"Wilsberg" Leonard Lansink im Interview: "Über Katholiken kann man die besten Witze machen, denn sie sündigen so gern"

25 Jahre ist die humoristische Krimireihe "Wilsberg" alt. 22
davon bestritt Leonard Lansink in der Titelrolle des wohl
beliebtesten ZDF-Detektivs. In Interview analysiert der 64-jährige
Schauspieler, woran der Erfolg des sanft altmodischen Formats
liegen könnte.
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25 Jahre ist die humoristische Krimireihe "Wilsberg" alt. 22 davon bestritt Leonard Lansink in der Titelrolle des wohl beliebtesten ZDF-Detektivs. In Interview analysiert der 64-jährige Schauspieler, woran der Erfolg des sanft altmodischen Formats liegen könnte.

© ZDF / Thomas Kost

Seit 25 Jahren gibt es die humoristische Krimireihe "Wilsberg", eines der erfolgreichsten Formate im ZDF überhaupt. Hauptdarsteller Leonard Lansink, der mit der Rolle alt geworden ist, nimmt bei der launig klugen Analyse dieses Erfolgs kein Blatt vor den Mund.

Am 20. Februar 1995 ermittelte Georg Wilsberg zum ersten Mal im ZDF. Nur noch Hardcore-Fans und TV-Historiker werden sich daran erinnern, dass Joachim Król im ersten Film den Münsteraner Hobbydetektiv gab. Leonard Lansink, damals ein nicht ganz so bekannter Schauspieler, übernahm den Job ab Folge zwei, die aber erst im Mai 1998 Premiere feierte. Mit rund sieben Millionen Zuschauern pro Folge im Jahr 2019 ist "Wilsberg" immer noch eines der erfolgreichsten ZDF-Formate überhaupt. Nun läuft die Jubiläumsfolge "Wellenbrecher" (Samstag, 8 Februar, 20.15 Uhr) zum 25-Jahre-Jubiläum. Die Reihe ist immerhin fast ebenso erfolgreich wie der Münsteraner "Tatort" - der andere humoristische Krimi aus der westfälischen Universitätsstadt. Im Interview spricht der 64-jährige Lansink, ein Mensch aus dem Ruhrgebiet, der scharfkantige Aussagen schätzt, über das eigentlich gar nicht so lustige Münster und über gescheiterte Kooperationen mit dem Prahl-und-Liefers-"Tatort".

teleschau: "Wilsberg" ist sieben Jahre älter als der Münsteraner "Tatort". Ist es Zufall, dass beide Formate in der gleichen Stadt spielen und einen humoristischen Ansatz pflegen?

Leonard Lansink: Nein, das ist kein Zufall. Die vom WDR haben das nachgemacht. "Wilsberg" war zunächst mal ein "Fernsehfilm der Woche" am Montag im ZDF. Der erfuhr dann so etwa einmal im Jahr eine Fortsetzung. Als "Wilsberg" immer erfolgreicher wurde, wechselten die Filme auf den Samstag. Und da dachte sich der WDR in Person von Gebhard Henke: Krimi mit lustig aus Münster - das können wir besser.

teleschau: Warum ausgerechnet Münster? Ist es dort besonders lustig?

Lansink: Nein, Münster ist so lustig wie Freiburg oder andere vergleichbare Studentenstädte. Es gibt 360.000 Einwohner, davon sind 60.000 Studenten - also eine sehr junge Stadt. Als wir dort anfingen, richtete Münster einen "Filmservice" ein. Der bemüht sich, die Dreharbeiten und das normale Leben in der Stadt miteinander zu verbinden. Die arbeiten sehr gut. Man kann deshalb Dinge in Münster drehen, die in anderen Städten, gerade in den Metropolen, schwierig sind. Davon profitierte dann natürlich auch der "Tatort".

"Über Katholiken kann man die besten Witze machen, denn sie sündigen so gern"

teleschau: Was tut so ein "Filmservice" ganz konkret?

Lansink: Es geht um Dreh-Genehmigungen und Logistik. Um Straßensperren beispielsweise oder das Umfunktionieren von Gebäuden, die für Dreharbeiten verwendet werden. Das Amtsgericht in "Wilsberg" war zum Beispiel früher mal das Rathaus. In Münster ist das Arbeiten immer sehr angenehm. Wie drehen etwa ein Drittel der Bilder einer Folge dort. Der "Tatort" ist, soweit ich weiß, immer nur einen Tag pro Folge dort. Sie drehen meist nur am Prinzipalmarkt. Dort wo Münster eben aussieht wie Münster ...

teleschau: Fühlten Sie sich vom "Tatort" angegriffen?

