Erlkönig: Dieses Rekordauto kommt als Serien-Modell

Neuer - wenn auch inoffizieller - Träger des
Geschwindigkeitsrekords für Serienautos ist ein Bugatti.
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Neuer - wenn auch inoffizieller - Träger des Geschwindigkeitsrekords für Serienautos ist ein Bugatti.

© Bugatti

490,5 km/h: Der Chiron, der kürzlich die neue Bestmarke für Serienautos aufstellte, kommt bald auf den Markt – in einer Kleinserie zum exorbitanten Preis. Wir erklären, wie die Rekordfahrt ablief und welchen Aufwand der Nobelhersteller dabei betrieben hat. Dazu: Die neuesten Erlkönig-Bilder des Serienmodells.

Eigentlich dachten wir, der Jagd nach der magischen 300-mph-Marke (482,8 km/h) würden vornehmlich die Amerikaner – allen voran Hennessey und SSC – mit schwedischer Beteiligung durch Koenigsegg frönen. Es hieß, der neue Bugatti-Chef Stephan Winkelmann setze andere Prioritäten. Für Spielereien wie den Wettstreit um das schnellste Serienauto bleibe neben der Fahndung nach sinnvollen Ergänzungen zum bislang einzigen Bugatti-Modell Chiron kein Platz. Denkste! Plötzlich dreht da ein Bugatti mit 304,773 mph (490,5 km/h) auf der VW-eigenen Teststrecke im niedersächsischen Ehra-Lessien seine Runden. Ein Geschwindigkeitsrekord, mal eben so im Vorbeigehen – der übrigens bereits am 2. August erzielt wurde.

Vorserienfahrzeug eines Chiron-Derivats

Anscheinend haben die Franzosen ebenso heimlich wie akribisch darauf hingearbeitet – und das wohl schon eine ganze Weile: "Unser Ziel war es, die magischen 300 Meilen pro Stunde zu erreichen, als erster Hersteller überhaupt", sagte Winkelmann nach der Rekordfahrt. "Das haben wir nun geschafft und macht uns, die gesamte Mannschaft, und mich, unheimlich stolz." Welch großer Aufwand hinter dem Projekt steht, zeigt allein schon das Rekordauto. Dabei handelt es sich nicht um einen normalen Chiron. Auch die zuerst publizierte Bezeichnung "seriennaher Prototyp des Bugatti Chiron" führt in die Irre. Der Rekordbrecher ist ein Vorserienfahrzeug eines Chiron-Derivats.

Wie Winkelmann nun bestätigte, kommt das Rekordauto bald tatsächlich als Chiron Super Sport 300+ auf den Markt. Bugatti wird 30 Exemplare zum Nettopreis von jeweils rund 3,5 Millionen Euro bauen. Heißt: Mit deutscher Mehrwertsteuer kostet der Highspeed-Sportwagen fast 4,2 Millionen Euro. Wobei dem Vernehmen nach bereits erste Kaufverträge abgeschlossen wurden.

Optimierte Aerodynamik und 100 PS Mehrleistung

Im Vergleich zum Standard-Chiron ist der Super Sport 300+ aerodynamisch grundlegend verändert. Auf den ersten Blick erkennbar ist das um 25 Zentimeter verlängerte Heck, das eine viel stärker ausmodellierte Abrisskante und einen riesigen Diffusor präsentiert. Statt zwei mittig positionierter Sechseck-Endohre gibt es zwei übereinander angeordnete und runde Endrohr-Paare rechts und links. Auch die Lufteinlässe und Spoiler und Front und Flanke haben die Bugatti-Aerodynamiker umgestaltet. Das Rekordauto verfügt außerdem über einen zusätzlichen Überrollkäfig, der gegen Aufpreis auch für das Serienauto verfügbar sein soll. Dieses erhält außerdem einen zweiten Sitz; zudem sind beide Sitzgelegenheiten spürbar komfortabler und hochwertiger ausstaffiert als der Rennsitz mit Sechspunktgurt, der im Rekordauto installiert war.

Zusätzlich ist der W16-Motor mit acht Litern Hubraum und vierfacher Turboaufladung etwas erstarkt. Er leistet im Rekordauto und im Chiron Super Sport 300+ 1.600 PS – 100 PS mehr als der normale Chiron. Das Getriebe verfügt über eine längere Übersetzung, während der Allradantrieb unangetastet geblieben sein soll. Die Bodenfreiheit war beim Vorserienauto deutlich geringer, der aktive Heckflügel samt Airbrake wich einem starren Heckteil. Das mit der Bodenfreiheit soll aber rückgängig gemacht werden; sie wird beim Super Sport 300+ auf das Niveau den normalen Chiron angehoben. Das Sondermodell wird übrigens eine Geschwindigkeitsbegrenzung erhalten, von der man aber noch nicht weiß, wo genau sie liegen wird. Und die Medienberichten zufolge gegen Aufpreis wieder rückgängig gemacht werden kann. Zudem soll den Besitzern Zugang zur Highspeed-Strecke in Ehra-Lessien gewährt werden.

