Ferrari verliert an Boden in Silverstone: Das große Vettel-Rätsel

Ferrari verliert an Boden in Silverstone: Das große
Vettel-Rätsel
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Ferrari verliert an Boden in Silverstone: Das große Vettel-Rätsel

© Wilhelm

Ferrari konnte seine gute Leistung aus der Vorwoche nicht wiederholen. Renault und Racing Point zogen vorbei. Sebastian Vettel schaffte nicht einmal das Q3. In seinem Ferrari steckt der Wurm. Der vierfache Weltmeister weiß aber nicht wo. Egal, was er macht, der Abstand zu Charles Leclerc bleibt immer gleich.

Dieser Satz klingt wie eine Bankrotterklärung. "Ich bin zufrieden mit meinen Runden, auf Medium wie auf Soft. Mehr war nicht drin. Wir reden höchstens über ein halbes Zehntel, das ich in den Kurven 6 und 7 durch einen kleinen Rutscher verschenkt habe." Das sagte Sebastian Vettel, nachdem er in der Qualifikation die zwölftschnellste Zeit gefahren war.

Die Strafe für Esteban Ocon lässt ihn in der Startaufstellung noch einen Platz aufrücken. Das war aber auch schon der einzige positive Aspekt eines erneut schwierigen Wochenendes. Auch nach vier Tagen Training und einem Rennen mit insgesamt 203 Runden wurden Vettel und sein Ferrari keine Freunde. "Das Auto fühlte sich besser an wie letztes Wochenende, aber die Stoppuhr zeigt, dass es gleich langsam war."

Alles versucht, nichts geklappt

Vor einer Woche verlor Vettel im direkten Vergleich mit Charles Leclerc in der schnellsten Trainingsrunde 0,912 Sekunden. Im Rennen kam er 23,383 Sekunden hinter dem Teamkollegen ins Ziel. Macht im Schnitt einen Zeitverlust von 0,499 Sekunden pro Runde. Um dem Rätsel auf die Spur zu kommen, nutzte Vettel die freien Trainingssitzungen dazu, die ganze Abstimmungspalette durchzuspielen, und er variierte auch immer wieder seinen Fahrstil.

"Ich habe alles probiert, bin aber auf keinen grünen Zweig gekommen. Wir sind im Prinzip wieder dort, wo wir vor einer Woche standen. Der Abstand zum Teamkollegen blieb immer gleich." Seine Aussage, dass er das Maximum aus dem Auto herausgeholt hat, das ihm zur Verfügung stand, zeigte sich in der Addition der drei Sektoren. Vettels Idealzeit ist identisch mit seiner schnellsten Runde. Mehr ging einfach nicht.

Und das waren die Rückstände zu Leclerc: 0,436 Sekunden im ersten Training, 0,386 Sekunden im zweiten und 0,483 Sekunden im dritten. Der Trend setzte sich in der Qualifikation fort. Im Q1 nahm ihm Leclerc 0,185 Sekunden ab, im Q2 waren es 0,369 Sekunden. In der ersten K.O.-Runde brauchte Vettel im Vergleich zu Leclerc schon einen Extra-Satz soft, und in der zweiten zog er seinen zweiten Versuch durch, während der Monegasse abbrach und in die Boxengasse abbog, weil ihm die Zeit von der ersten gezeiteten Runde reichte. Hätte Leclerc in beiden Versuchen ernst gemacht, wäre die Schere zwischen den beiden Ferrari-Fahrern noch weiter aufgegangen.

Vettel verliert in schnellen Kurven

Man merkte Vettel an, dass ihm gerade Antworten auf vielen Fragen fehlen. Vermutungen, dass es am Fahrstil liegt, sind genauso wenig logisch als dass ihn Ferrari am langen Arm verhungern lässt. Ferrari braucht in der Konstrukteurs-WM jeden Punkt. Es macht keinen Sinn, ein Auto schlechter vorzubereiten als das andere. Und wieso hatte Vettel den Stallrivalen in Budapest dann noch im Griff? In drei Wochen kann man das Fahren nicht verlernt haben. Der Silverstrone-Sieger von 2009 und 2018 stand allerdings schon vor einem Jahr auf Kriegsfuß mit der britischen Traditionsstrecke. Da fehlten ihm in der Qualifikation 0,612 Sekunden auf Leclerc.

