Trainingsanalyse GP Emilia-Romagna: Zu schmal zum Überholen

Trainingsanalyse GP Emilia-Romagna: Zu schmal zum Überholen
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Trainingsanalyse GP Emilia-Romagna: Zu schmal zum Überholen

© Wilhelm

Das Trainingsergebnis war eindeutiger als erwartet. Doch Red Bull deutete mit seinen Rennsimulationen an, dass man die Silberpfeile im Rennen ärgern könnte. Ferrari dagegen erwartet ein schweres Rennen. Wer hinten steht, wird sich schwer tun. Die Strecke ist zu schmal für Überholmanöver.

Die 90 Trainingsminuten beim Comeback von Imola waren hektisch und ruhig zugleich. Ideales Wetter, keine Unterbrechung, kein Unfall. Für die Hektik sorgte dagegen der gedrängte Zeitplan. Bei Asphalttemperaturen zwischen 18 und 23 Grad mussten die Teams in die 90 Minuten freies Training am Samstagmorgen die komplette Vorbereitung packen. Check der drei Reifensorten, lernen der Strecke, Üben für die schnelle Qualifikationsrunde, Longruns.

Normalerweise haben Fahrer und Ingenieure dafür zweieinhalb Mal so viel Zeit. "Dabei kommt immer ein Kompromiss raus", urteilte Valtteri Bottas. Ferrari und Alfa Romeo ließen im ersten Training komplett die Finger vom Medium-Reifen. Red Bull setzte ihn nur sechs Runden lang mit Alexander Albon ein.

Weil die Programme schwer voneinander zu trennen waren, ging der Vergleich der Rennsimulationen mit freiem Auge unter. Wir haben die Longruns für Sie herausgepickt und sie wie üblich miteinander verglichen. Dabei zeigte sich, dass Max Verstappen im Renntrim näher an den Mercedes dran ist als auf eine Runde, wo der Abstand mit einer halben Sekunde nach dem Geschmack von Red Bull zu groß ausgefallen ist. Auf den Soft-Reifen fuhr Verstappen zwar im Schnitt um drei Zehntel langsamer als Lewis Hamilton, aber um ein Zehntel schneller als Valtteri Bottas, der allerdings fast doppelt so viele Runden auf die Bahn legte. Hamilton teilte seinen Dauerlauf auf zwei Portionen auf.

Auf den harten Reifen war Verstappen klar der schnellste. Mercedes probierte Pirellis härteste Sohlen zwar aus, verzichtete aber wegen eines Bremsplattens bei Bottas auf Longruns und konzentrierte sich stattdessen auf die Mischungen Soft und Medium. Max Verstappen rührte den Medium-Gummi erst in der Qualifikation an. Der RB16 harmoniert mit Pirellis C3-Mischung nicht so gut. Das ist der gleiche Reifentyp, der vor einer Woche in Portugal der Soft-Reifen war. Trotzdem war der Medium-Reifen für den Start das oberste Gebot. Der Soft-Reifen ist im Rennen noch schlechter.

Sechs Dinge, die Sie wissen müssen

1) Wie nah ist Red Bull an Mercedes dran?

Nicht so nah, wie man es sich gewünscht hat. "Das Motorproblem im Q2 hat unseren Rhythmus durcheinander gebracht. Sonst wären wir näher an Mercedes dran gewesen. Geschlagen hätten wir sie aber nicht", bilanzierte Red Bull-Sportchef Helmut Marko. Die Ingenieure reduzierten den Anpressdruck, um auf den Geraden nicht zu verhungern. Prompt lag Red Bull auf den Geraden unter den Top 3.

Mercedes konnte sich mit seinem PS-Vorteil mehr Flügel leisten, war im Topspeed aber immer noch schnell. Max Verstappen verliert im ersten Sektor drei Zehntel auf Hamilton, kann aber mit den Mercedes im Mittelabschnitt mit den Kurven Villeneuve, Tosa, Piratella und Acque Minerali mithalten. In den Longruns auf den Soft-Reifen schob sich Verstappen zwischen die Silberpfeile. Auf den harten Reifen war er der schnellste. Allerdings gegen Fahrer, die in diesem Jahr nicht seine Kragenweite sind. Esteban Ocon war im Mittel um sechs Zehntel langsamer und fuhr noch sechs Runden weniger.

Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin blickt trotz des großen Vorsprungs in der Qualifikation nicht ganz sorgenfrei auf die Rennvorbereitung: "Wir waren überrascht, wie schlecht der Soft-Reifen unter Rennbedingungen funktioniert hat. Hätten wir das geahnt, hätten wir das gleiche Trainingsprogramm abgespult wie Red Bull und Ferrari und uns einen Satz mehr für die Qualifikation aufgehoben." Über den harten Reifen hat Mercedes nur eingeschränkt Daten. Bottas vernichtete eine Garnitur durch einen Bremsplatten. Red Bull-Teamchef Christian Horner sieht einen kleinen Vorteil: "Wir starten mit Max und Alex auf unterschiedlichen Reifen, was uns unterschiedliche Strategien erlaubt."

2) Wo steht Ferrari im Renntrim?

Auf eine Runde kann Charles Leclerc die Defizite des Ferrari überdecken, auf die Distanz nicht. Im Soft-Longrun war der WM-Fünfte nicht schneller als Kimi Räikkönen und Romain Grosjean in den Ferrari-Kundenautos. Leclerc sieht noch einen zweiten Nachteil: Nachdem er im Q2 von Medium-Reifen auf Soft umdisponieren musste, weil sonst das Weiterkommen gefährdet worden wäre, startet er nun auf dem Reifen, auf den er lieber verzichtet hätte. "Und der hat auch noch zwei Runden auf der Lauffläche."

Sebastian Vettel lag im Dauerlauf auf den harten Gummis an letzter Stelle. Der Mittelwert war um 1,6 Sekunden schlechter als der von Verstappen. Vettel drehte seine Runden allerdings auch früher und war damit vermutlich schwerer unterwegs als der Red Bull-Pilot. "Da ist noch Raum für Verbesserung", urteilte der Deutsche. Ferrari verliert in Imola auf den Streckenteilen, auf denen Power zählt. Nur Platz 13 und 14 im ersten Abschnitt. Beim Vergleich der Topspeeds fällt auf, dass Sebastian Vettel im ersten Training mit weniger Flügel fuhr als Charles Leclerc. Er muss von seiner Startposition aus mehr überholen.

3) Wer regiert im Mittelfeld?

Ganz klar Alpha Tauri. Red Bulls Schwesterteam lag auf seiner Hausstrecke mit der Basisabstimmung offenbar goldrichtig. "Der Filmtag im Frühjahr war offenbar doch ein Vorteil", fürchtet Carlos Sainz. Pierre Gasly bestätigt: "Die Autos waren von Anfang an gut ausbalanciert." Die Autos aus Faenza waren auf weniger Abtrieb getrimmt als die Konkurrenz im Mittelfeld. McLaren und Racing Point gaben Topspeed für Abtrieb auf, Renault wählte den Mittelweg.

Die Longruns zeigen, dass Alpha Tauri auf die Distanz nichts opfert. Die Rennsimulationen auf den Medium-Reifen lagen sogar im Mercedes-Bereich. Auf den beiden anderen Reifentypen lassen sich keine Erkenntnisse gewinnen. Die Runden waren immer wieder von Abkühlphasen für die Reifen unterbrochen. Racing Point, Renault und McLaren neutralisieren sich in den Longruns. Ferrari fällt stark ab.

4) Warum hinken die Racing Point hinterher?

Sergio Perez und Lance Stroll waren ratlos. Keiner der beiden schaffte es in die Top Ten, und das auf einer Motorenstrecke. Wie wichtig der Motor in Imola ist, zeigt der 13. Startplatz von Williams-Pilot George Russell. Der Engländer profitierte von der Mercedes-Power und verlor in seiner schnellsten Trainingsrunde nur knapp drei Zehntel auf Perez, war aber schneller als Stroll und Vettel. Auch Russells Longrun auf den harten Reifen kann sich sehen lassen. Ocon im Renault fuhr bei weniger Runden im Schnitt nur zwei Zehntel schneller.

