Westfalia Club Joker im Test (2020): Bulli-Camper mit Klo, Dusche und 150 PS

Westfalia baut den VW T6.1 zum autarken Camper mit Bad aus. Wir
zeigen, welche Vorteile und Nachteile das Fahrzeug bietet.
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Westfalia baut den VW T6.1 zum autarken Camper mit Bad aus. Wir zeigen, welche Vorteile und Nachteile das Fahrzeug bietet.

© Andreas Becker

Konventionelle Campingausbauten des VW Transporters verfügen weder über Hochdach noch Bad – der Westfalia Club Joker hat beides. Welche Vorteile und Nachteile bringt er dadurch mit? Und: Bietet er dadurch tasächlich so viel Autarkie?

Ein Bulli verspricht vor allem Freiheit. Unabhängigkeit und Kopffreiheit verspricht der Westfalia Club Joker, ein VW-Transporter mit Hochdach. Noch mehr Freiheit verspricht der Westfalia Club Joker dadurch, dass er neben einer Küche auch ein Bad an Bord hat. In Corona-Zeiten, in denen diskutiert wird, dass für autarke Fahrzeuge (mit WC und Bad) die Stell- und Campingplätze zuerst wieder öffnen könnten, punktet dieser Bus also besonders. In unserem Schnelltest haben wir den vielversprechenden Bulli-Ausbau etwas genauer angeschaut.

Sie wollen nur einen schnellen Überblick? Hier geht's direkt zu allen Vor- und Nachteilen und hier zum Fazit.

Fahren

Der moderne VW T6.1 trifft auf einen Hochdach-Aufbau beim Westfalia Club Joker – was bedeutet das fürs Fahrgefühl? Nichts. Denn: Der kompakte Camper fährt sich wie ein ganz normales Auto. Das ist das größte Kompliment, was ein Campingbus bekommen kann. Auch bei höheren Geschwindigkeiten kann man sich gut unterhalten. Trotz 2,80 Meter Fahrzeughöhe ist das Fahrzeug weder schaukelig noch schiffig und reagiert kaum auf Seitenwind.

Freude bei Fahren bereiten auch die State-of-the-Art-Ausstattung mit Multimedia, Sprachsteuerung und Assistenzsystemen. Das Smartphone ist schnell mit dem Bordcomputer verbunden, das Radio und das Navigationsziel flux via Sprachkommando gewählt und das Fahrgefühl vermittelt nur Sicherheit dank satter Lage auf der Straße, genauer Lenkung und zwei Airbags. Auch die Assistenten wie der Abstandstempomat, Notbrems-Warner, Müdigkeitserkennung und Regensensoren sorgen dafür, dass man sich gut aufgehoben fühlt. Die Beim Parken und Rangieren helfen Rückfahrkamera und Parkpieser – letzerer ist jedoch so fein eingestellt, dass er sogar ausschlägt, wenn man durch eng beparkte Straßen fährt.

Sitzgruppe und Wohnraum

Der Westfalia Club Joker bietet vier bequeme Sitzplätze: Vorne zwei leicht drehbare Pilotensitze und hinten eine Sitzbank für zwei, die tatsächlich bequem ist. Ein Tisch verwandelt die Sitzgruppe in ein Esszimmer. Dieser ist clever in der Seitentür verstaut und schnell aufgebaut. Auf der Fahrerseite wird der Tisch in eine Leiste am Fenster eingehangen, auf der anderen Seite sorgt sein Tischbein für einen stabilen Stand. Auch in allen anderen Punkten räumt der Bus ab: Die LED-Beluchtung ist durchdacht, Fliegenschutzgitter an allen Fenstern vorhanden und genügend Steckdosen gibt es ebenfalls.

Die Stehhöhe beträgt vorne in der Sitzgruppe 2,12 Meter – somit wirkt das Fahrzeug erstmals verlockend für große Menschen. Der Durchgang zum Cockpit ist nicht deckenhoch, da sich hier das zusammengeklappte Bett befindet. Allerdings sorgt eine Verkleidung dafür, dass man sich nicht allzu stark den Kopf stößt, sollte man doch mal damit hängen bleiben.

