"Wie wird man eigentlich so reich?" - So lief das "Sozialexperiment mit Jessica Stockmann

Familie Künzel konnte es kaum fassen: So viel Geld für eine
einzige Woche.
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Familie Künzel konnte es kaum fassen: So viel Geld für eine einzige Woche.

© SAT.1

Promi-Lady Jessica Stockmann tauschte Monaco gegen Marzahn - was SAT.1 als "Sozialexperiment" deklarierte, brachte einen ins Grübeln und Kopfschütteln.

"Geld ist nichts. Aber viel Geld, das ist etwas anderes." - Was der irische Nobelpreisträger George Bernard Shaw einst mit trefflichem britischen Humor formulierte, führt direkt zu einer Reihe ganz anderer Fragen: Was heißt es wirklich, reich zu sein? Ab wann spricht man überhaupt von "viel Geld"? Macht Geld glücklich? Und: Ist man zwangsläufig unzufrieden mit sich und der Welt, wenn man weniger, also viel weniger, hat als die vermeintlichen Reichen?

Ein weites Feld, ebenso kompliziert wie spannend, auf dem sich schon größere Philosophen verlaufen haben als die Programmmacher von SAT.1. Die hievten nun eine neue Folge von "Plötzlich arm, plötzlich reich", einer losen Sendereihe, welche die eigentlich hochkomplexen sozialen Verwerfungen in der bekannten Machart einer "Tauschdoku" als Feldversuch auslotet, in die spätsommerliche Primetime.

Auf der einen Seite diesmal: die prominente Immobilienunternehmerin Jessica Stockmann, eine mittlerweile mit ihren Töchtern größtenteils in Monaco lebende "Society-Lady", die als Moderatorin und Schauspielerin sowie Ex-Ehefrau des einstigen Tennis-Stars Michael Stich hierzulande durchaus bekannt ist. Auf der anderen: eine ganz normale berufstätige Mutter, die mit ihren Kindern im Wohnblock in Berlin-Marzahn lebt. Beide entschlossen sich zum Seiten- und Perspektivwechsel auf Zeit vor laufender Kamera. Die Essenz gab es nun zur besten Sendezeit zu sehen: im Zusammenschnitt verdichtet, ähnlich dem, was man von Sendungen wie "Zwei Familien - Zwei Welten" oder "Das Aschenputtel-Experiment" (beides RTL II) kennt.

So etwas ist per se eine heikle Nummer, vor allem wenn, wie in diesem Fall, Kinder im Spiel sind. "Sozialexperiment" nennt man das dann entsprechend vage im Fernsehsprech, was ein gewisses Maß an Tiefgang und gesellschaftlicher Relevanz suggeriert, ohne dass man gleich auf die Idee käme, ein hochseriöses Reportageformat mit konstruktiven Lösungsansätzen vorgesetzt zu bekommen. In diesem Sinne erfüllte "Plötzlich arm, plötzlich reich" die Zuschauererwartungen. Es gab einiges zu bestaunen - für den Zuschauer und für die Protagonisten selbst, schließlich trafen hier zwei Welten aufeinander: zwei Welten, die wohlgemerkt in ein und derselben Gesellschaft zu Hause sind, worauf im Wesentlichen Reiz und Brisanz einer solchen Fernsehidee fußen.

"Wir wollen gucken, wie es sich anfühlt, reich zu sein", sagte Yvonne Künzel (33), bevor sie sich mit ihren beiden Kindern in das Abenteuer des kuriosen, von SAT.1 initiierten Familienaustauschprogramms stürzte. Für eine Woche verließen die Künzels dann ihre Mietwohnung in Berlin, um eine Villa an der 1.400 Kilometer entfernten Côte d'Azur zu beziehen. Dort warteten auf die Frau, die sonst mit 1.200 Euro netto zuzüglich Kindergeld auskommen muss, ein Wochenbudget von 3.700 Euro, zudem Gärtner, Haushälterin, Personal Trainer sowie 350 Quadratmeter Wohnfläche, 4.000 Quadratmeter Garten nebst Pool.

In dem Anwesen residiert normalerweise die ebenfalls alleinerziehende Jessica Stockmann (52), die nun ihrerseits mit ihren beiden Töchtern das vermeintliche Luxusleben im feinsten Monaco gegen ein Dasein im Marzahner Mietskasernenambiente eintauschte. Sie hätte sich, wie Stockmann in die SAT.1-Kamera erklärte, auch deshalb auf "die Challenge" eingelassen, um sich und anderen zu zeigen, dass sie "klarkommen können ohne Luxus".

Sind Arm und Reich tatsächlich "zwei Seiten derselben Medaille"?

Können sie, keine Frage. Nur: Was soll das Ganze? - Den interessierten Zuschauer umtrieb diese Frage am Mittwochabend praktisch ohne Unterlass. So gesehen ist "Plötzlich arm, plötzlich reich" durchaus Fernsehen, das zum Nachdenken animiert. Wie weit sind wir mittlerweile in diesem Land voneinander entfernt? Oder sind wir etwa näher beisammen, als wir glauben? Wie gerecht oder ungerecht ist unsere Gesellschaft? Wie gut funktioniert der Sozialstaat? Und: Sind Arm und Reich tatsächlich "zwei Seiten derselben Medaille", wie es Jessica Stockmann in einem Interview wohlfeil, aber nicht frei von einem zynischen Beigeschmack formulierte?

