Vorwürfe gegen den Elektro-Pickup-Hersteller: Firmen- und Finanzchef verlassen Lordstown

Charakteristisch sind die schmalen Leuchten an beiden Enden des
Pritschenwagens, die jeweils die farblich abgesetzten
Charakterlinien begrenzen, ...
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Charakteristisch sind die schmalen Leuchten an beiden Enden des Pritschenwagens, die jeweils die farblich abgesetzten Charakterlinien begrenzen, ...

© Lordstown Motors

Seit ein Shortseller Lordstown Motors mit schweren Vorwürfen überzog, kämpft das Elektroauto-Startup um seine Zukunft. Nachdem es zwischenzeitlich auch gute Nachrichten gab, überwiegen nun wieder die Hiobsbotschaften.

Die Turbulenzen bei Lordstown Motors nehmen zu. Nun sind mit Steve Burns der Firmengründer und Geschäftsführer sowie mit Julio Rodriguez der Finanzchef beim Elektroauto-Startup zurückgetreten. Die beiden Führungskräfte ziehen damit die Konsequenzen aus den massiven Schwierigkeiten, in die das Unternehmen seit einer Shortseller-Attacke vor einigen Monaten geraten ist. Als neue CEO fungiert interimsweise Angela Strand, die bisher dem Verwaltungsrat angehörte. Rodriguez wird vorübergehend von Becky Roof ersetzt.

Das Phänomen des Shortsellings (auch bekannt als Leerverkauf) ist sehr umstritten am Wertpapiermarkt. Der Shortseller spekuliert dabei auf fallende Aktienkurse eines Unternehmens, wobei diese Wette oft mit schweren Vorwürfen in Richtung der betreffenden Firma einhergeht. Immer wieder prangern die Leerverkäufer aber auch Unternehmen an, die ihre Investoren tatsächlich täuschen. Beim Wirecard-Skandal beispielsweise halfen sie mit, die Missstände rund um den Finanz-Dienstleister aufzudecken, während die Behörden und private Ermittler wenig gegen die Machenschaften unternahmen.

Erst Nikola, nun Lordstown

Einer der bekanntesten Shortseller ist Hindenburg Research. Vor einigen Monaten brachte der Investor den Elektroauto-Hersteller Nikola in einer schwere Existenzkrise, indem er ihm unlautere Methoden bis hin zum Betrug vorwarf. Mit dem Ergebnis, dass die Aktie abstürzte, der Chef zurücktrat, das US-Justizministerium Ermittlungen aufnahm und sich namhafte Autohersteller und -zulieferer aus der Kooperation mit Nikola zurückzogen. Danach nahm Hindenburg Research mit Lordstown Motors das nächste E-Auto-Startup ins Visier und überzog es mit ganz ähnlichen Vorwürfen.

Die zentrale Anschuldigung: Lordstown veröffentliche in Bezug auf sein Erstlingswerk Endurance, ein elektrisch angetriebener Pickup (mehr dazu auch in der Bildergalerie oben im Artikel), nicht nur unkorrekte Bestellzahlen, sondern fälsche sogar Aufträge. Viele der bislang etwa 100.000 Bestellungen seien "fiktiv" und stammten beispielsweise von Briefkastenfirmen, Beratungsagenturen oder Kleinbetrieben, die angeblich dafür bezahlt wurden, bei Lordstown Bestellungen zu platzieren. "Viele der angeblichen Kunden betreiben weder Flotten noch haben sie die Mittel, die angegebenen Käufe tatsächlich zu tätigen", heißt es in der Veröffentlichung von Hindenburg Research. Das Start-up wolle mit dieser Strategie auf unlautere Weise zusätzliche Investoren anlocken und Kapital beschaffen.

Wie kurz steht die Serienfertigung bevor?

Ein weiterer Vorwurf: Lordstown gebe zwar vor, kurz vor Start der Serienproduktion zu stehen – im September 2021 soll es soweit sein. Tatsächlich soll diese jedoch mindestens drei oder vier Jahre entfernt sein. Dies gehe aus Gesprächen mit ehemaligen hochrangigen Mitarbeitern hervor, die Hindenburg Research zu dem Thema befragt habe. Zudem sei keine Testreihe des Elektro-Pickups zufriedenstellend abgeschlossen worden. Im Gegenteil: Im Januar 2021 sei ein Endurance-Prototyp nach zehn Minuten Testfahrt in Flammen aufgegangen.

