Opel Manta B GSi im Test: Ehre, wem Ehre gebührt

Die Zeiten, in denen der Opel Manta als Witzableiter herhalten
musste, sind ja lange schon vorbei. Heute, mit Abstand, können wir
zugeben, dass er eigentlich immer schon eine ziemlich rockige Kiste
war.
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Die Zeiten, in denen der Opel Manta als Witzableiter herhalten musste, sind ja lange schon vorbei. Heute, mit Abstand, können wir zugeben, dass er eigentlich immer schon eine ziemlich rockige Kiste war.

© Hans-Dieter Seufert

Die Zeiten, in denen der Opel Manta als Witzableiter herhalten musste, sind ja lange schon vorbei. Heute, mit Abstand, können wir zugeben, dass er eigentlich immer schon eine ziemlich rockige Kiste war. Und jetzt? Na, jetzt randaliert der Manta B GSi noch mal als Alter im Test und als unser neuer Liebling des Frühjahrs durchs Heft.

Leichtsinn ist schließlich ein Geschenk des Himmels. Doch es dauert lange, bis du die ernste Bedenkenträgerei der Jugend hinter dir gelassen, ein reiferes Alter und die angemessene Sorglosigkeit erreicht hast, um all die verpassten Torheiten nachzuholen. Aber genug jetzt, sonst verhedderst du dich um fünf vor sechs und 45 km vor Hockenheim auf der A 6 nur wieder in die Erkenntnis, die immer so nervig um die Hirnwindungen biegt, wenn du dich für etwas Neues begeisterst: Das hättest du viel früher schon machen sollen.

Wobei – zumindest heute hätte es viel früher nicht geklappt. Um halb fünf blitzen die Neonröhren in der Tiefgarage auf, werfen mit grellem Licht die scharfen Schatten der Pfeiler an die Wände. Der Manta steht in der Ecke, reckt seine Front startbereit ein Stück aus seiner Bucht. Von da geht es los mit einer uneitlen Selbstverständlichkeit, die sich gleich beim Einsteigen nach Vertrautheit anfühlt: Kupplung treten, Zündschlüssel rein, der Motor startet auf den ersten Dreh, fällt in einen Leerlauf, dessen Kernigkeit das ganze weitere Drehzahlband überspannen wird. Licht, erster Gang, Gas. Kupplung greift. Beim ersten Zucken der Kardanwelle reckt der Opel wegen der Geometrie der starren Hinterachse das Heck, drückt sich aus der Lücke. Zweiter Gang, hoch zum Rolltor, noch bevor das Rotlicht erlischt, drunter durch. Hinaus in die Nacht, die Stadt, über Land und die Autobahn einem nahe gelegenen Ziel und weit zurückliegenden Träumen entgegen.

Denn der Manta will immer genau das sein: ein erreichbarer Traum. Da wir ein Weilchen gemeinsam unterwegs sein werden durch die Nacht, können wir mal die Lebensgeschichte erzählen. Also nicht unsere, mit der wären wir schon am Pragsattel durch. Sondern die des Manta: 1970 startet seine erste Generation, durchaus als Reaktion auf den Erfolg des Ford Capri. Die zwei sind die Hallodris unter den Sportcoupés, verbergen ihre solide Bodenständigkeit unter stilistischen Draufgängereien, die – wie die Fahrleistungen – der Selbstironie nie entbehren. Im August 1975 kommt der Manta B, wieder auf der gleichen Basis wie der Ascona. Doch in den 13 Jahren, die das Coupé im Programm bleibt, wird die heitere Verwegenheit seines Auftritts zunehmend als verlachenswerte Halbstärke missverstanden. Der Manta reagiert darauf mit dem, was Spötter am meisten verdrießt: Er bleibt sich treu, wird sich sogar noch treuer. Auftritt des Testwagens, ein GSi Exclusiv.

1985 legt Opel die Serie mit 110 PS starkem Zweiliter-Einspritzer auf, die Irmscher veredelt: außen mit Doppelscheinwerfern des Manta 400, Sportaußenspiegeln und Rundumbespoilerung. Drinnen mit Sportlenkrad und Recaros mit klemmigem Halt und Lordosenstütze (wie betrüblich, dass es dieses Jahr kein Tanzvergnügen in den Mai mit den Kollegen geben darf. Bei dem könnte man dem Chef die Legende unterjubeln, die Erfindung der Lord-Osen-Stütze gehe zurück auf Lord Edward Osen, ein Mündel des vierten Earl von Marlborough).

Ui, fast die Ausfahrt Walldorf verpasst. Wie die Zeit eilt, wenn man sie sich mit einem Manta und etwas Unsinn vertreibt. Einmal rechts, lang geradeaus, rechts, gerade, eine halbe Runde durch den Kreisel und auf die Tankstelle, deren grellgrüne Beleuchtung über den dakargoldenen Lack des Manta streift. Während Super in den Tank gurgelt (was als Verbrauch rauskommt? Ach, das rechnen wir später mal in diskreterem Rahmen aus), kommen Hans-Dieter und Otto angefahren. So ein "Alter im Test" ist auch immer ein herrlicher Tag mit den Jungs, folgt stets derselben wunderbaren Routine. Beim Tanken stehen wir wichtigtuerisch am Testwagen, dann traben wir zur Kasse. Dort treibt Otto die Diskussion über die Baguettebeläge mit dem Juniorchef voran, Hans-Dieter schämt sich derweil für Otto und mich, während ich beim Erwerb eines Waschtickets daran scheitere, die Seniorchefin mit einem Kompliment zu bezirzen: Sie: "Was hab da denn heut dabei?" Ich: "Einen Manta B GSi von 1987!" Sie: "An den erinner’ ich mich noch von wo er neu war." Ich: "Kann doch nicht sein, Werteste, da waren Sie doch erst zwei." Sie: "Hör mir uff!" Dann zu Hans: "Was habt ihr dem denn gegebba?"

