gibt es sehr viel weniger Wettermessstationen als im Norden. Das liegt vor allem daran, dass dort die Meeresflächen überwiegen. Hier haben Satellitenmessungen einen großen Fortschritt gebracht. Satelliten messen Wetterdaten wie Temperatur oder Windgeschwindigkeit zwar bei weitem nicht so exakt wie Wetterballons oder Flugzeuge - aber in diesem Falle hilft viel viel. Will sagen: Die große Menge an Satellitendaten und die schnellere Datenverarbeitung hat auf der Südhälfte der Erde für eine sehr viel genauere Wettervorhersage gesorgt.

teleschau: Hört sich aber auch danach an, als würden Meteorologen in Zukunft der Digitalisierung und Automation zum Opfer fallen ...

Bäcker: Ja, zumindest der Wetterbeobachter an einer Wetterstation ist immer weniger gefragt. Im kommenden Jahr schließen bei uns die letzten mit Menschen besetzten Wetterstationen. Das machen dann alles Vollautomaten. Meteorologen bracht man auch weiterhin: Vor allem für die Forschung, für die Interpretation und Auswertung von Daten, die Flugwetterberatung und andere Vorhersageprodukte. Die Datenerfassung übernimmt jedoch vor allem die Maschine.

"Eigentlich hatten wir im Frühjahr jenes Wetter, wo wir wieder hinwollen"

teleschau: Wie viel Angst haben Sie als Meteorologe vorm Klimawandel? Wo spüren wir den heute in Deutschland schon?

Bäcker: Wir spüren ihn vor allem in Form von Blockierungswetterlagen. Das sind Wetterlagen, die sich über Wochen nicht ändern. So etwas gibt es heute sehr viel öfter als früher. Schuld daran ist sehr wahrscheinlich der Rückgang der Eisbedeckung in der Arktis. Deshalb sind die Temperaturunterschiede zwischen dem Nordpol und unseren Breiten nicht mehr ganz so groß. Früher war ein Effekt dieser Temperaturunterschiede, dass vom Atlantik immer wieder Tiefdruckgebiete über Mitteleuropa nach Russland gezogen sind. Sie haben diese großen Temperaturunterschiede mit wechselhaftem, oft windigem bis stürmischem Wetter ausgeglichen.

teleschau: Und das gibt es heute nicht mehr?

Bäcker: Doch schon, aber seltener. Hitzewellen, also stabile Wetterlagen, waren früher seltener und weniger lang anhaltend. Zunehmend erleben wir in Europa lange, stabile Südwestströmungen mit Luft aus der Sahara oder - wie im vergangenen Frühjahr - auch schon mal die kalte Nordströmung, die zu negativen Temperaturabweichungen führt. Unterm Strich ist die stabile Südwestströmung aber deutlich häufiger.

teleschau: Sie sprechen das kalte Wetter im Frühling an, als wir uns noch im Lockdown befanden und sich alle den Frühling mit Wärme und Sonne herbeigewünscht haben. War das Frühjahr nicht viel zu kalt und nass?

Bäcker: Eigentlich hatten wir im Frühjahr jenes Wetter, wo wir wieder hinwollen. Die Erde soll sich doch nicht weiter erwärmen. Jenes Wetter, das wir in diesem Frühjahr hatten, war in den 50er- oder 60er-Jahren der Normalfall in Deutschland - das klassische Aprilwetter. Das Frühjahr 2021 war das kälteste seit 2013. Davor finden wir erst 1996 wieder ein noch kälteres Frühjahr. Das heißt, Leute um die 20 oder 30 können sich nicht an so kaltes Frühlingswetter erinnern, das für mich als Mensch über 50 damals normal war. Als Teenager in Brandenburg habe ich regelmäßig lange, verregnete und kühle Frühjahre sowie Sommer erlebt (lacht).

"Psychologie spielt beim Wetter auf jeden Fall eine Rolle"

teleschau: Mittlerweile haben sich die Deutschen an früh einsetzende Sommer gewöhnt. Sind wir dadurch glücklicher geworden - und wie sehr weicht das psychologisch empfundene Wetter vom echten ab?

