"Inkompetente Milliardäre": Auch mit 85 kritisiert Joan Baez lautstark die US-Regierung
Ein schwangeres Mädchen mit großen Augen, riesig wirkender Gitarre und Kurzhaarfrisur singt "We Shall Overcome". Joan Baez' Auftritt beim Woodstock-Festival 1969 bleibt unvergessen. Mit markantem Sopran, schnellem Vibrato und großem Herzen erzählte sie dort von ihrem inhaftierten Ehemann David Harris, der als Vietnam-Kriegsdienstverweigerer eine dreijährige Gefängnisstrafe absitzen musste. 28 Jahre war sie damals alt, in den USA bereits ein Star. Spätestens nach diesem Auftritt aber eine Legende. Seit über 60 Jahren leiht Joan Baez den Benachteiligten, den Opfern von Ungerechtigkeit und Krieg ihre Stimme. Kritisch, aber nicht verbittert. Wütend, aber doch voller Hoffnung. Am 9. Januar feiert die Ikone der Protestbewegung ihren 85. Geburtstag.
Joan Chandos Báez wurde als Kind einer schottischstämmigen Amerikanerin und eines mexikanischen Physikers 1941 auf Staten Island im US-Bundesstaat New York geboren. Als Mischlingskind bekam sie bereits vor der Schulzeit zu spüren, wie sich Rassismus und Protest anfühlen: Die kleine Joan wurde mit dem N-Wort beschimpft und die "Weißen" durften nicht mit ihr spielen. Ihr Vater weigerte sich, für die Rüstungsindustrie zu arbeiten, die Familie musste daher oft umziehen, einmal sogar nach Bagdad.
Größer als Dylan?
Schon als Kind entwickelte Baez feine Antennen für Menschenverachtung, Armut und Ungerechtigkeit. Als sie mit 15 Jahren eine Rede von Martin Luther King hörte und von ihren Eltern zeitgleich die erste Gitarre geschenkt bekam, ergab sich der Rest fast von alleine. Die musikalischen Einflüsse aus der elterlichen Plattensammlung (Folk-Ikone Pete Seeger, Harry Belafonte, schwarzer R'n'B) im Gepäck, zog sie 1958 zurück in die USA, besuchte die Boston University und Cambridge, damals Hochburg des US-Folk-Revivals. Nach ihrem 18. Geburtstag konzentrierte sich Baez mehr auf ihre Musik als auf ihr Studium. Sie spielte Traditionals, Covers und eigene Songs und nahm 1959 am Newport Folk Festival teil. Folk-Star Bob Gibson holte sie dort für zwei Duette als Überraschungsgast auf die Bühne. Baez wurde über Nacht zum Star.
Gleich ihre ersten beiden Alben sackten Gold-Auszeichnungen ein, ebenso wie "Joan Baez In Concert", dessen zwei Teile 1962 erschienen. Auf der dazugehörigen US-Tournee lernte sie Bob Dylan kennen, der zu einem wichtigen Kapitel im Leben der jungen Folksängerin wurde. Der junge Dylan, damals im Vergleich zu ihr noch völlig unbekannt, wurde nicht nur ihr Liebhaber, sondern auch ihr Duettpartner. Sie begann, seine Songs zu interpretieren, ihn bekannt zu machen und erlebte mit ihm bei den (wenigen) gemeinsamen Songs nicht nur ihren kommerziellen, sondern vor allem ihren künstlerischen Durchbruch.
In der ersten Hälfte der 60er-Jahre stand Baez an der Spitze der neuen, protestbewegten Folk-Szene und beeinflusste junge Nachwuchssängerinnen wie Joni Mitchell oder Bonnie Raitt. Während dieser Zeit entschloss sie sich auch, nur noch an Orten aufzutreten, an denen keine Rassenschranken galten. So blieb es ihr in den USA nur noch übrig, an schwarzen Unis zu singen. 1963 sang sie auf dem Civil Rights March das erste Mal "We Shall Overcome", das durch Woodstock sechs Jahre später auch bei uns zur Hymne wurde.
Mit Dylans wachsender Berühmtheit - und dem ansteigenden Drogenkonsum in seiner Band - zerbröckelte die Beziehung. Er wurde ein Star, Baez experimentierte mit Lyrik zu Orchesterbegleitung. Er zierte Magazincover, Baez hingegen weigerte sich, beim ABC aufzutreten, weil der Fernsehsender den linken Musiker Pete Seeger boykottierte. Die Sängerin protestierte nicht nur in ihren Songs: Baez legte sich mit den Steuerbehörden an, weil sie nicht wollte, dass ihre Steuern den Krieg in Vietnam finanzierten. So behielt sie vorsorglich 60 Prozent davon ein, wurde dem Staat immer unbequemer und kassierte schließlich wegen der Blockade einer Armee-Zufahrt eine 90-tägige Haftstrafe. Bis heute halten sich Gerüchte, dass sie vom Geheimdienst CIA überwacht wurde.
Joan Baez: Kritik an der Trump-Regierung
In späteren Jahren agierte sie vor allem als gefeierte Live-Musikerin, reich wurde sie mit ihren Alben nie. In den 90-Jahren versuchte sie - vielleicht auch deshalb - ihre Karriere ungewohnt professionell anzukurbeln: Baez nahm Gesangsunterricht, besorgte sich einen Manager, arbeitete ihre extreme Bühnenangst und Agoraphobie auf und startete noch einmal durch.
Auch mit den dunklen Seiten ihrer familiären Vergangenheit beschäftigte sie sich, wie der eindrucksvolle Dokumentarfilm "Joan Baez: I am a Noise" (2023) zeigt: Denn Baez und ihre 2001 verstorbene jüngere Schwester Mimi litten unter Depressionen und manischen Schüben. Der Psychiater und seine Behandlungspläne waren früh Teil des Familienalltags. Hinzu kamen in der Familie spät offengelegte Missbrauchsvorwürfe gegen den Vater, die nie ganz geklärt wurden. Die mittlerweile verstorbenen Eltern stritten sie stets ab.
Die Doku zeigt auch das letzte Konzert ihrer Abschiedstournee im Juli 2019 - und was Joan Baez heute macht: Sie malt, schreibt Gedichte ("When You See My Mother, Ask Her to Dance"), meditiert und setzt sich weiterhin für Menschenrechtsaktivismus ein, insbesondere für Flüchtlinge und soziale Gerechtigkeit. Und meldet sich immer noch lautstark zu Wort: Im März 2025 kritisierte sie in der US-Talkshow "Everybody's Live With John Mulaney" die amerikanische Regierung: "Wir sind alle hier, um albern zu sein und Spaß zu haben", sagte Baez in der Show. Man müsse aber sehen, "dass unsere Demokratie in Flammen aufgeht": "Wir werden von einem Haufen wirklich inkompetenter Milliardäre regiert", ergänzte sie.