Trainingsanalyse GP Portugal 2020: Ferrari macht Hoffnung

Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Portugal - Portimao -
23. Oktober 2020
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Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Portugal - Portimao - 23. Oktober 2020

© Wilhelm

Eine neue Strecke, ein rutschiger Asphalt und verkürzte Trainingszeit wegen zwei roter Flaggen stellen die Teams auf die Probe. Longruns waren kaum möglich. Wie sehen die Erkentnisse vom Freitag in Portimao aus? Die Analyse.

Wenn Lewis Hamilton in einem Training nur auf dem achten Platz landet, dann geht etwas nicht mit rechten Dingen zu. Die Erklärung ist einfach: Wenig Trainingszeit, viel Verkehr, ein extrem glatter Asphalt. Die einen trafen es gut mit ihrer schnellsten Runde, die anderen weniger.

Auch die Longruns lassen viele Fragen offen. Tatsächlich blieben den Teams nur 27 Minuten Zeit neben einer schnellen Runde auch eine kleine Rennsimulation zu fahren. Aus Zeitmangel musste das Programm zwischen den beiden Fahrern gesplittet werden. Oder man hat auf Dauerläufe ganz verzichtet.

Auf einer neuen Rennstrecke wie Portimao hätten sich die Teams mehr Trainingszeit gewünscht. Doch in der ersten halben Stunde der zweiten Sitzung wollte Pirelli unbedingt seine Reifenkonstruktionen für 2021 testen. Die Dauerläufe auf den Experimentalreifen haben keine Aussagekraft, weil sie über drei Sekunden langsamer waren als die schnellsten Runden auf den aktuellen Soft- und Medium-Reifen. Außerdem weiß außer Pirelli keiner, wer mit welcher Spezifikation unterwegs war.

Dann raubten zwei rote Flaggen nach einem Motorfeuer im Alpha Tauri von Pierre Gasly und einer Kollision zwischen Lance Stroll und Max Verstappen den Teams weitere 33 Minuten Trainingszeit. Das macht eine echte Longrun-Analyse unmöglich. Nur wenige Teams haben in der knappen Zeit einigermaßen brauchbare Rennsimulationen auf die Bahn gebracht.

Mercedes konzentrierte sich auf die Soft-Reifen, Red Bull auf den Medium-Gummi. Deshalb haben wir der Vollständigkeit halber auch die Dauerläufe auf den Testreifen hinzugefügt. Eines lässt sich trotz Datenknappheit jetzt schon sagen: Mercedes legt auch in Portimao die Messlatte. Red Bull sucht noch nach der richtigen Abstimmung, Ferrari und McLaren haben sich gesteigert, und bei Renault und Racing Point gibt es Verbesserungspotenzial.

Sechs Dinge, die Sie wissen müssen…

Ist Mercedes unschlagbar?

Valtteri Bottas hängte den Rest der Welt um 0,595 Sekunden ab. Auch wenn kaum einer einen reibungslosen Nachmittag hatte, ist das eine Hausnummer. Nur Max Verstappen kam in die Nähe der Silberpfeile, wenn man bei sechs Zehntel von Nähe sprechen darf. Lando Norris fehlen schon acht, Charles Leclerc neun Zehntel. Alexander Albons Zeit verrät, dass der Verstappen-Faktor diesmal bei über einer Sekunde lag. Je schwieriger die Bedingungen, desto wertvoller der fliegende Holländer.

Bottas dominierte in allen drei Sektoren. Könnte man die guten Gene eines McLaren, Red Bull und Ferrari in einen Topf werfen und die schlechten Eigenschaften vergessen, dann würden die besten Sekorzeiten der jeweils Zweitplatzierten Lando Norris, Max Verstappen und Charles Leclerc eine Zeit von 1.18,374 Minuten ergeben. Das wäre immer noch 0,434 Sekunden langsamer als Bottas.

Der Abstand von 1,3 Sekunden zwischen den beiden Mercedes-Piloten verlangt eine Erklärung. Lewis Hamilton erwischte einen schlechten Tag. Am Vormittag hatte der Weltmeister das Gefühl, dass sein Mercedes noch Verbesserungspotenzial hat. Doch die Setup-Änderungen zum zweiten Training gingen in die falsche Richtung. Dazu stand Hamilton bei seiner schnellsten Runde noch Daniil Kvyat im Weg.

