Mercedes zeigt innovatives „DAS“-System: So funktioniert der Lenkrad-Trick

Onboard-Aufnahmen von Lewis Hamilton am zweiten Testtag, haben
einen neue trickreiche Technik enthüllt, den Mercedes dieses Jahr
in das neue Auto eingebaut hat. Wir erklären, worum es geht ...
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Onboard-Aufnahmen von Lewis Hamilton am zweiten Testtag, haben einen neue trickreiche Technik enthüllt, den Mercedes dieses Jahr in das neue Auto eingebaut hat. Wir erklären, worum es geht ...

© Stefan Baldauf

Onboard-Aufnahmen von Lewis Hamilton haben einen genialen Technik-Trick entlarvt. Der Fahrer benutzt die Lenkung nicht nur zum Lenken. Er zieht und drückt am Lenkrad. Wir erklären, was mit der Übung bezweckt wird und ob der Trick legal ist.

Helle Aufregung im Fahrerlager. Mercedes hat einen Trick ausgepackt, der die Konkurrenz aufgeschreckt hat. Aufnahmen der Bordkamera haben den Titelverteidiger entlarvt. Sie zeigen, wie Lewis Hamilton das Lenkrad auf der Gerade zu sich heranzieht und kurz vor dem Bremspunkt wieder zurückschiebt. Gleichzeitig scheinen sich die Vorderräder leicht nach innen zu drehen.

Das lässt darauf schließen, dass sich bei diesem Vorgang die Vorspur ändert. Der Vorteil der Vorrichtung liegt auf der Hand. Auf langen Geraden kühlen die Vorderreifen schnell aus. So fehlt in den folgenden Kurven Grip. Wer die Vorspur beeinflussen kann, hat ein Werkzeug in der Hand, die Temperatur der Vorderreifen zu kontrollieren. Je weiter sie nach innen zeigen, desto mehr erwärmt sich der Reifen.

Die erste Frage lautet natürlich: Ist eine aktive Änderung der Spur überhaupt erlaubt? Racing Point-Technikchef Andy Green klärt auf: „So weit wir das an dem Video beobachten können, ist diese Vorrichtung Teil der Lenkung. Im Reglement steht nur, dass der Fahrer mit der Lenkung die Position der Vorderräder verändern darf. Wie und wohin ist da nicht genau spezifiziert.“

Weil der Fahrer das Lenkrad über eine relativ große Wegstrecke drückt oder zieht, gehen die Experten davon aus, dass die Vorspurverstellung mechanisch funktioniert. „Bei einer hydraulischen Ansteuerung wäre der Weg kürzer.“ Damit muss zusätzlich zur Lenkstange ein zweiter Hebel vom Lenkgetriebe zum Radträger verlaufen.

Kopieren dauert ein halbes Jahr

Als Hamilton am Donnerstagvormittag eine Renndistanz abspulte, wurden immer wieder Aufnahmen von seiner Bordkamera gezeigt. Dabei war zu erkennen, dass der Fahrer den Trick nicht immer anwendet. Offenbar hängt es von der Reifentemperatur ab, ob es Sinn macht die Vorspur zu ändern.

Der Schuss könnte auch nach hinten losgehen, wenn man es zu häufig macht. Dann würden die Vorderreifen zu schnell verschleißen. Man könnte aber zum Beispiel dem Fahrer über das Display mitteilen, wann es notwendig ist, die Vorderreifen aufzuheizen. Es fällt auf, dass nach dem Ziehen das Wort „MARKER“ als Meldung auf dem Lenkradbildschirm erscheint.

Mercedes-Technikchef James Allison wollte auf Nachfrage nicht viel zur Lösung des Rätsels beitragen. Nur so viel: „Es ist richtig, dass wir ein neues, innovatives System verwenden. Es bietet uns eine Extra-Dimension, was die Lenkung angeht. Das könnte im Laufe der Saison noch nützlich werden. Wie es genau funktioniert, will ich aber nicht verraten.“ Mercedes-intern wird das neue System übrigens „DAS“ genannt, was abgekürzt für „Dual Axis Steering“ bedeutet.

Was die Frage nach der Legalität angeht, so hat sich Mercedes laut Allison rechtzeitig abgesichert: „Für die FIA ist das System nicht neu. Wir diskutieren das Thema schon eine ganze Weile mit ihnen“. Lewis Hamilton bestätigte, dass der Trick am Donnerstag das erste Mal an Bord war: „Wir versuchen jetzt erst einmal zu verstehen, wie es sich auswirkt. Es ist aber schön zu sehen, dass mein Team immer wieder mit innovativen Ideen kommt. Ich hoffe, es funktioniert so wie geplant.“

Wird der Trick für 2021 verboten?

Klar ist, dass die Technik mit viel Abstimmungsarbeit verbunden ist. „Eine Vorspur-Veränderung muss je nach Rennstrecke und Reifentyp immer wieder angepasst werden“, erzählt uns ein Ingenieur. Die Konkurrenz ist jedenfalls geschockt. Wenn der Mercedes-Trick funktioniert, kann das zu einem Matchwinner werden. Noch dazu, wenn man wie Mercedes auch noch über ein ausgezeichnetes Auto verfügt.

Der Trick ist auch nicht so einfach zu kopieren. Selbst ein großes Team mit ausreichend Ressourcen würde ein halbes Jahr dazu brauchen, weil es einen Eingriff in die komplette Lenkung bedeutet. „Wenn es dumm läuft, musst du sogar dein Chassis ändern“, fürchtet Green.

Ob sich das für ein halbes Jahr lohnt, ist fraglich. Es kann gut sein, dass die FIA diesen Trick für 2021 verbietet. Das neue Reglement soll teure technische Auswüchse verhindern. Theoretisch ließe sich diese Technik nämlich ausbauen. Und zwar in der Form, dass die Vorspur je nach Kurventyp verstellt wird.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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