Dodge Challenger SRT 392 im Dauertest: 45.000 Kilometer pure Musclecar-Emotionen

Dodge Challenger SRT 392 im Dauertest: 45.000 Kilometer pure
Musclecar-Emotionen
Bild 1 von 18

Dodge Challenger SRT 392 im Dauertest: 45.000 Kilometer pure Musclecar-Emotionen

© sport auto Redaktion

Der Dodge Challenger SRT 392 ist das erste US-Fahrzeug im Dauertest von sport auto. Im Langzeittest über 45.000 Kilometer haben wir die Stärken und Schwächen des emotionalen Hubraumhelden mit 6,4-Liter-V8-Sauger analysiert.

Knopfdruck. Zweimal hupen. Zweimal aufblinken. Zwei Sekunden später erwacht der Achtzylinder-Sauger und macht mit seinem tiefbassigen Geboller jede 40-Meter-Jacht neidisch. Egal ob aus dem Restaurant oder aus dem heimischen Küchenfenster – selten hat ein menschenleeres Automobil für so verdutzte Blicke gesorgt wie beim Motorstart per vermeintlicher Geisterhand. Der in der Dodge-Sprache "Remote Start" genannte Motorstart über die Fernbedienung ist dabei nur ein Detail, warum wir uns Hals über Kopf in dieses Auto verliebt haben. Doch hält die Liebe für den Dodge Challenger SRT 392 auch über die Dauer­testdistanz von 45.000 Kilometern?

Premiere im Langzeittest

21. November 2018, 13 Uhr – das Muscle-­Car rollt aus dem Showroom von GeigerCars in München und wird Teammitglied der sport auto-Truppe. Damit ist der Challenger das erste US-Auto überhaupt, das den sport auto-Dauertest durchläuft. Und nicht nur deswegen ist der US-Hubraumheld ein ganz besonderer Langzeit-Testwagen.

Normalerweise beziehen wir unsere Dauertestfahrzeuge direkt von den jeweiligen Herstellern. Doch die Europa-­Stützpunkte sämtlicher US-Autobauer wollten keinen Testwagen für einen Langzeittest rausrücken, da ihre europäischen Testfuhrparks äußerst überschaubar sind. Rund 900 Ami-Kisten bringt GeigerCars pro Jahr an den Mann und die Frau. Da wird doch auch ein großvolumiger V8 für sport auto drin sein? Kein Problem. Danke, Karl Geiger, für die unkomplizierte Zusage!

Laufleistung bei Abholung? Nur 66 Kilometer! Nicht nur die Tatsache, dass wir den Challenger-Dauertest­wagen über einen der größten Importeure für US-Fahrzeuge in Deutschland beziehen, sondern auch sein niedriger Kilometerstand verrät, dass es sich hier nicht um ein speziell vom Hersteller vorbereitetes Dauertestfahrzeug handelt. Mit seiner niedrigen Laufleistung bei Dauertestbeginn geht dieser Proband definitiv als jungfräuliches Neufahrzeug durch.

Warum das etwas Besonderes ist? Die meisten Hersteller übergeben uns Testfahrzeuge, die bei Dauertestbeginn eine Laufleistung von rund 2.500 Kilometern aufweisen. Viele achten vorab darauf, dass die Dauertestfahrzeuge gut eingefahren sind, bevor sie von heißblütigen Redaktionsgasfüßen getreten werden. Für den Challenger in der Lackierung mit dem martialischen Namen Destroyer Grey gibt es kein spezielles Vorbereitungs-Tamtam. "Bei 2.000 Kilometern kommt ihr bitte zum ersten Ölwechsel vorbei", erbittet GeigerCars-Chef Geiger nur vorab.

