18 Jahre Führerschein

Seit 18 Jahren ist Sebastian Renz in Besitz des Führerscheins.
Zeit, nostalgisch zu werden, und sich an das erste Auto zu
erinnern: den Renault 5.
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Seit 18 Jahren ist Sebastian Renz in Besitz des Führerscheins. Zeit, nostalgisch zu werden, und sich an das erste Auto zu erinnern: den Renault 5.

© Hans-Dieter Seufert
19.05.2014 - 12:45 Uhr von Sebastian Renz

Die ersten 18 Jahre seines Lebens wartete Sebastian Renz darauf, Auto fahren zu dürfen. Mit 36 fährt er wieder mit seinem ersten Wagen. Eine Geschichte über das Suchen und Wiederfinden der ursprünglichen Freude am Fahren.

Spät am Abend dann, als die 36 Kerzen lange ausgepustet sind, sich Kuchen und Gäste verkrümelt haben, kein Telefon mehr klingelt, keine Kurznachricht bimmelt, stapfe ich die Treppe hoch ins Bett. Erst da fällt mir auf, dass ich den ganzen Tag nicht ins Auto gestiegen bin. Vor 18 Jahren bin ich den ganzen Tag nicht mehr ausgestiegen.

Renault 5 GTL für 1.900 Mark

Ein halbes Leben liegt dieser kältegrimmige Januarmittwoch nun zurück, der mit der Tour zur Führerscheinstelle des Landratsamts Zollernalbkreis beginnt. In einem Renault 5 GTL, Kennzeichen BL-KU 411, Erstzulassung 9. April 1986, 88.800 km, drei Vorbesitzer. Weil ich noch nicht volljährig war, unterschrieb mein Vater am 27. Dezember 1995 beim Citroën-Händler im Nachbarort den gilbgelben Vertrag über die „Verbindliche Bestellung eines gebrauchten Fahrzeugs/Anhängers ohne Garantie“. Von 2.200 Mark handelten wir den Renault 5 GTL auf 1.900 herunter – eine Summe, für die ich vier Jahre lang jede Woche mit dem Fahrrad das „Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg“ an 64 Abonnenten verteilt hatte.

Eine Unterschrift bei der Dame vom Amt, dann darf ich zum ersten Mal mein Auto selbst fahren. Mein ganzes Leben hatte ich darauf gewartet. Nie war die Freiheit größer, stand die Welt offener als auf den ersten Kilometern auf der B 463 zwischen Balingen-Süd und Balingen-Weilstetten.

In den 18 Jahren danach kommen 600.000 Kilometer zusammen und – wie meine streberhaft geführte Modellliste aufführt – weitere 1.463 unterschiedliche Autos. Die Nummer eins, den R5, behalte ich nur acht Monate und 4.073,7 Kilometer. Nach ihm kaufe ich 27 andere Autos, mit manchen kurve ich nur ein paar Wochen herum, mit anderen reise ich monatelang durch Europa. 2003 wird aus dem Hobby ein großartiger Beruf. Die Freude und Begeisterung am Auto schwindet auch als Autotester nie, doch bei über 50.000 km im Jahr geht mitunter das Herzklopfen verloren, dieses Verliebtsein, das 1996 selbst eine Fahrt zum Supermarkt zum Abenteuer macht. Es ist Zeit, wieder danach zu suchen. In einem Renault 5.

Suche nach dem alten Renault

Für meinen klappere ich damals alle Autohändler im Umkreis auf dem Rad ab. Heute rollen dir trotz Internetbörsen leichter drei Flügeltürer vor die Füße als ein guter Supercinq der zweiten, von 1984 bis 1996 gebauten Generation. Ich finde ihn schließlich fast um die Ecke beim Renault-Autohaus Schweier in Fellbach. Montagmittag rufe ich an, ob ich ihn ausleihen darf.

Dienstagfrüh reicht mir der Chef das Schlüssel-Etui des 89er-R5. Der ist nicht ganz wie meiner: ein Automatik, nicht rot, nicht viertürig, ein GTX statt GTL, 73 statt 58 PS, aber mit 9.827 Kilometern auf dem Zähler besser beisammen, als meiner es je war. Ich umrunde ihn zuerst, was erstaunlich schnell geht – bei 3,59 Meter Länge und 1,52 Meter Breite bin ich in elf Schritten drumrum. Zwei kleine Schlüssel baumeln aus dem Etui. Der dicke ist für die Zündung, der metallene für Türen, Heckklappe und Tank.

