Audi A6 50 TFSI e Quattro, Mercedes E 300 e 4Matic: Große Hybrid-Limos im Duell

6,5 l/100 km verbrauchen beide Testwagen auf unserer rein mit
dem Verbrenner gefahrenen Eco-Runde. Nach ams-Profil liegt der Audi
bei 2,6 Litern + 22,8 kWh, der Mercedes bei 3,4 Litern + 20 kWh je
100 Kilometer.
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6,5 l/100 km verbrauchen beide Testwagen auf unserer rein mit dem Verbrenner gefahrenen Eco-Runde. Nach ams-Profil liegt der Audi bei 2,6 Litern + 22,8 kWh, der Mercedes bei 3,4 Litern + 20 kWh je 100 Kilometer.

© Hans-Dieter Seufert

Auch die Business-Liner machen sich fit für die Zukunft: Audi A6 und Mercedes E-Klasse fahren in Hybridform zwischen 35 und 40 Kilometer weit rein elektrisch – rauschen aber ebenso vom E-Boost unterstützt kraftvoll in die Ferne. Denn der Dauerlauf ist schließlich ihr ureigenes Metier.

Wir befinden uns in einer Phase des Umbruchs, in der auch viele Automodelle neu justiert werden. Es gilt, eine Balance zu finden, um sinnvolle Hilfe für den Fahrer zu bieten und dabei nicht zu riskieren, dass man ihn mit Bevormundung nervt. Plug-in-Hybride der Oberklasse wie der Audi A6 50 TFSI e Quattro und der kürzlich modellgepflegte Mercedes E 300 e 4Matic wissen beispielsweise viel über den perfekten Fahrstil und wollen ihr Wissen loswerden – vor allem zum Thema Verbrauch. Assistenten geben dem Gasfuß bereitwillig Tipps, wie er sich ökonomisch verhält.

Ob das wohl zur Luxus-Aura dieser Klasse passt, fragt man sich unweigerlich. Schließlich gehören Wohlstand und Überfluss so sehr zu ihrer Lebenswelt, dass Hinweise zur Sparsamkeit fast komisch wirken. Doch gerade die Hybrid-Motorisierungen wollen Vortriebsfülle vom Makel der Verschwendungssucht reinwaschen – mit bemerkenswert kleinen Verbräuchen, welche fleißige Stromtanker mit den großen Wagen tatsächlich erzielen können, wie die Business-Liner beweisen werden.

Zumal es, um beim eingangs erwähnten Beispiel zu bleiben, kaum nach Entbehrung riecht, den Fuß nach einem Hinweis rechtzeitig vom Gas zu nehmen, um mit 50 km/h regelkonform das Ortsschild zu passieren – ohne zuvor zu bremsen. Und es weht kein Verzichtsaroma durch die opulent dekorierten Innenräume, wenn man abgasfrei durch die Stadt stromert. Die E-Power reicht locker aus, um Höhenlagen zu erklimmen.

Entwarnung auch für Fernstraßen. Bei eventuell auftretenden Schubgelüsten besteht die einzige Einschränkung im Klangbild und im unstandesgemäßen Lauf der Vierzylinder, die dann ein raues Krächzen intonieren. Beim Lospowern dagegen ist keine Schwächlichkeit zu spüren – die E-Maschinen packen mit an, helfen, ein wuchtiges Systemdrehmoment von 450 Nm im Audi, im Mercedes sogar 700 Nm zu entwickeln. Entsprechend heftig schiebt Letzterer an.

Tempo aus dem Handgelenk

Das ist deshalb erwähnenswert, weil es nicht zu jenen überholten Klischees passt, die bisweilen noch immer an der E-Klasse pappen – von wegen Behäbigkeit und so. Dem kann nur mangelnde Erfahrung mit den aktuellen Modellen zugrunde liegen, denn der allradgetriebene Mercedes zieht hier nicht nur fülliger durch, er erklimmt auch Bergpassagen beschwingter. Ja, er dreht punktgenau ein, scharwenzelt um Kurven und zoomt sich so unbeschwert wieder heraus, dass sich Schnelligkeit auf der Autobahn ebenso wie auf der Landstraße aus dem Handgelenk schütteln lässt. Korrigieren? Nie. Die Linie passt, die Länge läuft.

Wer sich also gedanklich bereits für einen A6 entschieden hat, etwa weil dessen individueller Einrichtungsstil besser gefällt, der sollte keinesfalls leichtfertig einen E 300 e zur Probe fahren – das könnte den Entscheidungsprozess auf null setzen.

Dabei bereitet der für 1.130 Euro adaptiv stoßdämpfende 50 TFSI e enorm viel Freude und Genuss. Ohne Vergleichsmöglichkeit würde man kaum Schwächen feststellen, denn Audi hat in den vergangenen Jahren merklich Ehrgeiz in die Verbesserung von Lenkgefühl, Fahrkomfort und Geradeauslauf gesteckt.