Göttlicher V8-Sound

Bevor wir hier nun mit Pro und Contra um uns werfen, stellen wir den Challenger noch einmal kurz vor. Obwohl: Eigentlich reicht es, wenn wir sein Epizentrum vorstellen. Neben der an die erste Challenger-Generation aus dem Jahr 1970 erinnernde Optik ist der Kaufgrund für einen Challenger SRT 392 vor allem sein Triebwerk. Genauer: der Hemi-V8 mit 6,4 Litern Hubraum. Hinter der Zahl 392, die der Ami stolz auf seinen Flanken trägt, verbirgt sich die amerikanische Hubraum­angabe in cui (Cubic Inch).

Erster Eintrag im Fahrtenbuch? "Scheiß auf E-Mobilität! Klasse Motor! Der V8 macht einfach Spaß!", schrieb unser langjähriger sport auto-Grafiker, der nun im Ruhestand weilt. Geradlinige Aussage trifft auf geradliniges Automobil. Egal ob Jung oder Alt hinter dem Lenkrad kurbelte – ausnahmslos jeder huldigte den 492 PS starken Achtzylinder-Saugmotor. "Göttlicher V8-Sound", "geiler V8-Bass", "glorreiches Triebwerk" – die Liebesbekundungen für das in der heutigen Zeit anachronistisch, ja fast nostalgisch anmutende Blubbern über Bollern bis Hämmern des 6,4-Liter-Aggregats ziehen sich wie ein roter Faden durch das Fahrtenbuch.

Egal ob Klang, Leistung oder Durchzug – so wenig bezahlt man nirgendwo sonst für so viel Motor. In den USA wurde der Challenger SRT 392 für den Schnäppchenpreis von 38.995 US-Dollar veräußert – bei GeigerCars hätte man im Jahr des Dauertestbeginns 56.900 Euro berappen müssen. Dafür muss man sich dann auch nicht mehr um die Importmodalitäten und den Umbau für die deutsche Zulassung (Modifikation der Rückleuchten auf gelbe Blinker, Seitenbeleuchtung entfernen, Einbau Scheinwerfer-Reinigungsanlage vorne) kümmern. Und auch 56.900 Euro sind im Vergleich zur europäischen Hubraumkonkurrenz noch ein Sahne-Angebot.

Biturbo, Hybrid oder vollelektrisch – der Challenger wehrt sich mit aller Macht gegen die modernen Konzepte und räumte in unserem Dauertest auch gleich mit Vorurteilen auf. Gewiss, es gibt sparsamere Automobile auf unserem Planeten, aber der Dodge ist nicht dieser Suffkopf, für den ihn viele halten. Gleich mehrfach bewegten unterschiedliche Kollegen den US-Kumpel mit dem im Dauertest ermittelten Minimalverbrauch von 10,1 Litern Kraftstoff pro 100 Kilometer. Voraussetzung für den geringen Durst: Streicheleinheiten für das Gaspedal. Dann wechselt der Achtzylinder mit nun zurückhaltender Stimme in den Vierzylinder-Modus.

Kurz vor Ende des Dauertests wurde der Zündschlüssel einem jungdynamischen Redakteur überreicht, der in redaktionsinternen Kreisen den Spitznamen Hellboy trägt. Schlabbriger Kapuzenpulli, Grinsen von Ohr zu Ohr, glänzende Augen – da war einer mal so richtig heiß auf den Challenger. Und wir hatten auch gleich die passende Aufgabe für ihn parat: Maximalverbrauch fahren!

Der "Höllenjunge" lieferte zuverlässig. 24,3 Liter Durchschnitt auf 100 – ermittelt auf 209 Kilometern, die mit herrlichem Enthusiasmus zumeist über die Kurvenpisten der Schwäbischen Alb führten. "Och, dat is ja gar nich so viel. Da geht noch viel mehr", antwortete der Fahrer anschließend in seinem herrlichen Eifel-Singsang, der gefühlt immer nach einer Einladung zum Bierchen klingt.

Insgesamt ist der Challenger eigentlich kein Typ, der einen ständig dazu herausfordert, eine flotte Sohle aufs Parkett zu legen. Das Muscle-Car aus der Neuzeit macht nicht süchtig nach schnellem Fahren, sondern süchtig nach gemütlichem Cruisen. Im Vergleich zur deutschen Konkurrenz um BMW M4 und Mercedes-AMG C 63 erinnert seine Fahrpräzision an das von "Bosse" besungene "leicht verschwommene Polaroid im Regen".