Michelin lieferte eigens angefertigte Reifen

Größter Unsicherheitsfaktor beim Rekordversuch waren übrigens die Reifen. Die auf Magnesium-Felgen gespannten Rekord-Pneus bauen zwar auf den Michelin Pilot Sport Cup 2-Rundlingen des Chiron auf, zeigen sich aber in allen Belangen verstärkt. Bugatti zufolge drehen sich die Reifen bei einem derartigen Tempo 4.100 mal pro Minute – angesichts dieser Zahl lässt sich zumindest erahnen, wie stark sie dabei belastet werden. Um böse Überraschungen auszuschließen, wurden die Reifen auf dem Prüfstand bis 511 km/h getestet, nach der Produktion einzeln geröntgt und erst unmittelbar vor dem Rekordversuch aufgezogen. "Ein Weltrekordversuch auf offener Strecke kann ein paar Überraschungen bereithalten", sagte Stefan Ellrott, Bugatti-Entwicklungschef. "Aber wir hatten Glück und alles hat gepasst."

Und Bugatti hatte einen exzellenten Fahrer. Andy Wallace kennt sich auch mit Geschwindigkeitsrekorden und Ehra-Lessien, schließlich trieb er dort bereits 1998 den McLaren F1 mit 391 km/h über den Asphalt – damals ebenfalls Rekord. Der 58-jährige Brite mag ein Highspeed-Junkie sein, ist aber gewiss kein Draufgänger: "Der Chiron war gut vorbereitet, lief perfekt und die Strecke sowie die Wetterbedingungen waren ideal. Ich habe mich sehr sicher gefühlt, selbst in diesen hohen Geschwindigkeitsbereichen", sagte Wallace nach der Fahrt.

Ab 300 km/h in 50-km/h-Schritten vorwärts

Der ehemalige Le-Mans-Sieger (1988) absolvierte den Lauf nach einem genauen Plan: Ab 300 km/h tastete er sich in 50-km/h-Schritten vor, um zu sehen, ob alle Bedingungen stimmen und der Chiron optimal ausbalanciert ist. Nach einer Aufwärmrunde ging er bereits auf's Ganze: Mit 200 km/h beschleunigte er aus der nördlichen Kurve auf die 8,8 Kilometer lange Gerade heraus, um dort bis zum exakt definierten Bremspunkt den Rekord aufzustellen. Bis es soweit war, gab er 70 Sekunden ununterbrochen Vollgas. "Wichtig war, dass ich ab 200 km/h aus der Kurve raus bin, um auf der Geraden die Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Das verlangt höchste Konzentration", sagte Wallace.

Dass Wallace auch diesen Rekord wieder in Ehra-Lessien aufgestellt hat, ist durchaus ungewöhnlich. Die Strecke liegt nur 50 Meter über dem Meeresspiegel; der Ort weist deshalb eine höhere Luftdichte auf als die bekannten, deutlich höhergelegenen Strecken in den US-Bundesstaaten Utah oder Nevada. "Luftdruck, Luftdichte und Temperatur sind bei Hochgeschwindigkeitsfahrten sehr wichtig und machen je nach Höhenlage bis zu 25 km/h aus", sagt Stefan Ellrott. Weil Ehra-Lessien dennoch die größtmögliche Sicherheit geboten habe, sei die Entscheidung letztlich trotzdem für die dreispurige und 21 Kilometer lange Bahn in Niedersachsen gefallen.

Kein offizieller Guinness-Weltrekord

Die Strecke ist Bugatti zufolge aber auch der Hauptgrund, warum sich kein offizieller Guinness-Weltrekord realisieren ließ. Dafür hätte das Auto innerhalb von 60 Minuten in beide Richtungen fahren müssen; für die Wertung hätte der Durchschnitt beider Läufe gegolten. In Ehra-Lessien wird aber fast ausschließlich im Uhrzeigersinn gefahren, was sich auf den Asphalt auswirkt. Heißt, die Reifen hätten auf dem Rückweg gegen den Untergrund arbeiten müssen und wären wohl sehr heiß geworden – mit unabschätzbaren Konsequenzen. "Die Sicherheit des Fahrers steht bei uns an erster Stelle", sagt Ellrott, weshalb es Bugatti dabei belassen hat.

Auch Stephan Winkelmann gibt sich zufrieden mit dem erreichten Rekord, der immerhin TÜV-zertifiziert ist. Mehr noch, er erklärt die Highspeed-Jagd für seine Firma damit für beendet. "Dies war das letzte Mal für uns. Als Erster, der die 300 Meilen pro Stunde übertrifft, hat Bugatti seinen Namen in die Geschichtsbücher geschrieben – das bleibt für immer", sagt der Markenchef. "Wir haben mehrfach gezeigt, dass wir die schnellsten Autos der Welt bauen. Künftig legen wir unseren Fokus auf andere Bereiche." Das haben wir zuvor auch gedacht. In Zukunft bleiben wir aber besser etwas wachsamer als dieses Mal.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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