In wohlwollenden Momenten kam man als Zuschauer im Angesicht dieser Sendung ins Sinnieren über solche Zusammenhänge. Da kam einen der Gedanke, dass die hier gewährten Einblicke in das Alltagsdasein so unterschiedlicher Pole der Gesellschaft durchaus mehr Verständnis füreinander erzeugen. Es ist ja ohne Frage so: Transparenz und Information sensibilisieren uns für das Leben der anderen, wegschauen entfernt uns voneinander. Aber selbst wenn man daheim auf der Couch kürzer dachte und sich nur mal wieder versichern durfte, wie gut es doch ist, ein Leben in der gefühlten Mitte dieser Gesellschaft leben zu dürfen, hatte die Sendung noch etwas für sich.

In den weniger trefflichen Momenten kam einem freilich in den Sinn, wie pervers das Ganze ist - besonders dann, wenn auf die Reaktionen der Kinder geblendet wurde. Was soll ein zehnjähriges Mädchen aus dem Berliner Plattenbau bitteschön damit anfangen, wenn es plötzlich in einer Traumvilla in Südfrankreich vor dem tiefblauen Swimming Pool anderer Leute steht? Warum lässt man ein Kind Euro-Scheine zählen? Und vor allem: Wieso zeigt man das im Fernsehen? Wird hier nicht der soziale Gegensatz allzu genüsslich zelebriert, Neid geschürt und eine ohnehin aufgespaltene Gesellschaft nur noch weiter auseinandergetrieben? "Plötzlich arm, plötzlich reich" hatte fraglos grenzwertige Momente.

Dass die Sendung jedoch unterm Strich bei Weitem nicht so unterirdisch geriet, wie man befürchten konnte, hat viel mit den Protagonistinnen zu tun: Yvonne Künzel ("Wir müssen immer gucken, dass es das Billigste vom Billigen ist") und Jessica Stockmann ("Ich weiß, dass wir privilegiert sind") sind zwei patente Frauen, die jeweils auf ihre Weise und ihrem eigenen Umfeld versuchen klarzukommen. Weder erwies sich die eine als neunmalkluge Tussi im Designerfummel, noch war die andere eine phlegmatische Wutbürgerin, die die Schuld nur bei anderen sucht.

Die beiden hier porträtierten Frauen stellen sich ihrem Alltag, ohne Wenn und Aber. Die vielfach kolportierten Vorurteile über die sozialen Verhältnisse in diesem Land, also "arrogante Reiche" versus "faule Arme", wurden zum Glück nicht bedient. Der Knackpunkt ist ein anderer: Die individuellen Rahmenbedingungen sind zwar höchst unterschiedlich, die sozialpolitischen und gesellschaftlichen Parameter aber für beide Alltagsvarianten im Grunde deckungsgleich. Ist in unserem Land also jeder seines Glückes Schmied, oder ist der soziale Werdegang von vornerein zementiert? - Über diese Frage konnte man schon vor dieser Sendung trefflich streiten, und auch danach dreht sich der Diskurs im Kreis.

Ohnehin: Auch wenn eine Sendung wie diese im Grunde Politik pur ist, wurde das explizit Politische zielsicher umkurvt. Da ließ man lieber die Ereignisse und Protagonisten für sich sprechen. So wie es gegen Ende ausgerechnet die zehnjährige Alina aus Marzahn tat, die beim finalen Aufeinandertreffen der beiden Familien in rührender, kindlicher Unverblümtheit in die Runde fragte: "Wie wird man denn eigentlich so reich?" Jessica Stockmann und vermutlich auch den meisten Zuschauern daheim dürfte der Atem gestockt haben. Dann antwortete die vielbeschäftigte Unternehmerin sinngemäß, dass einem nichts in den Schoß fällt und Wohlstand mit viel Fleiß verbunden ist. Das ist nicht von der Hand zu weisen, und doch muss so eine Antwort für viele, die viel weniger haben, klingen wie Hohn. Es bleibt die Frage, wem solcherlei Didaktik helfen soll.

Wo nichts Handfestes zu holen ist, landet man eben doch wieder beim Philosophischen. "Reich wird man erst durch Dinge, die man nicht begehrt", sagte einst Mahatma Gandhi. Jessica Stockmann drückte das auf ihre Weise aus. Sie befand, dass die Formel "Geld gleich Glück" nicht so einfach aufgeht. Im Interview ergänzte sie: "Wir können unser Glück in die Hand nehmen. Weil wir hier alle die Chance auf Bildung haben - und der Weg zu Wohlstand, im Sinne eines glücklichen Lebens, führt für mich ausschließlich über die Bildung sowie natürlich über tolerante Eltern, die einen fördern."

Wichtige Erkenntnisse, zu denen man allerdings auch ohne eine solche Sendung gelangen könnte. Wer dennoch in sozialphilosophischen Grenzbereichen weiterstochern oder sich einfach nur am Leben der anderen ergötzen will, hat am Mittwoch, 18. September, erneut Gelegenheit dazu. In der nächsten Folge von "Plötzlich arm, plötzlich reich" tauscht der erfolgreiche Autohändler Andreas Hofele mit seiner Frau und den beiden Söhnen die 280-Quadratmeter-Villa im baden-württembergischen Heiningen gegen eine 60-Quadratmeter-Wohnung in Pirna ...

Quelle: teleschau - der mediendienst GmbH
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