Die Abstände schrumpfen, aber sie sind spürbar. Und sie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Dem A6 fehlt die kultivierte Gewandtheit der E-Klasse. Jene resultiert aus der geschliffenen Abstimmung der einzelnen Komponenten, die vor allem in Form der Luftfederung (2.204 Euro) immer wieder eine hohe Kompetenz beweist. Es ist schlicht großartig, wie bereitwillig der E 300 e Unebenheiten ertastet und wegfiltert, ohne darüber an straffer Fahrwerkspräzision einzubüßen. Wie selbstverständlich er Langstrecken unter sich hinwegsaugt. Wie ausgeruht vor allem die vorne sitzenden Passagiere am Ziel ankommen.

Die Kompetenz manifestiert sich zudem darin, Fehlentscheidungen zu revidieren. So hat die E-Klasse, wohl unter dem Einfluss des aktuellen Digitaltrends, zunächst ihren Dreh-Drück-Steller zugunsten eines arg sensiblen Touchpads – und damit Punkte – verloren. Nicht nur wir, sondern auch die Kunden maulten – und jetzt können sie zwischen alter und neuer Bedienung wählen. Dabei führen viele Wege zum Ziel: Es gibt unter anderem die ausgelagerten Menütasten oder die entdeckungsbedürftigen Induktivfelder am Lenkrad.

Natürlich lassen sich Aufträge stattdessen frei diktieren oder per Fingerzeig auf den Touchscreen tippen, wie das auch beim Audi möglich ist. Dem Mercedes voraus hat dieser einen dritten Bildschirm, auf dem je nach Anwendung die Klimatisierung eingestellt oder Buchstaben gekritzelt werden können. So lassen sich Eingaben erstellen, was die Mitfahrer beim Vorführen beeindrucken dürfte – sofern man sich vorher mit der verflochtenen Menüstruktur beschäftigt hat und nicht vor den interessierten Augen hektisch herumwischt. Allerdings hinterlassen die vielen Berührungen unschöne Fingerabdrücke auf dem hochglänzenden Panel.

Fest montierter Koffer

Doch auch die E-Klasse erlaubt sich Schnitzer: Der Hochvolt-Akku erhebt sich mitten im Gepäckraum wie ein fest montierter Koffer, reduziert das Volumen von 540 auf 370 Liter und liegt sperrig im Weg, falls mal etwas Langes transportiert werden sollte. Das könnte die Limousine nämlich prinzipiell, denn so wie im Audi lassen sich die Rücksitzlehnen gegen Aufpreis umklappen. Der A6 breitet seinen Stromspeicher etwas geschickter unter dem Ladeboden aus, der zwar insgesamt nach oben rutscht, aber eine ebene Fläche bildet. Nur beim Volumen hat der Gepäckraum noch weniger zu bieten (360 l).

Wer mit vollem Akku startet, kommt rein elektrisch 40 Kilometer weit (E 300 e: 35 Kilometer). Und wer regelmäßig an Wallboxen andockt, kann sogar zwei- oder dreimal am Tag säuseln, denn die leeren Akkus sind recht schnell wieder voll: Der Audi hängt 145 Minuten am Kabel, der Mercedes nur 95 Minuten.

Vorteil E-Klasse. Und man meint, dass sie mit einem Pünktchen da und einem weiteren dort die Eigenschaftswertung einstreichen sollte. Genauso wie den Gesamtsieg, denn im Kostenkapitel lässt sie gegenüber dem A6 nichts anbrennen. Rechnet man die im Test bewerteten Optionen wie Sitze, Räder und Fahrwerk auf den Grundpreis, liegen beide nahezu gleichauf.

Warum sich am Ende dennoch der Audi knapp auf Platz eins schiebt? Er macht es wie ein Racer, bremst den Gegner aus. Denn anders als beim Fahren zeigt der Mercedes beim Anhalten wenig Elan, verliert in Summe neun Punkte. Diese lassen sich selbst mit dem spürbar besseren Komfort und dem kräftigeren Antritt nicht mehr wettmachen.

Auch beim Verbrauch nicht, wo der Audi etwas sparsamer war – nicht weil die Tipps besser wären, sondern weil er weiter elektrisch fuhr.

Technische Daten:

A6 50 TFSI e Quattro

Leistung: 185 KW (252 PS)
Drehmoment (bei U/min): 370
Höchstgeschwindigkeit:250 km/h
Grundpreis:60.300 €

E 300 e 4 Matic

Leistung: 155 KW (211 PS)
Drehmoment (bei U/min): 400
Höchstgeschwindigkeit:245 km/h
Grundpreis:58.458,2 €

Bewertung

Audi A6 50 TFSI e Quattro

Testwertung: 492 Punkte

Der A6 gewinnt den Vergleichstest vor allem mit seiner hervorragenden Bremsleistung. Beim Federungskomfort liegt er allerdings noch merklich hinter der E-Klasse zurück.

Mercedes E 300 e 4Matic

Testwertung: 488 Punkte

Komfort und Kurven, das kann die E-Klasse. Auch vorwärtspowern und bei Bedarf elektrisch säuseln. Doch für einen Sieg müsste sie bei den Bremstests mehr beißen.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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