Ladenhüter: Warum kauft niemand Giulia, Stinger und Co.?

Ladenhüter Collage Aufmacher
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Ladenhüter Collage Aufmacher

© Hersteller / Patrick Lang

Jeder mag sie, keiner bezahlt sie. Es gibt so einige sympathische und schöne Autos, die keine Käufer finden. Was hat es auf sich mit den sexy Ladenhütern?

Bildershow: Schick, aber selten>>

Warum auf den untersten Rängen der Zulassungsstatistik diejenigen Autos verkehren, die sich in allen sonstigen Belangen ausschließlich auf obersten Rängen wähnen, ist naheliegend. So ein Rolls-Royce Phantom ist ebenso wenig Volumenmodell wie ein Ferrari 488 Pista. Spitze Zielgruppe und enormer Anschaffungspreis sind nicht die Zutaten, aus denen Absatzrekorde gemacht werden. Doch auch in weit bürgerlicheren Segmenten finden sich Ladenhüter, die auf den ersten Blick kein Problem erkennen lassen.

Das prominenteste Beispiel solcher begehrenswerten Ladenhüter ist sicherlich die Giulia von Alfa Romeo. Was war der Aufschrei bei ihrer Erscheinung nicht groß. Zahlreich die Liebesbekundungen. Tests absolvierte sie erfolgreich, quasi jeder findet sie hübsch. Aber kaufen? Naja. Die Mittelklasse-Schönheit bringt es auf 1.172 Zulassungen im Jahr 2019. Das sind sogar 8,7 Prozent weniger als 2018. Zum Vergleich: Die Konkurrenz aus München bringt es allein im Dezember 2019 auf fast fünf Mal so viele BMW 3er. Mercedes verkaufte immerhin 3.686 C-Klasse-Modelle im letzten Monat des vergangenen Jahres.

Hoher Preis und wenig Ausstattung

Wo liegt also das Problem der Giulia? Sicherlich ein Punkt ist das ungelenke Infotainmentsystem, das vor dem jüngsten Facelift noch nicht einmal über einen Touchscreen verfügte. Deutsche Autokäufer legen offenbar einen anderen Maßstab an Bedienkomfort und Ergonomie an. Effizienz statt Erotik lautet die Devise. Fahrdynamisch überzeugt die italienische Sport-Limousine durchaus, doch in Sachen Assistenzsysteme herrscht ebenfalls Nachholbedarf. Diese Umstände, gekoppelt an den relativ hohen Grundpreis, dürften am Ende wohl ausschlaggebend für die niedrigen Absatzzahlen sein. Schließlich kostet ein BMW 330i M Sport fast 10.000 Euro weniger als eine Giulia Q4 Veloce Ti (59.500 Euro). Noch dazu verbraucht die Giulia im Schnitt fast zwei Liter mehr Benzin.

Lässt sich dieses Problem-Gerüst auch auf andere Modelle übertragen? Mit dem Kia Stinger verhält es sich auf den ersten Blick ähnlich. Nur 984 Zulassungen waren es im vergangenen Jahr. Doch an der Ausstattung lässt sich das ebenso wenig festmachen wie an den reinen Daten. Heckantrieb, 3,3-Liter-V6, 366 PS, Klappenabgasanlage, adaptives Fahrwerk, mechanisches Sperrdifferenzial – das liest sich auf dem Papier wie der Automobil gewordene Traum sportlich ambitionierter Fahrer. Zeitgemäße Komfort-Optionen wie ein adaptiver Abstandstempomat, ein Fernlichtassistent oder ein Head-Up-Display gibt es ebenfalls. So ein VW Arteon ist da schon mit dem Basismotor und ohne Extras teurer.

Etabliertes Vernunft-Image

Okay, man muss allerdings erwähnen, dass der Arteon mit 6.775 verkauften Exemplaren 2019 auch nicht gerade ein Bestseller ist. Weiter vorne bei den GT-Modellen liegt BMWs 4er mit 9.424 zugelassenen Autos. Daraus lässt sich ein mögliches Problem für den Stinger ableiten. Zunächst mal handelt es sich insgesamt um ein relativ absatzschwaches Segment – mehr ein Schmuckkästchen als eine Schatztruhe. Da so ein GT in Sachen Alltagstauglichkeit durchaus Abstriche machen muss, wird er mehr als Statussymbol oder Vergnügungsfahrzeug von kaufkräftigem Klientel erstanden. Es wäre also denkbar, dass die Marke Kia in den Prestigegedanken dieser Käuferschicht nicht so richtig angekommen ist. Schließlich war die Markenwahrnehmung mit sieben Jahren Garantie und günstigen Kleinwagen bisher vor allem volksnah pragmatisch.

Kleine Randnotiz: Ein Problem, mit dem auch ein VW Phaeton zu kämpfen hatte. Wer eine Luxuslimousine wollte, griff zu 7er, A8 oder S-Klasse. Für das gleiche Geld einen „Volks“wagen zu kaufen, kam für die Käuferschicht offenbar mehrheitlich nicht in Frage.

Ist vielleicht auch der Toyota GT86 ein Beweis dafür, dass sich ein lange gepflegtes Image nicht ohne Weiteres umkehren lässt? Die japanische Marke ist bekannt als Hybrid-Pionier. Sparsam, zukunftsgewandt und eher technokratisch. Da passt so ein kleines Spaßmobil nicht richtig ins Portfolio. Kaufen es die Kunden Toyota also einfach nicht ab? Zum Zeitpunkt seiner Markteinführung im September 2012 hatte der kleine Boxer-Bolide sogar den altehrwürdigen Porsche 911 überholt (635 zu 400). Allerdings, und auch das ist nicht unerheblich, in der Mehrheit mit Händler-Zulassungen. Im Dezember 2019 waren es gerade noch sechs Fahrzeuge, die vom Händler-Hof gerollt sind.

Effizienz vor Erotik

Rein technisch lässt sich dieser Umstand kaum begründen. In unserem Test überzeugte der flotte Toyota mit guter Verarbeitung, niedrigem Grundpreis, geringem Verbrauch, Drehfreude und präzisem Handling. Das aktuelle Modell gibt es ab 30.000 Euro. Das Problem des GT 86 könnte in der Kombination aus Leistung, Preis und Alltagstauglichkeit liegen. Wer ein flinkes Auto in der Region um 200 PS fahren möchte, dabei allerdings nicht plant, mehr als 30 – 35.000 Euro zu investieren, kauft sich so ein Fahrzeug mutmaßlich als Erstwagen. Entsprechend muss das Vehikel möglichst viele Anwendungsbereiche abdecken. Ein VW Polo GTI bietet zum Beispiel mehr Platz für Fondpassagiere und Gepäck, vier Türen, gleiche Leistung und dabei kostet er rund 5.000 Euro weniger. Natürlich fährt ein Polo auch deutlich weniger emotional vor – aber das Credo der deutschen Autokäufer stellt offenbar auch hier Effizienz vor Erotik.

Welche weiteren Modelle, anders als bei Begehrlichkeit, beim Absatz schwächeln, und warum das so sein könnte, erfahren Sie in unserer Bildergalerie oben im Artikel.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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