Der Renault 5 wiegt leer 770 Kilo, ich steigere das Gewicht um knapp zehn Prozent, als ich einsteige. Die Fahrertür patscht mit der Wucht eines zu Boden taumelnden Blattes ins Schloss. Mit diesem Auto sollte dir besser nichts passieren, denke ich. Und dann, ob ich das einst eigentlich auch dachte.

Gib mir mein Gefühl zurück

Selbstverständlich nicht, denn bis zum R5 kurbelte ich auf einem Diamondback Sorrento Sport durch die Gegend. Das ganze Jahr über, zu jeder Zeit, bei jedem Wetter. 6.000 Kilometer im Jahr, nicht als Sport, sondern als einzige Mobilitätsmöglichkeit in einer Gegend, in der Busse tagsüber alle zwei Stunden vorbeischauen und nachts alle zwölf. So ist der Aufstieg vom Rad selbst auf einen kleinen rappeligen, aber selbst fahrenden, heizenden, wind- und größtenteils wetterfesten Renault 5 GTL damals viel größer als heute der von einem R5 auf einen Bugatti Veyron.

Erinnere dich, wo du herkommst, wenn du dort wieder hinwillst. Daran erinnere ich mich und an alle Eigenheiten des Renault 5: die dürren Blinker- und Wischerhebel, die Klaviatur für Heckwischer und -scheibenheizung, den Lichtspot für den Beifahrer. Ich fühle mich so zu Hause, dass ich im Handschuhfach nach selbst bespielten Springsteen-Kassetten krame, um sie ins Blaupunkt Lübeck (Geschenk meiner Eltern zum 18.) zu schieben, als ich merke, dass dieser R5 gar kein Radio hat und wir noch kaum gefahren, aber schon da sind.

Weil Hans-Dieter eben auch ein Romantiker ist, fotografiert er den R5 heute an derselben Location, an der er vor 29 Jahren den ersten Testwagen der neuen Supercinq-Generation geknipst hat (an dieser Stelle verneigen wir uns in Ehrfurcht und Dankbarkeit vor all den treuen Lesern, die nun in ihr Archiv steigen, um in Heft 2/1985 auf Seite 22 nachzuschlagen). Wir sind schnell fertig mit der Fotoproduktion, wärmen uns noch bei einem Kaffee auf. Dann fährt Hans-Dieter los, und ich stehe neben dem R5, der erst in zwei Stunden zurück sein muss. Zwei Stunden Zeit.

Renault 5 prustet unternehmungslustig los

Vielleicht ist Zeit ja die härteste Währung heute, überlege ich, als ich mein Telefon unter die Ablageklappe stecke. Dort lagen früher das Etui mit dem Fahrzeugschein und 20 Mark Tankgeld, die mir meine Mutter zugesteckt hatte – für alle Fälle. 20 Mark reichten für 240 Kilometer oder – wenn ich mich nur traute, sie zu fragen – einen Kinoabend mit Bettina. Auch das prägte das Gefühl der Freiheit des Autofahrens: dass sie wertvoller war, je kostspieliger sie war, und dass man sich dafür entscheiden, auf anderes dagegen verzichten musste.

Zündung. Start. Wählhebel auf D. Der R5 prustet unternehmungslustig los. Es ist ein passender Tag, um ein Stück in die Richtung zu fahren, aus der ich komme, und dann in die, in die ich will. Einfach unterwegs sein, in Bewegung, sehen, wie vertraute Ansichten im Rückspiegel verschwinden, und in neue Aussichten hineinsteuern. Wie wunderbar das ist und wie egal, dass der R5 Kurven durchschunkelt, indirekt lenkt. Wie schön, dass er gut federt, so klein und wendig ist.

Natürlich bin ich dabei nicht wieder 18, sondern 36 – Friseure fragen mich inzwischen, ob ich nach vorn kämme. Überhaupt ist die Jugend kein Ort, zu dem man einfach fahren kann, nicht mal mit dem R5. Aber der lenkt mich zurück auf die Straße zum Herzklopfen. Die führt immer abseits ausgefahrener Bahnen. Wir müssten nur öfter mal bewusst von diesen abbiegen und uns am Auto freuen – ganz egal, welches wir fahren.

Als ich den Renault 5 zurückbringe, fragt mich Herr Schweier, ob ich den Wagen denn nicht haben wolle, für 2.200 Euro. Ich überlege, wiege im Kopf Gedanken ab und in der Hand die beiden kleinen Autoschlüssel. Dann reiche ich sie über den Tresen mit bestem Dank für einen wunderbaren Nachmittag.

Denn mit der herzklopfenden Jugend ist es wohl endgültig vorbei, wenn man meint, sie sich einfach zurückkaufen zu können.

Quelle: 2014 Motor-Presse Stuttgart
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