Hamiltons Kommentar: "Wir müssen ein paar Schritte zurückgehen und herausfinden, was bei der Fahrzeugabstimmung schiefgelaufen ist, damit wir uns morgen verbessern können. Es ist schwierig, die Reifen auf der ersten Runde in das richtige Fenster zu bekommen, selbst mit den Soft-Reifen, die an sich ziemlich hart für eine weiche Mischung sind."

Chefingenieur Andrew Shovlin erklärt aus der Sicht des Ingenieurs: "Wir müssen herausfinden, was da nicht gepasst hat. Die Mittelfeld-Teams sind in den Longruns näher an uns dran. Das deutet darauf hin, dass wir uns noch nicht im richtigen Fenster befinden." Das klingt wie eine Drohung.

Wie gut ist Ferrari nach dem Upgrade?

Die Plätze vier und sechs lassen hoffen. Auf eine Runde könnten Charles Leclerc und Sebastian Vettel das Ziel erfüllen, das Entwicklungschef Enrico Cardile ausgegeben hat: "Wir wollen bei den letzten sechs Rennen in die zweite oder dritte Startreihe fahren." Aber lässt sich das auch auf das Rennen übertragen?

Wir erinnern uns: In Mugello und am Nürburgring qualifizierte sich Leclerc auf den Plätzen fünf und vier und schraubte die Erwartungen für den Sonntag hoch. Dann kam doch nur ein achter und siebter Rang dabei heraus. Ferrari hatte dort von der Fahrzeugabstimmung zu sehr auf eine schnelle Runde gesetzt und im Rennen im hohem Reifenverschleiß bezahlt.

Auf den regulären Reifen reichte es bei Ferrari zu keinem vernünftigen Longrun. Die Dauerläufe auf Pirellis Testreifen sind mit Vorsicht zu genießen, weil nur Pirelli weiß, wer welche Reifenspezifikation gefahren ist. Deshalb muss es nichts heißen, dass Leclerc nur vier Zehntel über den Longruns von Mercedes und Red Bull lag.

Ferrari hat mit Teil drei des Aero-Pakets aber definitiv einen Sprung gemacht. Die Ferrari-Piloten lieferten sich in allen drei Sektoren mit McLaren, Renault und Racing Point ein enges Rennen. Das war schon lange nicht mehr der Fall. Am Vormittag fuhr nur Leclerc den neuen Diffusor. Nachdem er neun Zehntel schneller war als Vettel mit der alten Version, fiel die Wahl nicht schwer. Im zweiten Training waren beide Ferrari gleich bestückt.

Sebastian Vettel warnt jedoch davor, dass die Freitagszeiten überbewertet werden: "Wir hatten mit den ganzen Unterbrechungen nicht viele Runden. Am Ende kam es darauf an, wie schnell du deinen Rhythmus gefunden hast und ob die Runde gesessen hat. Das ist heute nicht jedem gelungen. Deshalb werden wir erst am Samstag mit mehr Runden das wahre Bild sehen."

Der Ex-Champion räumt ein, dass er sich endlich wieder einmal wohl gefühlt hat in seinem Ferrari, auch wenn der Rückstand zu Leclerc immer noch 0,337 Sekunden betrug. Vettel lässt sich deshalb nicht verrückt machen: "Ich schaue hier nur auf mich und versuche einen besseren Job zu machen als zuletzt."

Wer regiert im Mittelfeld?

Auf eine schnelle Runde liegt McLaren vor Renault und Racing Point. Mit Ferrari kommt ein neuer Gegner dazu. Dafür scheint Alpha Tauri vorerst abgehängt. Den stärksten Eindruck aus dem Quartett hinterließ McLaren. Da fehlte nicht viel zu Red Bull. Das weiter entwickelte Upgrade scheint diesmal besser zu funktionieren als in Sotschi und am Nürburgring. Trotzdem waren die Piloten noch nicht zufrieden. Ihr Eindruck könnte allerdings auch von der rutschigen Strecke überdeckt worden sein. "Die Platzierungen sínd gut, aber ich sehe noch viel Raum für Verbesserung", berichtete Lando Norris.

Während Renault lange nach Lösungen suchte, um die Reifen in ihr Arbeitsfenster zu bekommen und Racing Point noch nicht auf Speed kam, war Ferrari auf Anhieb bei der Musik. Die Topspeeds verraten, dass McLaren, Ferrari und Renault auf viel Abtrieb gesetzt haben, während die Racing Point die schnellsten Autos auf den Geraden waren. "Für Samstag kommt es darauf an, den richtigen Kompromiss zu finden", gibt Sergio Perez zu bedenken.