Hock around the clock

Na, gehen wir besser waschen, dann rüber zum Hockenheimring, auf die Waage, danach in die Boxen, Koffer, Pylonen und Testgerätschaft aus Ottos Auto laden, GPS-Empfänger aufs Dach, Messcomputer an die Frontscheibe des Manta saugnapfen und los. Erst erheben wir die Innengeräusche. Dafür jetzt doch mal den Ellenbogen von der Türkante und die Fenster hochkurbeln. Die kommen ohne Rahmen aus, was die Lässigkeit des Auftritts ebenso steigert wie die Lust des Fahrwinds, daran entlangzupfeifen. Doch zeigt bereits der Motor eine stattliche akustische Präsenz, die sich ergänzen, doch selbst von ambitioniert vorgetragenen Geräuschen schwerlich übertönen lässt. Als Nächstes beweist die Erfassung der Tachoabweichung, dass der Manta doch gar kein Angeber ist, geht es um Tempoangaben.

Derweil hebt sich die Sonne über die Tribünen, ein wenig wärmer immerhin wird es nun. Den Bremsen aber ist es nicht gleich heiß genug, erst bei der dritten Vollbremsung aus Tempo 100 haben vorn die Scheiben und hinten die Trommeln genug hitzige Bissigkeit erlangt, um den Manta mit wackeren 9,3 m/s² zu verzögern. So, nun in die Spitzkehre und da ganz ans Ende der Auslaufzone, die wir als Anlaufzone der Beschleunigung brauchen. Denn trotz der 110 PS, die sich im Manta noch nach 110 PS anfühlen, ist nicht ganz abzusehen, was zuerst erreicht ist – 160 km/h oder das Ende der Geraden.

Dabei mangelt es der Beschleunigung nie an inbrünstiger Inszenierung: Zwei Gasstöße durchrucken den Opel, bei 3.000 Touren schnappt die Kupplung, das Heck reckt sich höher empor als zuvor, endlich raspelt der Manta mit erstaunlich ausdauernd durchdrehenden Hinterrädern voran. Beim dritten Versuch erzielt er den Bestwert: zehndrei für nullhundert – nur eine halbe Sekunde mehr als beim letzten Testauftritt des GSi bei uns in Heft 8/1987.

Dabei fühlt sich das Temperament besonders durchdringend an – auch vorher schon auf der Autobahn. Die Eile, mit welcher er da durch die Nacht drängt, fällt vor allem dir auf, nicht aber den anderen Autofahrern, die ein ähnliches Temponiveau geradezu in Nebensächlichkeit erzielen.

Immer mit von der Party

Den Manta aber fährst du wie ein Auto, bei dem es eben genau darum geht: ums Fahren. Solche Autos sind selten geworden, umso intensiver, ehrlicher und, ja, richtiger fühlt sich deswegen auch alles an: das herbe Fahrwerk mit harten Gasdruckdämpfern und straffen Schraubenfedern an der trampeligen Starrachse hinten wie auch an der Vorderradaufhängung mit ungleich langen, gegeneinander verschränkten Querlenkern. Und erst dieses grandiose, leichtgängige, präzise Getriebe: In den Gängen eins, drei und fünf ragt der lange Schalthebel fast senkrecht aus dem Mitteltunnel, in zwei und vier liegt er wie eine Schranke zwischen dem Piloten links und seiner, nun, Bekanntschaft rechts, die es ja zu beeindrucken gilt durch fahrerische Finessen.

Also nicht dass es dessen zwischen Otto und mir bedürfte, als wir uns zu den Fahrdynamiktests von Spurwechsel und Slalom aufmachen. Auch hier steht die Beschaulichkeit der erzielten Geschwindigkeiten in beachtlichem Gegensatz zum Einsatz, den es zu leisten gilt, um den Manta um die Pylonen zu wuchten. So gelingt es der Lenkung, geradezu spektakuläre Schwergängigkeit mit ungespitzter Präzision und nebulöser Rückmeldung zu verbinden. Zugleich ermöglicht das Fahrwerk trotz aller Härte erstaunliche Karosseriebewegungen. Kurvt der Manta erst noch neutral um die Pylonen, prägt bei gesteigertem Tempo eine gewisse Schwankigkeit sein Handling. Dass er auf Lastwechsel kaum mit dem Heck zuckt, stattdessen stärker dem Untersteuern zuneigt, mag an den Vorderrädern liegen, deren griffigste Zeiten wohl etwas zurückliegen.

Umso ergriffener sind wir vom Manta, als wir einpacken. Er ist wie eine Party, zu der du zu spät kommst, weil du dachtest, da hingen nur Schwachmaten herum. Dabei geht dort die Sause ab, und du findest einen Kumpel fürs Leben. Als du den Motor startest, das Fenster runterkurbelst und in die nächste kleine Verwegenheit kavalierstartest, zu welcher der Opel jede Fahrt erhebt, da überlegst du: Wie wäre es, jetzt noch damit anzufangen, mit einem Manta um die Häuser zu ziehen? Nun, das, tja, das ergäbe nur allzu leicht Sinn.

Quelle: 2021 Motor-Presse Stuttgart
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