Mercedes fürchtet Buhmann-Rolle: „Machen uns keine Freunde“

Die Silberpfeile flogen um den britischen Traditionskurs.
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Die Silberpfeile flogen um den britischen Traditionskurs.

© Wilhelm

Mercedes fuhr in Silverstone wie erwartet auf einem anderen Planeten. Lewis Hamilton und Valtteri Bottas zertrümmerten die Konkurrenz mit mehr als einer Sekunde Vorsprung. Teamintern schlug das Pendel erst im letzten Moment Richtung Hamilton aus.

Wir haben es erwartet und doch auf das Gegenteil gehofft. Das Streckenlayout von Silverstone ist wie gemalt für die Mercedes. 81 Prozent Volllast, zwölf Kurven jenseits von 220 km/h. Nur zwei Ecken zerstören den schönen Rhythmus. Da kann ein Auto mit überlegener Motorleistung und dem meisten Abtrieb seine Qualitäten voll ausspielen.

Max Verstappen hoffte, den Rückstand auf eine halbe Sekunde beschränken zu können. Es wurden 1,022 Sekunden daraus. Wären Lewis Hamilton und Max Verstappen gleichzeitig losgefahren, hätte Hamilton auf dem Zielstrich 71 Meter Vorsprung gehabt.

Alle anderen Teams wurden noch mehr verprügelt. Ferrari fehlten 1,124 Sekunden, McLaren 1,479 und Racing Point im verkappten Vorjahres-Mercedes 1,536 Sekunden. Mercedes-Teamchef Toto Wolff fürchtet bereits, dass Mercedes wegen der drückenden Überlegenheit bald schon in die Rolle des Buhmanns gesteckt wird: "Wir haben uns keine Freunde gemacht. Wir sind heute wirklich in einer eigenen Liga gefahren."

Bei den kurzen Intervallen zwischen den Rennen und angesichts der Entwicklungsbeschränkungen wird sich an dem Kräfteverhältnis auch nicht viel ändern. Nur das Wetter kann Mercedes einen Streich spielen. Verstappen wehrt ab: "Auch bei 35 Grad wären wir Dritter geblieben. Vielleicht mit ein bisschen weniger Rückstand."

In allen Belangen überlegen

In der Ernüchterung über die klaren Verhältnisse an der Spitze des Feldes ging unter, dass Lewis Hamilton mit seiner Bestzeit von 1.24,303 Minuten die 250 km/h-Schallmauer durchbrochen hatte. Sein Schnitt von 251,564 km/h ist trotzdem nicht die schnellste Runde, die je in Silverstone gefahren wurde. Die gehört Keke Rosberg im Williams-Honda aus dem Jahr 1985 mit 259,003 km/h. Damals aber hatte Silverstone noch das klassische Layout mit zehn statt 18 Kurven und 4,719 Kilometer Streckenlänge.

Valtteri Bottas drückte aus, wie es sich in einem Mercedes-Cockpit anfühlt. "Das Auto ist so unglaublich stark. Es ist die reine Freude, es zu fahren." Kollege Hamilton spricht vom besten Mercedes, in dem er je gesessen ist, und Sebastian Vettel staunt beim Zuschauen: "Dieser Mercedes scheint wie von selbst zu fahren."

Wer der Konkurrenz so entrückt ist, hat praktisch keine Schwäche. In allen vier Speedmessungen liegen die Silberpeile vorn. Sowohl im Top-Speed auf der Hangar und der Wellington-Gerade, als auch beim Beschleunigen aus der 130 km/h schnellen Club-Passage als auch ausgangs Chapel, der letzten Kurve im Becketts-Komplex.

Auch die Sektorzeiten zeichnen ein eindeutiges Bild. Mercedes allein auf weiter Flur. Am geringsten fällt der Vorsprung noch im ersten Streckenabschnitt aus, den man mit zwei Geraden und einer langsamen Kurve ruhig als Power-Sektor bezeichnen darf. Da verliert Red Bull 0,165 Sekunden, Ferrari 0,245 Sekunden und Racing Point 0,458 Sekunden, was in Anbetracht der Verwandtschaft der beiden Autos erstaunlich viel ist.

In den beiden anderen Abschnitten richtet Mercedes die Konkurrenz hin (siehe Tabelle). Das liegt nicht nur daran, dass der W11 in den schnellen Kurven in einer eigenen Liga fährt. Je weiter man sich in der Runde befindet, desto mehr lassen die Reifen nach. Beim Mercedes weniger als beim Rest.