Lordstown Motors trat mit dem Ziel an, in einer ehemaligen General-Motors-Fabrik in der gleichnamigen Stadt seinen Elektro-Pickup zu bauen. Dafür gab es hohe Fördergelder und sogar öffentliche Unterstützung vonseiten des damaligen US-Präsidenten Donald Trump. Kein Wunder, schließlich versprach Firmengründer Steve Burns, dort künftig mit 4.000 bis 5.000 Mitarbeitern bis zu 600.000 Autos pro Jahr zu bauen. Shortseller Hindenburg Research glaubt nicht, dass es dazu kommt; Lordstown Motors habe "kein verkaufsfähiges Produkt". Ein schlechtes Zeichen sei zudem, dass viele Führungskräfte nach dem Börsengang im Oktober 2020 bereits Anteile im Wert von 28 Millionen Dollar (knapp 23,5 Millionen Euro) abgestoßen hätten.

Die US-Börsenaufsicht SEC ermittelt

Hindenburg Research sah bei seiner Attacke Firmengründer und -chef Steve Burns als zentrale Figur in einem Netz aus fragwürdigen und unethischen Geschäftspraktiken. Die Zeit bei seiner vorherigen Firma, dem Nutzfahrzeug-Hersteller Workhorse, wurde von ähnlichen Vorwürfen begleitet und endete im Frühjahr 2019. Kurze Zeit später gründete Burns Lordstown Motors mit dem Ziel, in einer ehemaligen General-Motors-Fabrik in der gleichnamigen Stadt seinen Elektro-Pickup zu bauen. Doch auch dieses Engagement endete nach kurzer Zeit vorzeitig.

Seit den Anschuldigungen von Hindenburg Research ist auch die US-Börsenaufsicht SEC alarmiert. Sie leitete eine Untersuchung ein, bei der Lordstown nach eigener Aussage kooperiere. Der Elektroauto-Hersteller habe zudem im Vorstand ein spezielles Komitee gebildet, das die Vorgänge aufklären soll. In einer Telefonkonferenz betonte Lordstown damals dennoch, dass das Unternehmen bei der Markteinführung des Endurance auf Kurs sei. Eine Testflotte mit ersten Beta-Prototypen ist unterwegs, und Lordstown hatte eine Rennversion des Endurance bei einer Baja-Rallye an den Start gebracht.

Zweites Modell geplant – kommt es wirklich?

Lordstown Motors stellte bei dieser Gelegenheit außerdem seine Pläne für die mittelfristige Zukunft vor. Der Hersteller plante damals eine Investition von 275 Millionen Dollar (gut 230 Millionen Euro) in das Werk, um die jährliche Produktionskapazität auf 60.000 Autos aufzustocken. Obendrein will das Unternehmen im Sommer ein zweites Modell vorstellen. Dabei soll es sich um einen elektrisch angetriebenen Lieferwagen handeln, dessen Fertigung in der zweiten Jahreshälfte 2022 starten soll.

Doch bisher hat Lordstown nicht einmal die Serienversion des Endurance auf der Straße. Und es ist fraglicher denn je, ob es je dazu kommen wird. Denn wie aus SEC-Unterlagen hervorgeht, hatte das – damalige – Management "substanzielle Zweifel", dass das Unternehmen in einem Jahr noch besteht. Um die Produktion des Endurance zu starten, seien weitere massive Investitionen nötig. Diese scheinen aktuell aber nicht in Aussicht zu sein.

Steuerschuld und Aktieneinbruch

Wie schlimm es offenbar um die Lordstown-Finanzen steht, verdeutlicht eine weitere Episode. Wie die US-Nachrichtenagentur AP berichtet, habe Lordstown Motors eine Anfang März fällige Steuerschuld nicht bezahlt. Dabei handelt es sich um 570.000 Dollar (umgerechnet etwa 492.000 Euro) an Grundsteuer. Ein Lordstown-Sprecher begründete dies mit einem "bedauerlichen Verwaltungsfehler" und kündigte an, dass das Unternehmen diese Summe und eine fällige Strafzahlung von zehn Prozent begleichen werde. Außerdem sollen einige Investoren, die sich von dem Unternehmen betrogen fühlen, vier Sammelklagen eingereicht haben.

All die Hiobsbotschaften sorgten für einen heftigen Sturz der Aktie: Vor den Veröffentlichungen von Hindenburg Research lag der Kurs AP zufolge bei 30,75 Dollar (umgerechnet 25,38 Euro) pro Aktie; aktuell (Stand 15. Juni 2021) ist das Papier nur noch 9,26 Dollar (7,64 Euro) wert.

Quelle: 2021 Motor-Presse Stuttgart
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