Vorsicht ist weiter im Heck geboten: Der Durchgang nach hinten ist recht eng und bedarf dank Stolperstufe etwas Umsicht beim Bewegen. Im Küchenbereich beträgt die Innenstehhöhe wegen dieser Stufe nur 1,87 und in der Nasszelle 1,84 Meter.

Schlafen

Beide Betten im Westfalia Club Joker sind nicht fest installiert, sondern müssen gebaut werden – das funktioniert gleichermaßen ohne größere Probleme. Man merkt: Der Camping-Ausbau ist bewährt, wird seit Jahren von Westfalia genau so gebaut und viele clevere Details beweisen tatsächliche Serienreife und Praxisnutzen.

Das Bett unter dem Hochdach ist für zwei Personen und misst 2,19 x 1,27 Meter. Die Matratze besteht aus mehreren Teilen, die quer aneinandergelegt werden – dennoch ist die Konstruktion nicht zuletzt dank der Tellerfedern sehr komfortabel und rutschfest. Zwei Leselampen und das Dach- und Seitenfenster auf beiden Flanken sorgen für genügend Licht. Dach und Seitenwände sind mit Stoff verkleidet. Das wirkt wohnlich und federt mögliche Kopfanstößen weich ab. Der Aufstieg gelingt besonders einfach durch eine Trittstufe, die während der Fahrt klapperfrei und sicher in einem Staufach unterkommt.

Das Bett unten reicht für einen kleinen Menschen. Die Liegefläche der umgebauten Sitzbank ist 1,78 Meter lang und zwischen 83 und 100 Zentimeter breit. Obwohl es keine Tellerfedern gibt, macht die Matratze einen soliden Eindruck. Die Kopfhöhe zwischen Liegefläche und oberem Bett beträgt mit 65 Zentimetern immer 7 Zentimeter mehr als im Dachbett.

Stauraum

Dank eines Rollo-Regals an der Stirnseite des Küchenblocks, mehreren großen Schubladen und einem weiteren Dachschrank am Heck ist der Stauraum in der Küche üppig. Hier kann man alles an Lebensmitteln und Küchenutensilien verstauen, was man für die Versorgung einer zwei- bis dreiköpfigen Campingcrew benötigt.

Das Platzangebot für Kleidung ist etwas dürftiger. So gibt es zwar gegenüber der Küche einen Kleiderschrank zum Aufhängen, beispielsweise für Jacken, und ein großes Fach. Da hier jedoch auch der Kühlschrank untergebracht ist, fehlt es wiederum an Verstaumöglichkeiten für weitere Urlaubsgardrobe. Und so bleiben nur zwei weitere, kleine Regalfächer. Gut gelöst wiederum ist der Schminktisch mit Spiegel, Schublade und Staufach oberhalb des Kühlschranks.

Clever gelöst ist der kompakte Stauraum im Heck. Hier kommen im Bodenstaufach Campingstühle unter. Es gibt außerdem eine designierte Halterung für einen Tisch. Westfalia hat außerdem für Gasflasche, Kassettentoilette, Kabeltrommel etc. ebenfalls ein passgenaues Fach konzipiert. Wer ein Fahrrad oder größeres Sportgerät transportieren will, ist allerdings auf Zusatzlösungen am Heck oder auf dem Dach angewiesen. Surfbretter oder SUP-Boards könnten eventuell im Wohnraum im Gang transportiert werden – am Zielort angekommen stehen die dann allerdings im Weg.

Küche

Die Küche besteht aus einem Zweiflammkocher mit elektrischer Zündung und einer Spüle. Die Arbeitsfläche ist ausladend für ein Fahrzeug dieser Größe, selbst eine elektrische Kaffeemaschine könnte hier unterkommen.

Das größte Manko ist die niedrige Höhe der Arbeitsplatte. Selbst kleine Menschen müssen sich tief nach unten bücken, um beispielsweise den Topfinhalt umzurühren oder auf der Arbeitsfläche Gemüse zu schnippeln.

Positiv fallen wiederum die vielen offenen Ablageflächen an der Seite auf. Auch gut: Durch die vielen Fenster lässt sich die Küche gut be- und entlüften. Der Kühlschrank ist mit 50 Litern Volumen nicht besonders groß, jedoch der Fahrzeugkategorie entsprechend und auf komfortabler Höhe eingebaut.