Lansink: Ach, warum? Ich war da entspannt. Wir können beide in Münster existieren - und kommen uns de facto auch so gut wie nie in die Quere. Beide Filmreihen sind sehr erfolgreich. Ich fand es nur schade damals, als der Münster-"Tatort" kam, dass der WDR keinen neuen Standort im Ruhrgebiet installierte. Mittlerweile gibt es ja einen in Dortmund. Doch dazwischen war der Pott seit Schimanskis Abgang "Tatort"-Brachland. Als Kind des Ruhrgebiets hat mir das damals ein bisschen wehgetan. Deshalb habe ich das mit Münster nicht verstanden.

teleschau: Der Münsteraner ist Westfale, die gelten nicht unbedingt als Stimmungskanonen.

Lansink: Da haben Sie schon recht. Der Westfale an sich ist eher spröde - das stimmt schon. Die Menschen in Münster gelten auch als eher "satt". Es ist eine wohlhabende Stadt. Dort leben viele Beamte und Richter. Das Spröde und Korrekte kann einer bestimmten Form von Humor aber durchaus als Basis dienen. Hinzukommt, dass Münster katholisch ist. Eine Eigenschaft, die den Witz fördert. Nicht umsonst wird nur in katholischen Gebieten richtig Karneval gefeiert. Über Katholiken kann man auch die besten Witze machen, denn sie sündigen ja so gern. Im Gegensatz zu den Protestanten.

"Wilsberg ist ein fauler Sack"

teleschau: Transportiert "Wilsberg" auch einen katholischen Humor? In der Jubiläumsfolge geht es immerhin um Wechselspiele in Sachen Liebe ...

Lansink: Ja, vielleicht hat "Wilsberg" tatsächlich etwas von Sünde und Beichte. Bei uns passiert ja meist nichts Schlimmes. Und wenn doch, dann wird am Ende irgendwie doch alles wieder gut. Ich müsste mal unseren Redakteur fragen, ob er es so sieht. Er ist auch Westfale, sogar Ostwestfale. Das sind die Allerschlimmsten in Sachen Sprödigkeit. Bielefeld, das ja immer irgendwie auftaucht und wo auch unsere vorletzte Folge spielte, ist die schwärzere Version von Münster. Noch schwärzer ist es dann nur noch in Paderborn. "Gott erschuf in seinem Zorn, Bielefeld und Paderborn" - so lautet ein dummer Spruch, der aber auch ein bisschen lustig ist.

teleschau: Welche Art von Humor pflegt Georg Wilsberg?

Lansink: Er pflegt die Ironie, ist aber kein Sarkast. Sarkasmus ist die negative Seite der Ironie. Wilsberg schwebt so ein bisschen über den Dingen. Er besitzt die Gabe, Dinge, in die er scheinbar involviert ist, trotzdem von außen zu beschreiben. Er ist so ein bisschen wie ein Journalist, ein neutraler Kommentator des Lebens.

teleschau: Schwebt er auch deshalb über den Dingen, weil er alleinstehend ist?

Lansink: Es hilft auf jeden Fall, um drüber zu stehen. Klar fragten sich die Leute immer wieder: Warum hat dieser Wilsberg keine echte Liebesbeziehung? Aber der will auch niemanden. Er ist mit sich und der Welt zufrieden. Er gibt zwar ein paar Freunde, aber die stören ihn nicht weiter. Außer, sie wollen etwas von ihm (lacht).

teleschau: Also ist Wilsberg bindungsscheu oder sogar bindungsunfähig?

Lansink: Er hat auf jeden Fall eine Bindungsphobie. Sie nutzt ihm aber auch, weil er sein Leben so nicht ändern muss. Wilsberg ist ein fauler Sack. Das Leben zu ändern, wäre nicht so sein Ding. Wilsbergs Lebensziel ist, dass alles so bleibt, wie es ist. Nur eben ein bisschen besser.

"Dass ich erst spät geheiratet habe, hat mit meinem unsteten Leben davor zu tun"

teleschau: Sie haben sich auch erst mit Mitte 50 gebunden, als Sie geheiratet haben. Wie viel hat die Figur Wilsberg mit Leonard Lansink zu tun?