Bäcker: Psychologie spielt beim Wetter auf jeden Fall eine Rolle. Das geht sogar mir so. Ich hatte letztes Jahr im Juli genau eine Woche Urlaub - und erwischte ausgerechnet jene Woche, die im letzten Sommer außergewöhnlich kühl und regnerisch war. In jener Woche hatten viele Deutsche Urlaub und erinnern sich dann nur noch an einen verregneten und kühlen Sommer. Dabei war der August so heiß, dass die Gesamtstatistik einen ausgesprochen warmen Sommer festhält.

teleschau: Einerseits gewöhnen sich die Deutschen an viel Wärme und Sonne, andererseits werden trockene Böden und Wassermangel zum Problem. Ist dieses Problem schon beim Normalbürger angekommen?

Bäcker: Da bin ich mir nicht so sicher. Die meisten wollen einfach nur Sonne und 30 Grad. Die Leute jammern heute schon, wenn es keine Rekorde in Sachen Temperatur und Sonne zu vermelden gibt. Außer Landwirte und Kleingärtner natürlich, die den Klimawandel längst zu spüren bekommen. Die Böden sind bis in tiefere Schichten ausgetrocknet. Zumindest die oberen Schichten hat das letzte Frühjahr wieder etwas durchfeuchtet. Das ist gut für die Pflanzen, für die Ernten.

teleschau: Aber das Problem der Trockenheit wird uns weiter begleiten ...

Bäcker: Das Kuriose ist, dass die Sommer insgesamt nasser werden. Früher verteilten sich die Niederschläge aber viel besser. Es gab alle paar Tage oder einmal pro Woche etwas länger anhaltenden Regen. Heute ist es so, dass es vielleicht mal 30 Tage lange gar nicht regnet - und am 31. Tag kommt ein unwetterartiger Starkregen, der die gesamte monatliche Durchschnittsstatistik an Niederschlag übertrifft. Da können schon mal 100 Liter Regenwasser pro Quadratmeter und Stunde fallen. Dies führt dann zu Überschwemmungen und zu besagter Statistik, die natürlich den gesamten Monat als "zu nass" ausweist.

"Man muss sich unser Klima als trägen Ozeandampfer vorstellen"

teleschau: Und dieses Phänomen hat direkt mit dem Klimawandel zu tun?

Bäcker: Ja, es entsteht aus den beschriebenen, blockierenden Hochdruckwetterlagen. Die haben auch zur Folge, dass Wetter-Umschwünge ziemlich krass ausfallen. Es betrifft nicht nur Niederschlag, sondern auch Temperaturen. Wir werden in Zukunft öfter extreme Temperaturunterschiede erleben. Im letzten Winter haben wir das gemerkt. Da gab es eine sehr kalte Phase im Februar mit Schneesturm und unter minus 20 Grad. Eine Woche später stieg die Temperatur auf 16 bis 22 Grad. Temperatursprünge von 30 Grad und mehr wird es häufiger geben - aber unterm Strich fallen mehr Monate als früher zu warm aus, was zur Erderwärmung führt.

teleschau: Hat die verminderte Mobilität während der Corona-Pandemie zu einer messbaren Veränderung des Wetters geführt?

Bäcker: Nein, die Atmosphäre reagiert zu träge für solche Effekte. Es wäre schön, wenn der Lockdown schon einen Effekt gehabt hätte, aber er ist im Zuge der Corona-Pandemie nicht nachweisbar. Unser Straßenverkehr ist auch bei weitem nicht der drastischste CO2-Produzent. Da schafft die Industrie ganz andere Emissionen - und die hat während des Lockdowns ja weiter oder sogar noch mehr produziert. Man muss sich unser Klima als trägen Ozeandampfer vorstellen. Man lenkt mal kurz heftig, aber erst sehr viel später zeigt sich ein Effekt. Die Veränderungen, die wir heute durchziehen, bildet das Klima erst in fünf, vielleicht auch erst in zehn Jahren ab. Deshalb ist es auch so wichtig, dass wir jetzt handeln und nicht noch länger mit Maßnahmen zum Klima- und Umweltschutzschutz warten.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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