Nürburgring-Südschleife: Gefährlich wie die Nordschleife

Nürburgring-Südschleife: Gefährlich wie die Nordschleife
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Nürburgring-Südschleife: Gefährlich wie die Nordschleife

© ams

Beim Nürburgring denkt jeder an die Nordschleife. Doch die 20,8 Kilometer lange Eifelpiste hatte eine kleine Schwester. Die viel kürzere Südschleife war allerdings nur selten Schauplatz großer Rennen. Dabei zählte auch sie zu den schwierigsten Prüfungen ihrer Zeit.

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Sie trägt einen berühmten Namen und ist doch eine der unbekanntesten Rennstrecken der Welt. Im Schatten der Nürburgring-Nordschleife hatte das südliche Anhängsel der berühmten Eifelpiste immer einen schweren Stand. Gleich nach der Einweihung 1927 wurden Nord- und Südschleife noch gleichberechtigt in Kombination genutzt.

Nach 1931 bekam der 22,835 Kilometer lange, große Kurs die berühmten Rennen. Die 7,747 Kilometer kleine Schwester mit ihren 24 Kurven musste sich mit Motorrad-Veranstaltungen und der Formel 2 begnügen. Zwischen 1965 und 1971 ließ der Marathon de la Route noch einmal die alte Tradition der Gesamtschleife über eine Streckenlänge von 28,290 Kilometer aufleben.

Bergabpassage heute Landstraße

Die so ungleichen Strecken teilten sich den Start-Ziel-Bereich. Für die Südschleife verband die Nordkehre die beiden parallel verlaufenden Geraden. Im Zuge des Neubaus des Nürburgrings verschwand 1982 die sogenannte "Betonschleife" und damit auch die Einfahrt in den Südteil der Strecke. Von ihr sind heute nur noch Fragmente im Originalzustand vorhanden.

Die Bergabpassage von Bränkekopf bis Müllenbach ist 45 Jahre nach dem letzten Rennen eine gut ausgebaute Landstraße. Auf der L93 lässt sich noch gut die ehemalige Trasse erahnen. Sie verbirgt aber, wie bucklig und eng sich die Strecke damals in schnellen und unübersichtlichen Kurven den dunklen Wald in Richtung Müllenbach hinunterschlängelte. Das Gefälle war enorm. Zwischen Start und Ziel und dem tiefsten Punkt der Strecke waren 153 Meter Höhenunterschied zu überwinden.

Dort, wo sich der Wald etwas lichtet und vor Müllenbach in eine schnelle Rechtskurve mündet, ist parallel zur Landstraße rechts ein Stück alter Strecke zu erkennen. Die Kurve war damals etwas offener und führte deshalb näher an die Ortschaft heran.

16 Prozent Steigung

Nach einer 450 Meter langen Geraden ging es in eine 90-Grad-Rechtskurve über, die wegen vieler Unfälle 1965 modifiziert werden musste. Von dort ging es größtenteils mit Vollgas zurück Richtung Zielgerade, und zwar steil bergauf: Die größte Steigung betrug kurz vor der Kurve "Scharfer Kopf" 16 Prozent.

In diesem fast geradeaus führenden Teil hinter Müllenbach findet man die Südschleife noch im Original vor. Der brüchige Asphalt ist Fußgängern und Radfahrern vorbehalten. Die Bundesstraße B257 windet sich parallel dazu den Berg hoch. Man kann von ihr an zwei Stellen zu den Reliquien der alten Strecke abbiegen und dann bis zum Abschnitt "Scharfer Kopf" hochwandern.

Schranken verhindern die Einfahrt mit dem Auto. Hinter der Haarnadel verliert sich die Strecke in einer Parkplatzzufahrt und der Anbindung zur Bundesstraße. Nichts ist mehr zu sehen von der Gegengeraden, die damals aus dem Wald kommend fast 1,3 Kilometer lang war.

Südschleife bei Fahrer gefürchtet

Auch die Südschleife forderte viele Opfer und war bei den Fahrern gefürchtet. Man konnte sich in den schnellen Kurven, die teils nach außen hingen oder ihren Radius zuzogen, leicht verschätzen. Das Auffangnetz waren Hecken, Büsche und Bäume. Das Geschlängel von Bränkekopf über Aschenschlag bis Seifgen wurde im Fachjargon nicht ohne Grund "Hexenkurven" getauft. Jochen Rindt sagte über die Achterbahn in der Eifel einmal sarkastisch: "Schwer zu fahren, leicht zu sterben."

Der Österreicher hatte 1967, als im Programm des Eifelrennens der einzige EM-Lauf der Formel 2 auf der Südschleife stattfand, im Training einen schweren Unfall und wollte im ersten Frust sogar das Rennfahren aufgeben. Er fuhr natürlich trotzdem und gewann auch das Rennen, das auch deshalb berühmt wurde, weil es bei Schneegestöber stattfand. Ein Jahr später fuhr die Formel 2 ein letztes Mal über den südlichen Streckenteil, diesmal ohne EM-Status.

Brian Redman erinnert sich: "Bei dem Rennen war ich neben Jacky Ickx für Ferrari am Start. Ein Stein, der von Kurt Ahrens abgefeuert wurde, durchschlug meine Rennbrille. Ich fuhr an die Boxen, hatte aber keine Ersatzbrille. Mauro Forghieri gab mir eine Brille von Ickx, die aber getönte Sonnengläser hatte. Ich bin wie ein Verrückter vom letzten Platz auf Rang 4 gefahren und habe pro Runde zwei Sekunden auf die Spitzenreiter gutgemacht."

"Am Abend im Sporthotel saß ich mit meinem Kopf in den Händen fragte mich, was ich da getan hatte. Beim Essen kam Forghieri zu mir und sagte feierlich: 'Brian,ich habe mit Herrn Ferrari über dein Rennen gesprochen. Er bietet dir an, dass du den Rest der Saison für uns Formel 2 fahren kannst und beim Grand Prix im September in Monza das Formel-1-Auto.'"

Wie eine Rallye

Vic Elford, 1967 Sieger des 84 Stunden dauernden Marathon de la Route, zählte zu den Kennern des "kleinen" Nürburgrings. Er mochte den Kurs: "Die Südschleife hat mir gut gepasst. Sie war eng, sehr verschlungen, sehr wellig, und es gab keine Auslaufzonen. Fast wie bei einer Rallye. Ein Fehler, und du bist in der Hecke verschwunden. Die Nordschleife war im Vergleich dazu schon fast eine Autobahn."

Den absoluten Rundenrekord hält übrigens kein Formel-2-Fahrer, sondern Helmut Kelleners in einem Can-Am March 707. Der Sportwagen-Spezialist aus Moers umrundete 1970 im Rahmen des AvD-Rundenstreckenrennens die Südschleife in 2.38,6 Minuten, was einem Schnitt von 175,85 km/h entsprach. Sie war damit ähnlich schnell wie die Nordschleife.

Daten & Fakten zur Südschleife:

  • Lage: 50 km westlich von Koblenz
  • Länge: 7,747 km (1927–1974)
  • Breite: 8,0 m
  • Rechtskurven: 14
  • Linkskurven: 10
  • Schnellster Teil: Gegengerade
  • Langsamster Teil: Scharfer Kopf
  • Streckenrekord: 2.38,6 min = 175,85 km/h (Helmut Kelleners, 1970, March 707)

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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