Kein Wunder! Aktuelles Modelljahr und Facelift hin oder her – der SRT 392 gehört zur dritten Challenger-Generation, die 2008 eingeführt wurde. Damit basiert auch er noch auf der LC-Plattform, die ihren Ursprung in der Daimler-Chrysler-LX-Plattform hat, die ja wiederum auf Bauteile der Mercedes-Baureihe W 211 zurückgreift. W 211? Richtig, die von 2002 bis 2009 gebaute E-Klasse.

Typ? Eine automobile Couch

Einen Challenger SRT 392 kauft man sich nicht, um Rundenzeiten zu jagen. Am wohlsten fühlt er sich, wenn man seine Achtgangautomatik im Eco-Modus gemütlich die Gänge wechseln lässt. Während der V8 niedertourig im achten Gang genüsslich vor sich hinbollert, vergisst man schnell den Stress deutscher Autobahnen. Der Challenger ist eher eine "automobile Couch", mit der man tiefenentspannt auf der rechten Spur reist.

Vor dem Auge blendet sich die hektische A 7 aus, und man wähnt sich gedanklich in den verlassenen Weiten der US-Prärie. Okay, das war jetzt maßlos übertrieben, aber der Durchschnittsverbrauch von 13,4 Litern auf 100 Kilometer zeigt, dass die Mehrheit von uns den Ami entspannt erlebt hat und zurückhaltend unterwegs war.

Okay, nicht nur Hellboy, auch der Autor dieser Geschichte hat den Dodge einmal so richtig aus seinem Entspannungsmodus aufgeweckt. Autobahn A 8 von München nach Stuttgart, drei leer gefegte Spuren, und ein motivierter BMW M4 CS zieht vorbei. Klar, dass der Fast-Zweitonner aus den USA im Durchzug, trotz seiner etwas höheren Nennleistung, nichts gegen das 460 PS starke M4-Sondermodell mit 1.575 Kilo ausrichten kann. Doch irgendwann galoppiert der Muskel-BMW bei 280 km/h in seinen elektronischen Begrenzer. Und dann schlägt die Stunde des tollkühnen Challenger-Reiters, der sich mit einer Höchstgeschwindigkeit von 290 km/h gefühlt in Zeitlupe Zentimeter für Zentimeter bei Highspeed am M4 CS vorbeizoomt.

Fragt nicht, wie sich der Dodge bei diesem Höllentempo anfühlt. Im sogenannten Street-Modus, der komfortabelsten Einstellung seiner Adaptivdämpfer, federt die Hinterachse auf lang gezogenen Bodenwellen wie Wackelpudding und wippt deutlich nach. Beordert man den Ami in den Track Mode, wird er bockig und springt fast angesichts der dann überspitzt knackigen Dämpferhärte. Auch das Handmoment der Lenkung fällt im Track-Modus übertrieben straff aus. Die Fahrpräzision erhöht sich in dieser Einstellung aber nicht wirklich.

Derweil schunkelt man in schnellen Autobahnkurven auf den sofaähnlichen Ledersitzen hin und her. Der Drang nach einer Wiederholung des Vmax-Ausflugs hält sich in Grenzen. Das Kombi-Instrument übertrieb natürlich noch etwas und speicherte den heldenhaften Autobahnauftritt des Challenger stolz ab. Höchste jemals gefahrene Geschwindigkeit während unserer 45.000 Kilometer: 302 km/h! Ergreifend war die Reaktion des M4-CS-Fahrers, der sich lichthupend und winkend verabschiedete, obwohl ihn gerade gefühlt ein Traktor in die Schranken gewiesen hatte.