Auch die Sektorzeiten und Topspeeds geben nicht viel mehr Aufschluss. Vettel verliert Zeit auf den Geraden, weil er den Heckflügel etwas steiler gestellt hatte als sein Garagennachbar. Das sollte dem Auto etwas mehr Stabilität verleihen und dem Fahrer verloren gegangenes Vertrauen zurückgeben. Motor, Turbolader und MGU-H waren in beiden Autos nach Vettels Motorplatzer im zweiten Training neu.

Im Topspeed wirkt sich das kaum aus. Auf der Hangar-Gerade ist Vettel mit 331,6 km/h um 0,7 km/h schneller als Leclerc, auf der Wellington Gerade liegt er mit 316,5 km/h um 0,8 km/h zurück. Auch beim Beschleunigen sind die Werte fast deckungsgleich. Leclerc wird auf dem Zielstrich kurz hinter der Club Kurve mit 255,5 km/h gestoppt, Vettel mit 254,9 km/h. Der einzige nennenswerte Unterschied wurde ausgangs der Chapel-Kurve gemessen. Da war Leclerc mit 273,0 km/h um 3,3 km/h schneller als Vettel. Das ist ein Indiz für den Speed in den schnellen Kurven, und da drückt offenbar auch der Schuh.Vettel selbst sprach von Problemen in langsamen Kurven.

Der einzige Sektor, in dem der 53-fache GP-Sieger mithalten konnte, war der letzte. Der Unterschied zu Leclerc beträgt nur 0,008 Sekunden. In dem Abschnitt befinden sich außer der 250 km/h schnellen Stowe-Kurve nur zwei langsame Ecken. Es könnte auch bedeuten, dass Vettel seine Reifen besser durch die Runde gebracht hat, möglicherweise auch weil sein Ferrari auf etwas mehr Anpressdruck getrimmt ist. In den Sektoren 1 und 2 verliert er mit 0,241 und 0,261 Sekunden fast gleich viel Zeit. Und die bleibt nach GPS-Analysen hauptsächlich in den schnellen Passagen liegen.

Ferrari verliert 1,1 Sekunden

Charles Leclerc schaffte es zwar erneut ins Q3, war mit seiner persönlichen Leistung, aber mit seinem achten Platz nicht zufrieden. Vor einer Woche startete der zweifache GP-Sieger noch als Vierter. "Wir haben uns diese Woche schwerer getan. Mehr als das gab das Auto nicht her", beruhigte sich Leclerc. Der Vergleich zur Vorwoche zeigt, warum Ferrari weiter hinten steht. Alle Autos haben im Vergleich zur Qualifikation des ersten Silverstone-Rennens Zeit verloren, Ferrari jedoch mehr als die anderen, speziell die direkten Gegner. Ferrari war um 1,187 Sekunden langsamer, Renault nur um 0,288 Sekunden und Racing Point um 0,243 Sekunden. Deshalb zogen die Kontrahenten vorbei.

Renault und Racing Point haben aus den Fehlern der ersten Woche gelernt. Sie haben bei Ferrari abgekupfert und den Anpressdruck leicht reduziert. Ferrari vertraute im Fall von Leclerc auf das aggressive Setup, das immerhin mit einem Podium belohnt wurde. Doch diesmal war es wegen der extrem windigen Bedingungen eine Spur zu viel. Leclerc fürchtet, dass er auch im Rennen einen Preis zahlen muss. "Keiner fährt mit so wenig Abtrieb wie ich. Wegen der weicheren Reifenmischungen wird das Reifenmanagement noch schwieriger."

Da hat Vettel mit etwas mehr Anpressdruck leichte Vorteile. Er glaubt aber nicht, dass es ihm viel hilft. "Die Autos vor uns starten alle auf Medium-Reifen oder noch härter. Da lässt sich von der Strategie nicht viel rausholen. Außerdem gibt es einen Grund, warum ich nur Zwölfter war." Soll heißen: Das Auto ist zu langsam, und warum soll sich das am Sonntag ändern?

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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