Bad

Einen Bulli mit Bad sieht man nicht alle Tage. Die Grundriss-Lösung beim Westfalia Club Joker bringt im Heck auf der Fahrerseite einen Waschraum unter, der – wie die Betten – bei Bedarf gebaut wird. Hierzu wird die Bodenplatte vor der Küchenzeile angehoben, dann kommt die Duschwanne zum Vorschein. Privatsphäre schaffen zwei Plastiktüren, die eine abtrennbare Nasszelle schaffen. Das ist die einzige Stelle, die einen Minuspunkt kassiert. Da diese Lösung verhindert, dass man gleichzeitig Küche und Bad benutzen kann. Wenn Toilette oder Dusche im Einsatz sind, kann man nicht gleichzeitig kochen. Immerhin steht der Kühlschrank weiter vorne und ist jederzeit erreichbar.

Abgesehen davon ist das System sehr durchdacht. Im Bad gibt es ein kleines Handwaschbecken, dessen Wasserhahn am Schlauch ausgefahren werden kann und dann als Duschbrause dient. Die Brause wird im Inneren der Nasszelle je nach Wunsch via Saugnapf an der Seitenwand angebracht, sodass jeder Nutzer die ideale Duschkopfhöhe für sich findet. Leider hört der Duschspaß bei einer Stehhöhe von 1,85 Meter auf. Alle die größer sind, werden, sofern es das Wetter zulässt, sicherlich lieber die Außenduschfunktion nutzen. Der Clou hier: Die Brause wird durch ein Fenster außen ans Fahrzeugheck angebraucht, dann kann man sich hinter dem Camper stehend abbrausen.

Bordtechnik

Heizung, Wasser, Strom, Gas, WC – der Westfalia Club Joker bietet alles, was ein großer Campingbus oder ein autarkes Wohnmobil benötigt. Alles kommt baubedingt in etwas kleinerer Ausführung daher, wobei sich 70 Liter Frischwassertank sehen lassen können. Das tut dem Nutzen keinen Abbruch: Alles ist darauf ausgelegt, dass man einige Tage komplett autark stehen kann.

Einziger Minuspunkt hier: Die Bordtechnik ist leider nicht mit der Fahrzeugtechnik des VW T6.1 gekoppelt. Vorne lassen sich zwar die Luftdruckstände der Reifen im Touch-Display ablesen. Die Füllstände der Wassertanks oder die Heizung muss gesondert hinten am Bordpanel kontrolliert werden. Wäre alles miteinander gekoppelt und vernetzt, könnte man ganz bequem alles vom großen modernen Touchpad aus steuern.

Die größten Vorteile und Nachteile

(+) Fährt sich trotz Hochdach sehr automotiv, schaukelt nicht, kaum anfällig für Seitenwind.(+) sehr moderne Assistenzsysteme: Abstandstempomat, Müdigkeitserkennung, Sprachbefehle, etc. (Aufpreis)(+) Rückfahrkamera und Parkassistent (Aufpreis)(+) sehr zuverlässige Heizung und einfache Bedienung(+) bequeme Sitzgruppe, stabiler Tisch(+) einfacher Bettenumbau oben wie unten(+)/(-) genügend Stauraum für Lebensmittel / etwas wenig Stauraum für Kleidung(+)/(-) Toilette und Dusche an Bord, Bad sehr kompakt aber funktional(-) Dusche für Menschen über 1,85 Meter Körpergröße schwierig nutzbar(-) Abstandswarner piepst bereits, wenn man durch eine eng geparkte Straße fährt.(-) ab Tempo 120 PS leichte Windgeräusche wahrnehmbar(-) relativ kleine Außenspiegel(-) Küchenarbeitsfläche sehr niedrig(-) weiße Stufe in den Wohnbereich verdreckt schnell

Infos und Preise: Westfalia Club Joker (2020)

Basisfahrzeug: VW T6.1, 150 PS, 6-Gang-Schaltgetriebe Länge/Breite/Höhe: 5,29/1,90/2,80 Meter zulässiges Gesamtgewicht: 3,0 Tonnen (auflastbar auf 3,2 Tonnen) Grundpreis: 65.740 Euro

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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