Die Hersteller müssen dringend gegensteuern
Die deutsche Caravaning-Industrie muss sich unangenehme Fragen zur Qualität gefallen lassen.
Sinkende Nachfrage, Händlerinsolvenzen, übermäßiges Wildcamping. Die Caravaning-Industrie kämpft derzeit in vielen Bereichen mit schlechten Kennwerten. Aus Sicht eines Fachmagazins, das immer auch Anwalt der Leserinnen und Leser ist, ist der folgende Wert aber besonders bedenklich: 64 Prozent der Teilnehmenden der promobil Leserwahl 2025 gaben an, in den zwölf Monaten davor Probleme mit ihrem Fahrzeug gehabt zu haben. Wenn fast zwei Drittel von mehr als 15.000 Leserinnen und Lesern darüber berichten, ist das ein starkes Indiz für allgemeine Qualitätsprobleme über alle Marken hinweg. Zumal die Fertigungsqualität tatsächlich abzunehmen scheint. Denn die Zahl ist seit 2022 von schon zu hohen 49 Prozent schrittweise auf den aktuellen Wert angestiegen.
Mehr Mängel am Möbelbau bei neueren Fahrzeugen
Diese Entwicklung wirkt hausgemacht und die Wohnmobilherstellern können sie nicht allein auf externe Faktoren oder Zulieferer schieben. Und sie scheint in einigen Bereichen besonders jüngere Fahrzeuge zu betreffen, wie die Angaben der Leserwahl-Teilnehmer zu spezifischen Schwachstellen belegen. Beim Basisfahrzeug verteilt sich die Zahl der Problemmeldungen gleichmäßig auf ältere und neuere Modelle. Bei Bordelektronik und Möbelbau nennen jedoch deutlich mehr Besitzer jüngerer Wohnmobile Probleme. Neufahrzeuge schneiden gerade in den Kategorien deutlich schlechter ab, für deren Montage die Auf- und Ausbauhersteller zuständig sind. So entsteht unweigerlich der Eindruck, dass die Caravaning-Industrie in der Boomphase nach Corona zwar die Stückzahlen nach oben geschraubt, aber die Qualität vernachlässigt hat.
Fairerweise muss gesagt werden: Diese Jahre waren nicht einfach für die Hersteller, weil sie zeitweise mit dem Zusammenbruch von Lieferketten zusammentrafen. Vielfach wurden einzelne Komponenten nicht rechtzeitig geliefert, was die Produktion durcheinander brachte. So manches Wohnmobil übersprang daher einzelne Produktionsschritte und musste unfertig zwischengeparkt werden. Sobald die fehlenden Teile, etwa Fenster, Elektronikbauteile, Heizungen, wieder verfügbar waren, wurden sie nachträglich montiert. Klar, dass unter solchen Produktionsprozessen die Qualität leidet.
Ein weiterer Grund, warum mehr Leser als in den vergangenen Jahren Mängel zurückmelden. Die Branche hat sich mit dem Boom auch viele Neukunden erschlossen, die zum Teil möglicherweise nicht auf die Standards der Branche eingestellt waren und ihre Ansprüche enttäuscht sahen.
Qualitätsbewusstsein fängt mit der Größe der Schraube an
Nur durch diese Faktoren lässt sich aber nicht erklären, warum 15 Prozent mehr Camperinnen und Camper bei der Leserwahl von Problemen mit ihren Wohnmobilen berichten. Wer die Einzelzuschriften auf unsere Umfrage des Monats zum Thema Möbelbau durchliest, gewinnt schnell den Eindruck, dass die Caravaning-Industrie in Sachen Produktionsqualität buchstäblich an einigen Stellschrauben drehen sollte. Gleich mehrere Leser berichten davon, das Holzteile abfielen, weil die Schrauben zu kurz oder Scharniere unterdimensioniert waren. Das können Händler in der Werkstatt zwar einfach beheben, passieren sollte es aber nicht einmal im Einzelfall. Gleiches gilt für fragile Verriegelungen an Schubladen, die in Fahrtrichtung öffnen und Beschleunigungs- und Bremskräfte aufnehmen müssen oder Holzelemente mit zu geringer Tragfähigkeit. In der Summe kann dabei kaum von einzelnen Produktionsfehlern gesprochen werden, es scheint eher auf ein fehlendes Qualitätsbewusstsein hinzudeuten.
Mit solchen scheinbaren Kleinigkeiten, fängt Perfektion aber an. Die meisten Hersteller müssen auf solche Details besser achten, um die Qualitätsprobleme in den Griff zu bekommen, die Camperinnen und Camper an ihren Wohnmobilen wahrnehmen. Wer eine hohe fünfstellige Summe fürs Campingfarhzeug gezahlt hat, will nicht sehen, dass die Schranktür wegen falscher Schräubchen nach ein paar Reisen abfällt.
Neue Konkurrenten begeistern Händler
Bleibt dieser Schritt aus, schadet es nicht nur den Kundeninnen und Kunden, sondern auch den jeweiligen Herstellern selbst. Sie erleichtern Konkurrenten den Einstieg in den Markt, die günstiger und möglicherweise besser produzieren können. Um die zu finden, müssen die etablierten Marken nicht einmal bis nach China schauen. Es reicht der Blick nach Polen, der derzeit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaft der EU, wo Produktionstiefe und -techologien längst modernen Standards entsprechen und es nicht an Fachkräften mangelt. Dort etabliert sich gerade eine innovative Caravaning-Industrie mit mehreren Herstellern, deren Qualitäts- und Service-Standards auch deutsche Händlern sehr schätzen. Wer als Wohnmobilhersteller aus Deutschland gegen solche Konkurrenz bestehen will, muss in die Qualität und die Stabilität seiner Ausbauten investieren.
