Canoo scheint Kooperation mit Hyundai zu beenden: Hinweise auf radikalen Strategiewechsel

Canoo, vormals Evolzity, hat innerhalb von 19 Monaten einen
Elektro-Van entwickelt, der ausschließlich zum Teilen da ist.
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Canoo, vormals Evolzity, hat innerhalb von 19 Monaten einen Elektro-Van entwickelt, der ausschließlich zum Teilen da ist.

Canoo möchte hübsche Elektro-Vans und Transporter bauen – und selbst verkaufen. Von einer Kooperation mit Hyundai ist plötzlich nicht mehr die Rede.

Beim Elektro-Van-Start-up Canoo scheint es einen radikalen Strategiewechsel gegeben zu haben, wie das Tech-Portal "The Verge" meldet. Dies betrifft vor allen Dingen den im vergangenen Jahr vermeldeten Deal mit Hyundai – anscheinend möchte Canoo nicht mehr seine Technologien an andere Hersteller verkaufen.

Verstörende Telefonkonferenz

"The Verge" berichtet von einer verstörenden Telefonkonferenz zwischen Canoo und seinen Investoren. Die Telefonkonferenz war die erste, die Canoo als börsennotiertes Unternehmen durchführte. Der Canoo-Vorsitzende Tony Aquila war einer der Teilnehmer, während der CEO Ulrich Kranz nicht dabei gewesen sein soll. Kurz vorher hatte Canoo bereits bekanntgegeben, dass CFO Paul Balciunas zu einem anderem Unternehmen gewechselt ist. Dies ist der zweite große Abgang, nachdem vor ein paar Wochen der Leiter für die Unternehmens-Strategie Canoo verlassen hatte. Noch während der Telefonkonferenz merkte der Analyst des Finanzinvestors Roth Capital aus dem kalifornischen Newport Beach an, dass diese Überraschungen "nicht ideal" seien. Die Hintergründe sind unklar, könnten aber mit einem Strategiewechsel bei Canoo zusammenhängen.

Keine Rede mehr von der "Schlüsselpartnerschaft"

Im Februar 2020 hatte Canoo eine – nach eigenen Worten – "Schlüsselpartnerschaft" bekanntgegeben: Hyundai und Kia sollten die von Canoo entwickelte sogenannte Skateboard-Plattform nutzen können. Daraus scheint nun nichts zu werden. Aquila legt inzwischen anscheinend weniger Wert darauf, die Technologie von Canoo zu verkaufen. In einer stillschweigend auf seiner Website für Inverstoren-Beziehungen hochgeladenen neuen Präsentation taucht Hyundai nicht mehr als Partner auf. Analysten gehen davon aus, dass es zwischen Hyundai und Canoo Meinungsverschiedenheiten über die Nutzung von Canoos geistigem Eigentum gibt. Tony Aquila möchte erst die bisher drei Canoo-Modelle fertig entwickeln und dann schauen, was sich an Kooperationen ergeben könnte.

Anfangs ausgesprochen kooperationsfreudig

Hyundai stellt sich in Bezug auf seine künftigen Elektroauto-Aktivitäten möglichst breit auf. Im Mai letzten Jahres gaben die Koreaner eine 80 Millionen Euro teure Kooperation mit dem kroatischen Startup Rimac Automobili bekannt ( lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). Mitte Januar 2020 gab es dann die Ankündigung, 100 Millionen Euro in eine Zusammenarbeit mit dem britischen Unternehmen Arrival zu investieren ( weitere Informationen dazu gibt es hier). Im Februar 2020 dann die dritte Nachricht dieser Art: Hyundai tat sich mit dem kalifornischen Startup Canoo zusammen.

Canoo soll Skateboard-Plattformen entwickeln

Die Absicht hinter den Engagements war jeweils vergleichbar: Wie mit Arrival auch wollten die Koreaner zusammen mit Canoo Plattformen für künftige vollelektrische Fahrzeuge der Marken Hyundai und Kia entwickeln. Dabei sollte es sich um sogenannte Skateboard-Plattformen handeln. Skalierbare Elektro-Chassis also, die alle relevanten Antriebs-Komponenten bereits enthalten und mit Karosserien und Aufbauten verschiedenster Art kombiniert werden können.

Hyundai sollte von der Kooperation in Form standardisierter und damit einfacher sowie kostengünstiger Entwicklungsprozesse profitieren. Auch die Produktion sollte auf diese Art simpler gestaltet werden, wodurch die Koreaner schneller auf sich ändernde Marktanforderungen und Kundenwünsche reagieren wollten. Der Konzern wollte auf Basis der Canoo-Plattform vom kleinen, massentauglichen Elektroauto, das in den Fahrzeugklassen L6/L7 antreten soll, bis zu Sonderanfertigungen allerlei E-Autos aufbauen. Außerdem sollte das Skateboard die Voraussetzungen für autonome Fahrfunktionen bieten. Der geplante Kleinstwagen sollte als Micromobil rein für den urbanen Verkehr ausgelegt sein und gegen Wettbewerber wie den Citroën Ami One antreten. Auch ein Mietmodell war denkbar.

Canoo wurde von BMW-Managern gegründet

Wie viel Geld Hyundai die Kooperation bisher gekostet hat, ist nicht bekannt. Der Konzern unterstreiche damit aber sein Bekenntnis, in den nächsten fünf Jahren 87 Milliarden US-Dollar (knapp 80 Milliarden Euro) in Zukunfts-Technologien investieren zu wollen, hieß es im Februar 2020.

Canoo hatte im April 2019 angekündigt, 200 Millionen Dollar (etwa 183 Millionen Euro) an frischem Kapital auftreiben zu wollen. Damals hieß es, Verträge mit Zulieferern und Lieferanten stünden kurz vor der Finalisierung. Im Spätsommer stellte das Startup sein erstes Modell vor: Einen elektrisch angetriebenen Van, der jedoch nicht gekauft, sondern nur monatsweise gemietet werden kann und 2021 auf den Markt kommen soll ( mehr dazu in diesem Artikel). Hinter Canoo stehen der ehemaligen BMW-Manager Ulrich Kranz als CEO, sein Vorgänger Stefan Krause, ebenfalls ein Ex-BMW-Manager, hat das Unternehmen inzwischen verlassen. Auch Ex-Opel-Chef Karl-Thomas Neumann war zeitweise an Bord.

Quelle: 2021 Motor-Presse Stuttgart
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