Lansink: Es gibt ein paar Parallelen, aber ich bin nicht bindungsscheu. Dass ich erst spät geheiratet habe, hat mit meinem unsteten Leben davor zu tun. Um bindungsunfähig zu sein, bin ich heute mit meiner Frau viel zu glücklich.

teleschau: Was meinen Sie mit "unstetem Dasein"?

Lansink: Es war lange schwer für mich, als Schauspieler genug Geld zum Leben zu verdienen. Vielleicht habe ich deshalb keine Familie gegründet. Ich lebte viele Jahre in München, dort war das Leben sehr teuer. Erst seit "Wilsberg" geht es mir ganz gut. Davor lebte ich wegen der Liebe ein paar Jahre in London. Da war es spannend, aber auch nicht preiswert. Immerhin drehte ich zu dieser Zeit schon regelmäßig in Berlin. Bei "Ein starkes Team" hatte ich einige Jahre eine feste Nebenrolle als Ermittler. Vor dieser Zeit war das Überleben als Schauspieler kein Zuckerschlecken.

teleschau: Seit wann geht es Ihnen also als Schauspieler gut?

Lansink: Ich spiele Wilsberg seit 1997, seitdem ist es gut. Davor spielte ich ab 1994 bei "Das starke Team", ab da war es okay. Viele Leute wissen nicht, dass 95 Prozent der Schauspieler nicht von ihrem Beruf leben können. Ich und die meisten anderen, die man regelmäßig im Fernsehen sieht, gehören zu den glücklichen fünf Prozent, denen es gut geht. Ich bin mir dieses Privilegs durchaus bewusst. Eben auch, weil ich über lange Zeit ein anderes Leben kannte.

teleschau: Was genau ist eigentlich das Erfolgsgeheimnis von "Wilsberg"?

Lansink: Meine heimliche Erklärung ist, dass die Reihe eine Familie spiegelt, obwohl keine der Figuren miteinander verwandt ist. Georg Wilsberg und Anna Springer sind die Eltern. Dann gibt es die beiden Kinder Alex und Ekki. Schließlich ist da noch Overbeck als ungeliebten Cousin, den man halt so mitschleppt. Die Beziehungsstrukturen des Figurenensembles sind tatsächlich ein bisschen wie in einer Familie. Weil es aber eben "Wahlverwandtschaften" sind, ist da eine größere Flexibilität und Leichtigkeit drin. Wenn dann aber doch vieles wie in der Familien abläuft, ist das eben auch ein Teil des besonderen Humors der Reihe.

"Toll wäre, wenn Wilsberg im Münsteraner "Tatort" sterben würde"

teleschau: Auf Gewalt verzichtet "Wilsberg" weitgehend ...

Lansink: Auch das dürfte ein Faktor für den Erfolg sein. Wer kein Gehirn gegen die Wand spritzen sehen will, ist bei "Wilsberg" richtig. Selbst ein neunjähriges Kind würde eine Folge wohl ohne Trauma überleben. Wenn bei uns jemand auf dem Boden liegt, mit ein bisschen Ketchup auf dem Pullover, ist das schon das Härteste, was dem Publikum zugemutet wird.

teleschau: Wie lange wird "Wilsberg" noch ermitteln?

Lansink: Als wir die 50. Folge drehten, es muss 2015 gewesen sein, dachte ich mir: 75 Folgen wären ein schönes Ziel. Ich glaube, wir haben jetzt 71 Folgen zusammen. Da scheint mir die Zahl 75 doch erschreckend nah (lacht). Also sage ich: 100 Folgen sind mein neues Ziel.

teleschau: Wie könnte Wilsberg enden?

Lansink: Der norwegische Romanautor Hakan Nesser hatte mal eine Detektivfigur, die ich sehr mochte, er war auch ein Antiquar. Sein letzter Fall endete so, dass der Antiquar seinen Laden von innen abschloss und verschwand. So könnte auch ich in der Rolle enden. Toll wäre allerdings auch, wenn Wilsberg im Münsteraner "Tatort" sterben würde.

teleschau: Warum gab es nie ein "Crossover" zwischen den beiden Münsteraner-Krimis?

Lansink: Darüber nachgedacht wurde durchaus. Das Problem ist, dass dafür mit ARD und ZDF zwei Sender mit im Boot sein müssten, die sich nur schwer einigen können, wie das mit der Wiederholbarkeit einer solchen Folge wäre. Manchmal scheitern an sich reizvolle Ideen an der bürokratischen Umsetzbarkeit.

Quelle: teleschau – der mediendienst GmbH
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