Perez erklärt die enttäuschenden Startplätze damit, dass die beiden Racing Point mehr mit Blickrichtung Rennen abgestimmt wurden. "Das war ein Kompromiss für die Qualifikation." Der Soft-Longrun des Mexikaners war allerdings auch keine Offenbarung. Er war so schnell wie der von Carlos Sainz und langsamer als der von Esteban Ocon. Die freie Reifenwahl ab dem 11. Startplatz ist wahrscheinlich ein geringerer Vorteil als erhofft. Je mehr Gummi auf die Bahn kam, umso mehr nahm das Körnen der Soft-Reifen ab. "Es wird im Rennen kein Thema mehr sein", kündigte Pirelli-Sportchef Mario Isola an.

Überholen ist schwierig, und strategisch gibt es nicht viele Optionen für Racing Point. Nach Berechnungen von Pirelli kann man mit einem Satz Medium fünf bis sieben Runden länger fahren. Dann müsste man am Ende des ersten Stints mit alten Medium-Reifen immer noch schneller fahren als die Soft-Starter nach ihrem Boxenstopp mit einer frischen Medium-Garnitur.

5) Warum wurden so viele Runden gestrichen?

Die Fahrer absolvierten im einzigen freien Training 829 Runden. Das sind 4.069,5 Kilometer. Ein Rekord für eine freie Trainingssitzung. 60 Rundenzeiten wurden allerdings gestrichen. Grund war die Verletzung der Streckenlimits am Ausgang der Kurven 9 (Piratella) und 15 (Rivazza). Auch in der Qualifikation mussten Rundenzeiten annulliert werden. Es erwischte Valtteri Bottas und Kimi Räikkönen im Q1, Alexander Albon und Sebastian Vettel im Q2. Lando Norris erklärt, warum die Versuchung so groß ist. "Wenn du in den Kurven eine weitere Linie fährst, kannst du ordentlich Zeit gewinnen."

6) Können wir ein spannendes Rennen erwarten?

Lewis Hamilton fürchtet, dass es ein langweiliger Sonntag wird. Weil mit Ausnahme des internen Duells bei Mercedes das Kräfteverhältnis klar verteilt ist und weil Überholen trotz des 1.125 Meter langen Vollgasabschnitts und einer DRS-Zone von 750 Metern zwischen Rivazza und Tamburello schwierig sein wird. "Die Gerade ist lang, aber sehr schmal", warnt Hamilton. Daniel Ricciardo ergänzt: "Dadurch ist es schwieriger versetzt zu fahren, um saubere Luft abzubekommen. Ich fürchte, die Startrunde wird entscheidend."

Mercedes hat ausgerechnet, dass man für ein Überholmanöver zwei Sekunden schneller sein muss. "Von der ersten bis zur letzten Kurve wird es einen Konvoi geben, in dem du dem Auto vor dir nur ganz schwer folgen kannst", prophezeit Hamilton. Die Reifen sind eher unkritisch, so dass es da kaum große Unterschiede geben wird. Damit sind auch den Strategen die Hände gebunden. Hamilton fände es schade, wenn das Comeback von Imola eine Prozession würde. "Was für eine wundervolle Strecke. Warum wird so etwas heute nicht mehr gebaut?"

Eine SafetyCar-Phase dagegen könnte für Chaos sorgen. Weil das gleiche Problem droht, das in Mugello zu einer Massenkollision geführt hat. Der Weg aus der letzten Kurve bis zur Kontroll-Linie für den Re-Start ist kurz, der von dort bis in die erste Kurve mit 750 Metern extrem lang. Das sind sogar 120 Meter mehr als in Mugello. Der Spitzenreiter wird also seinen Re-Start so spät wie möglich anziehen und die 375 Meter von der zweiten Rivazza-Kurve bis zur Re-Start-Linie bummeln, um den Windschatten der Verfolger zu brechen. Mit dem Resultat von Staus im Feld.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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