Der Stunt, den ein Ingenieurteam gebaut hat

Von einem fahrenden Truck auf den nächsten. Im Rückwärtssalto über eine neun Meter hohe Höhenkontrolle. Luc Ackermanns neuester Stunt sieht aus wie Wahnsinn, ist aber ein Meisterwerk der Physik. Dahinter steckt ein Team aus Ingenieuren, Wissenschaftlern – und eine exakte Flugbahn.
Zwei Lastwagen bewegen sich mit exakt 20 Stundenkilometern über ein abgesperrtes Stück Autobahn. Zwischen ihnen 23 Meter Abstand. Auf dem ersten Truck rollt Luc Ackermann mit seinem FMX-Bike über eine Rampe. Sekunden später katapultiert er sich rückwärts in die Luft, vollführt einen sogenannten Tsunami Backflip – ein Rückwärtssalto mit ausgestrecktem Körper – und landet präzise auf dem zweiten Laster. Dazwischen: Eine 9,2 Meter hohe Höhenkontrolle, wie sie sonst Autobahnausfahrten überspannt. Was aussieht wie ein waghalsiger Stunt ist eine minutiös durchgeplante Flugsequenz, bei der kein Zufall zugelassen ist.
Physik im Dienste der Präzision
Ackermanns Absprungwinkel betrug genau 41 Grad. Die kombinierte Geschwindigkeit aus der Bewegung des Lkw und dem Vortrieb des Bikes: rund 74 Kilometer pro Stunde. Insgesamt dauerte der Sprung etwas länger als zwei Sekunden. In dieser Zeit legte Ackermann rund 40 Meter durch die Luft zurück.
Der zentrale Punkt: Die Flugbahn musste exakt über die Höhenkontrolle führen, mit nur rund eineinhalb Metern Puffer. Gleichzeitig durften die beiden Trucks ihre Position nicht verändern. Bereits Abweichungen von 30 Zentimetern hätten den Sprung unmöglich gemacht.
Simulation statt Risiko
Berechnet wurde der Stunt von einem Team rund um den Sportwissenschaftler Thomas Stöggl. Digitale 3D-Modelle, Bewegungssimulationen und Virtual-Reality-Tests ermöglichten es, den Sprung bis ins letzte Detail vorab zu analysieren. Die Landerampe war exakt auf die Flugkurve abgestimmt, jede Bewegung des Bikes wurde im Vorfeld modelliert.
Ackermann selbst beschreibt den Moment des Absprungs als das Ergebnis von hundert Prozent Vertrauen in das Setup, das Team und die Berechnung.
Was den Tsunami Backflip so besonders macht
Der Tsunami Backflip gilt als einer der komplexesten Tricks im Freestyle-Motocross. Der Fahrer verlässt den Sattel, streckt sich horizontal vom Bike weg, während er rückwärts rotiert. In Kombination mit dem bewegten Absprung und Ziel war dieser Trick ein Novum. Noch nie zuvor wurde ein Rückwärtssalto dieser Art von einem fahrenden Lkw auf einen anderen durchgeführt – schon gar nicht über ein derart hohes Hindernis.
Millimeterarbeit in Bewegung
Ein Stunt dieser Größenordnung erfordert mehr als Fahrkönnen. Entscheidend sind Teamarbeit, technisches Verständnis und das Beherrschen von Kräften im Raum. Dass Ackermann bei der Landung nur wenige Zentimeter Spielraum hatte, macht deutlich, wie exakt dieser Sprung vorbereitet war. Statt Risiko war hier Physik der eigentliche Held.