"Halloween": Ist das Kunstblut oder kann das weg?

Auf die wenigsten Dinge im Leben lohnt es sich, 40 lange Jahre zu warten. Verhält es sich ausgerechnet bei der Rückkehr von Michael Myers und Laurie Strode in "Halloween" anders?
Fast auf den Tag genau 40 Jahre ist es her, dass Regisseur John Carpenter (70) seine Figur Michael Myers in eine leicht modifizierte Captain-Kirk-Maske steckte, ihn auf eine blutjunge Jamie Lee Curtis (59) hetzte und mit "Halloween - Die Nacht des Grauens" Filmgeschichte schrieb. Alles, was danach den klangvollen Namen der Filmreihe trug, war im wahrsten Sinne zum Vergessen - und so setzen die Macher des neuesten Teils, der ab dem 25. Oktober durch deutsche Kinos geistert, direkt ans Original von 1978 an. Aber auch hier stellt sich die Frage: Ist das Kunstblut, oder kann das weg?
Warten auf Myers - darum geht es
Seit er vor 40 Jahren mit einer Mordserie die amerikanische Kleinstadt Haddonfield terrorisierte, sitzt Michael Myers (Nick Castle, 71) in einer psychiatrischen Anstalt in Haft. Als er zusammen mit anderen hochgefährlichen Insassen verlegt werden soll, passiert die Katastrophe: Der Gefangenentransport verunglückt nachts auf offener Straße und ermöglicht ihm die Flucht. Angetrieben von seinem bestialischen Drang zu morden, macht sich Myers auf nach Haddonfield und der entsetzliche Alptraum beginnt für die Bewohner aufs Neue.
Nur Laurie Strode (Jamie Lee Curtis), die dem maskierten Killer seinerzeit nur knapp entkommen konnte, ist vorbereitet, sich dem personifizierten Bösen entgegenzustellen. Der Rest der verschlafenen Kleinstadt, darunter auch Lauries Tochter und Enkelin, nehmen das Gezeter der über all die Jahre offenbar verrückt gewordenen Frau nicht ernst - bis ein beachtlicher Teil von ihnen auf allen erdenklichen Weisen aus dem Leben gerissen die Straßen von Haddonfield säumt.
Die Frage aller Fragen
Die wichtigste Qualität, die ein Horrorfilm haben muss, ist die Fähigkeit, dem Zuschauer einen kalten Schauer über den Rücken zu jagen. Schafft das der neue "Halloween"-Teil? Darauf ein glasklares Jein, und das hat mehrere Gründe. So sorgt man sich sehr wohl auch um Nebencharaktere, weil es Regisseur David Gordon Green (43, "Stronger") überraschend gut gelingt, sie dem Zuschauer sympathisch und ihr meist grausames Ende somit schockierend zu machen. Ab einem gewissen Punkt im Film kippt dieses Schema aber und macht ihn vorhersehbar. Denn dann wird deutlich, dass in Bezug auf die Figuren abseits des Hauptcasts gilt: "Du bist nett? Du bist tot!"
Vorhersehbarkeit ist der Tod vieler Filmgenres, der des Horrorfachs im Besonderen. Umso mehr muss wieder einmal der Trailer zum Film negativ angeführt werden, der einem den Großteil der besten Schockmomente vorwegnimmt und das Schicksal mehrere Figuren absehbar macht. Zugunsten einer stimmungsvollen Vorschau auf den Film, wurde selbigem etwas zu viel in Hinsicht seiner Überraschungsmomente vorweggenommen. Den wuchtigen Schlag in die Magengrube, den zuletzt der Schocker "Hereditary" sogar bei selbsternannten Horror-Veteranen landete, bleibt "Halloween" fast den ganzen Film über schuldig.
In 40 Jahren Horrorgeschichte im Allgemeinen und im Slasher-Genre im Speziellen ist nun einmal schon viel Blut den Bach heruntergeflossen. "Scream" machte sich zurecht über die dämlichsten Aktionen von Horrorfilm-Protagonisten der Marke Laurie lustig, die Parodie der Parodie folgte mit dem Klamauk "Scary Movie". Und auch beim neuen "Halloween" darf man sich nicht zu große Gedanken darüber machen, wie der stets gemütlichen Schrittes mordende Michael ein aufs andere Mal seine Opfer einholen und der Polizei entwischen kann. Und zur gezeigten Gewalt: In Zeiten, in denen die schon lächerlich brutale "Saw"-Reihe fast zum regulären Abendprogramm der Privaten zählt, birgt das Messer im Rücken nicht mehr das größte Schock-Potenzial. Zumal der Film zwar die verkorksten Nachfolger von "Halloween" ignoriert, es sie aber nun einmal gegeben hat.
Und dennoch...
Dass "Halloween" nichtsdestotrotz sehenswert ist, liegt weniger an seinen Schockmomenten, als an seiner Hauptfigur. Jamie Lee Curtis hat nichts mehr gemein mit der einst naiven Babysitterin von 1978, die zu wirklich jeder Gelegenheit ihre Waffe wegwarf. Mehr noch als der knallharte Racheengel, der sich seit 40 Jahren auf den Showdown mit seiner Nemesis vorbereitet, brilliert sie sie als gebrochener Charakter, dessen posttraumatische Belastungsstörung seit vier Jahrzehnten an ihrer Psyche nagt und ihre Familie zerstört hat.
Dass sie sich als ausgebuffte und kampferprobte Rentnerin dennoch in brenzlige Situationen bringt, macht das Gezeigte zunächst zwar nicht glaubwürdiger, dient aber - so viel sei verraten - sogar einem höheren Ziel. Und spätestens, wenn sich drei Generationen an Strode-Frauen als "Final-Girls" dem maskierten Mörder entgegenstellen, wird deutlich: "Halloween" ist endlich wieder jene Ode an die Frauenpower, die bereits das Original aus den 70er Jahren war.
Apropos Ode: Natürlich kommt der Film nicht umher, John Carpenters Vorlage Tribut zu zollen. Und das macht er auf ungemein charmante Art und Weise. Fans des Originals werden ein ums andere Mal eine Hommage erspähen, wenn der Streifen berühmte Szenen des Vorgängers unter dezent anderen Vorzeichen wieder aufgreift...
Fazit:
Wer allen Ernstes erwartet hat, dass "Halloween" 40 Jahre nach dem Original das Mordmesser neu erfindet, wird enttäuscht aus der Vorstellung gehen. Nicht beim Horroraspekt ist der Film innovativ, sondern bei der Darstellung seiner Hauptfigur und vieler Nebencharaktere. Wer den Trailer noch nicht gesehen hat, sollte das auch vor dem Gang zum Kino vermeiden und sich auf 100 Minuten launige, aber nicht bahnbrechende Slasher-Kost freuen. Nicht mehr, aber definitiv auch nicht weniger.