Das Auto hat nicht nur mehr Leistung als der Rest sondern auch mehr Abtrieb. Wolff will kein Detail herausstreichen, das diesen Mercedes so stark macht: "Es ist nicht so, dass wir drei Zehntel beim Motor, drei Zehntel beim Auto und drei Zehntel bei den Reifen gefunden haben. Wir haben einfach alle Bausteine gut zusammengesetzt."

Wann hat sich Hamilton zuletzt gedreht?

Lange Zeit sah es so aus, als hätte Silverstone-König Hamilton seinen Meister gefunden. Der Weltmeister kam einfach nicht in Schwung. Immer wieder baute der sechsfache Silverstone Sieger Fehler in seine Fahrt ein. Im Q2 legte er in Luffield sogar einen fulminanten Dreher auf die Bahn. Hamilton hatte Mühe sich zu erinnern, wann ihm so etwas das letzte Mal passiert war.

"Es war eine turbulente Sitzung. Wir hatten über Nacht das ganze Auto umgebaut, und es fühlte sich am Samstagmorgen wie verwandelt, einfach viel besser an. Ich habe dann im dritten Training noch einmal ein paar Kleinigkeiten ändern lassen. Die gingen in die falsche Richtung. Aber damit musste ich leben."

Der Mercedes war bei dem böigen Wind wieder unberechenbar geworden. "Wir hatten alles. Gegenwind, Rückenwind, Seitenwind. In einigen Kurven war das Heck ziemlich nervös. Nach meinem Dreher musste ich mich erst einmal sammeln. In solchen Momenten ist es wichtig, langsam wieder Vertrauen aufzubauen. Deshalb bin ich wirklich froh, dass es im Q3 so gut geklappt hat. Die erste Runde war ordentlich, die zweite wirklich gut."

Das musste auch Valtteri Bottas einsehen. Bei dem Finnen lief drei Trainingssitzungen und zwei Qualifikationsrunden lang alles nach Plan. "Ich hatte saubere Runden, wurde Schritt für Schritt schneller. In Q3 veränderte sich plötzliche die Balance. Das Heck wurde unruhig, vor allem in den Kurven 7, 12 und 13. Lewis ist eine Runde nahe an der Perfektion gefahren. Da konnte ich mit dem Auto, das ich zum Schluss hatte, nicht dagegenhalten."

Spannung nur mit unterschiedlicher Strategie?

Bottas weiß, dass eine große Verantwortung auf ihm lastet. Er ist der einzige Fahrer im Feld, der diese Weltmeisterschaft noch spannend machen kann. Wenn er es nicht schafft, einen Durchmarsch von Hamilton zu verhindern, werden im Verlauf der Saison immer mehr den Fernseher ausschalten.

Deshalb spricht sich Bottas auch Mut zu: "Lewis hat letztes Jahr vom zweiten Startplatz aus mit einer anderen Taktik gewonnen." Das Dumme ist nur, dass es diesmal eine andere Taktik nicht gibt. Beide Mercedes-Fahrer starten auf Medium-Reifen. Da sagt die Logik, dass darauf der harte Reifen folgt. Und dann gewinnt in der Regel der Fahrer, der als erster zum Boxenstopp kommt.

Der weiche Gummi ist vermutlich nicht robust genug, die zweite Hälfte des Rennens zu überstehen. Wer auf Medium-Soft-Soft setzt, muss einen kompletten Reifenwechsel gutmachen. Der kostet in Silverstone wegen der 509 Meter langen Boxengasse bei einem perfekten Stopp 26 Sekunden. Mehr als anderswo.

Außerdem ist noch nicht der Moment gekommen, an dem Mercedes zweite Plätze mit riskanten Strategien aufs Spiel setzt. Das könnte bei anhaltender Überlegenheit etwas für die zweite Saisonhälfte sein, deutete Wolff zuletzt in Budapest an.

Hamilton machte gleich einmal klar, was er von solchen Spielchen als künstlicher Spannungsmacher hält: "Unser Ansatz und unsere Linie als Team ist klar. Es gibt keinen Grund, ohne Not irgendetwas an der Taktik zu ändern. Ich kann mir nicht vorstellen, warum es hier anders sein sollte."

Er selbst hatte sich im Vorjahr im Vergleich zu Bottas einen Boxenstopp gespart. Der Finne musste ein zweites Mal an die Box, weil er zu früh den linken Vorderreifen seiner Startgarnitur hingerichtet hatte, und er es mit dem zweiten Satz nicht über die Restdistanz geschafft hätte. Wolff verspricht Bottas: "Eine solche Taktik ist auch morgen im Rennen möglich."

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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