Renault musste noch bis zum Abend zittern. An Daniel Ricciardos Auto passte der linke Vorderreifen bei den beiden Test-Sätzen von Pirelli nicht zum Rest der Garnitur. Er wurde schlicht vertauscht. Renault kassierte eine Verwarnung. Wir haben die Sportkommissare schon kleinlicher erlebt. Am Ende entschied man, dass es keinen Vorteil gab, weil es sich um die Pirelli-Prototypen handelte. Zum Vergleich die Sektorzeiten der besten sechs Autos:

Hat die Kollision Stroll gegen Verstappen ein Nachspiel?

Beide Fahrer mussten bei den Sportkommissaren vorsprechen. Nach Einsicht aller Videoaufnahmen, der Telemetriedaten, Funksprüche und Aussagen der beiden Fahrer kamen die Schiedsrichter zu dem Schluss, dass Stroll und Verstappen gleich viel Schuld auf sich geladen hatten. Damit auch keine Strafe.

Es war das klassische Missverständnis, das zu der Kollision in Kurve 1 führte. Max Verstappen wollte wie bei den beiden Versuchen davor zwei Aufwärmrunden abspulen, bevor er Gas gab. Er war in seiner zweiten langsamen Runde, als Lance Stroll vor Kurve 14 auf den Red Bull auflief. Verstappen machte brav Platz, in der Meinung, Stroll würde das Gleiche tun, wenn er seine schnelle Runde beendet hatte.

Der Racing Point-Pilot sollte aber auf Befehl des Teams eine weitere schnelle Runde fahren, so wie er es kurz vor der ersten roten Flagge praktiziert hatte. Stroll wiederum dachte, Verstappen würde sich zurückfallen lassen, um ungestört auf Zeitenjagd zu gehen. Der Kanadier rechnete gar nicht mehr damit, dass ihn der Red Bull-Pilot auf der Zielgerade attackieren würde. Und Verstappen erwartete keine Gegenwehr. Deshalb auch die erste zornige Reaktion am Funk: "Ist der Kerl blind?"

Muss Pierre Gasly von hinten starten?

Das ist absolut lächerlich. Pierre Gaslys Alpha Tauri fing exakt bei Halbzeit der zweiten Trainingssitzung Feuer. Der Fahrer stellte sein Auto an der Strecke ab, was für eine 16-minütige Unterbrechung sorgte. Drei Stunden später war im Team immer noch keiner in der Lage zu sagen, was kaputtgegangen ist und ob Antriebselemente davon betroffen sind. Honda hat es anhand der Daten wahrscheinlich schon nach wenigen Minuten gewusst.

Gasly muss beten, dass sein Motor nichts abgekriegt hat. Sonst startet der Franzose von hinten. Er hat bei Motor, Turbolader, MGU-H, MGU-K, Batterie und Steuereinheit bereits das Limit erreicht. Es wäre die erste Motorstrafe in dieser Saison.

Was sagen die Fahrer zu der Rennstrecke?

Sebastian Vettel war begeistert: "Die Strecke macht richtig viel Spaß. Es ist mal was anderes mit dem vielen Auf und Ab. Nicht so einfach zu lernen, wo es langgeht und die richtige Linie zu finden." Auch Lewis Hamilton freute sich über die vielen Höhenunterschiede: "Es gibt so viele Stellen auf dieser Strecke, wo du nicht siehst, wo es hingeht. Die Strecke ist eine echte Herausforderung."

Auch in Bezug auf den Grip. Der neue Asphalt machte Portimao am ersten Tag zu einer echten Rutschbahn. Starker Wind erschwerte die Aufgabe. "Es ist so einfach, das Auto zu verlieren. Mich erinnert der Asphalt an Sotschi und Austin im ersten Jahr", erzählte Valtteri Bottas. Der Tagesschnellste rechnet am Samstag mit besseren Bedingungen: "Runde für Runde kam mehr Grip auf die Bahn. Ich erwarte am Samstag deutlich schnellere Rundenzeiten"

Alexander Albon resümierte: "Tolle Strecke, aber leider eine Eisbahn." Kimi Räikkönen bestätigte: "Wenn der Grip kommt, ist es ein echt cooles Layout." Romain Grosjean gab zu: "Ich habe mich nicht im Simulator vorbereitet und muss gestehen, dass ich mich mit dem Lernen der Strecke schwer getan habe. Das zeigt, wie schwierig sie ist." Für Max Verstappen lag das Geheimnis einer schnellen Runde darin, genau die eine Ideallinie zu treffen, die der Kurs bietet: "Wenn du nur einen Meter von der Linie abkommst, verlierst du den ganzen Grip."

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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