Hoher Sympathiefaktor

Insgesamt hat der Dodge Challenger SRT 392 einen hohen Sympathiefaktor. Daher verzeiht man dem Ami auch vieles. Die träge Lichtautomatik reagierte beim Einfahren in einen Tunnel beispielsweise so spät, dass die Scheinwerfer vom Gefühl her erst aktiviert wurden, wenn man kurz davor war, den Tunnel schon wieder zu verlassen. Das Navi zeigte sich manchmal etwas verwirrt und präsentierte zum Teil Schreibweisen, die einen schmunzeln ließen. Aus der Region des Handschuhfachs klackerte außerdem beim Betätigen des Bremspedals immer sehr hörbar ein Relais.

Außerdem präsentierte sich der Challenger zunächst mit einem außergewöhnlichen Geschwindigkeitsbegrenzer. Ab Tempo 200 fingen Windgeräusche an der rechten Türdichtung so hochfrequent an zu pfeifen, dass man lieber sofort die Geschwindigkeit reduzierte. Kein Problem für die Werkstatt-Mannschaft von GeigerCars, bei der wir auch alle Wartungen des Dodge haben durchführen lassen. Durch das Einstellen der Beifahrertür konnten das tinnitusähnliche Pfeifen und die Windgeräusche reduziert werden.

Stichwort Tür. Schon bei leichten Minusgraden sind die Fenster schnell an den Türdichtungen festgefroren. Außerdem funktionierte dann manchmal die elektronische Fensterabsenkung beim Öffnen der rahmenlosen Türen nicht mehr. Beim Türöffnen sprang die Scheibe also aus der oberen Führung.

Wollte man die Tür wieder schließen, passte das Fenster nicht mehr, da es sich ja nicht wie sonst um rund einen halben Zentimeter abgesenkt hatte. Alles halb so wild – mit ein bisschen Feingefühl ließ sich auch das Fenster wieder unter die Dichtung drücken. Sobald die Heizung den Frost abgetaut hatte, funktionierte auch der Fenstermechanismus wieder problemlos.

Abenteuer auf Schnee

Insgesamt darf bezweifelt werden, dass der Challenger SRT 392 in seiner Entwicklungsphase jemals Schnee gesehen hat. An- und Abreise bei dichtem Schneetreiben ins schweizerische Arosa auf 1.775 Metern Höhe waren mit dem urtümlichen Hecktriebler abenteuerlich. Und das, obwohl GeigerCars uns bei Winterbeginn statt der serienmäßigen Allwetterreifen noch Pirelli-Sottozero-Winterschluffen auf die 20-Zöller gezogen hatte.

Mit 275er-Bereifung rundum fühlt sich der Dodge im Winter verloren und großartig zugleich an – es kommt einfach auf die Sichtweise an. Schon bei Nässe wartet bei zu übermotivierter Behandlung des Gaspedals der ein oder andere Quersteher. Mit sehr spät regelndem ESP fährt sich der Challenger wie ein Hecktriebler alter Schule.

Spätestens bei Schnee ist Traktion ein Fremdwort für den Ami. Auf festgefahrener Schneedecke verliert die Hinterachse selbst bei Geradeausfahrt mit 30 km/h so viel Grip, dass man sich auf einen tanzenden Seitwärtsschritt des Challenger-Hinterns einstellen sollte. Keine hektische Fahrzeugreaktion, sondern dem Charakter des Dodge entsprechend eine eher gutmütige Bewegung. Redaktionsintern gab es im Winter zwei Lager: Die einen nannten es Zitterpartie, die anderen feierten den Challenger für sein unkonventionelles Fahrverhalten im Winter.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
Top-Themen
Bei 'ServusTV' spricht Sebastian Vettel ungewohnt offen über den Rausschmiss bei Ferrari, eine mögliche Rückkehr zu ...mehr
Weil Porsche keinen eigenen Vertrieb hatte, kamen die Kunden ins Werk. Das ist heute noch möglich und immer ein ...mehr
Der Rentner-Benz mit Porsche-Fahrleistungen oder der Kombi mit V8: Schlicht verpackte Leistung reizt den Fan und nicht ...mehr
Anzeige