Fahrbericht Wolga GAZ M-21

Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution werfen wir einen Blick
auf den Wolga GAZ M-21.
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Zum 100. Jahrestag der Oktoberrevolution werfen wir einen Blick auf den Wolga GAZ M-21.

© auto motor und sport
08.11.2017 - 08:15 Uhr von mkl

Laut knallt es aus der Bugkanone des in der Nähe der Petrograder Nikolai-Brücke liegenden russischen Panzerkreuzers Aurora: Mit dem Abfeuern einer Platzpatrone begann heute vor 100 Jahren die Oktoberrevolution. Für uns ein Anlass, einen Blick auf ein solides und kultiviert auftretendes russisches Auto zu werfen: Den Wolga GAZ M-21.

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Die Tür fällt satt hinter mir ins Schloss, und mit dem schweren, süßlichen Duftgemisch aus Bakelit, Öl, Kunstleder und ein wenig Benzin sind auch die Erinnerungen an damals wieder da.

Damals, als ich mit fünf Jahren das erste Mal getestet habe, ob ich die schwere Türe auch ganz allein aufkriege. Ja, kriegte ich. Dummerweise war Opa schon seit einer Weile losgefahren, und Oma hechtete quer über die Rückbank nach dem Türgriff. Oder als ich das erste Mal – auf dem Schoß meines Onkels sitzend – lenken durfte. Die ganze Brücke über den Fluss lang! Ich weiß nicht mehr, ob 50 oder 500 Meter weit, aber für mich gehörten diese paar Sekunden zu den aufregendsten Augenblicken meines Lebens.

Jaja, die gute alte Zeit im Osten. Aus heutiger Perspektive ändet sich da natürlich kaum irgendwas Gutes, aber als Kind sind Begriffe wie Planwirtschaft, Fünfjahresplan Konsumgüterdefizit oder Kommunismus nichts als abstrakte Erwachsenenfloskeln. Der Wolga dagegen, der war echt.

Offiziell hieß „mein“ Auto GAZ M-21 Wolga, die Buchstaben GAZ stehen für Gorkijskij Avto Zavod, das Gorkier Automobilwerk. Gebaut wurde der Wolga in drei Serien zwischen 1956 und 1970. Er lief vor allem als Behördenfahrzeug, Taxi, Krankenwagen; die Exportversion diente als Devisenbringer. Exportiert wurde in alle Länder des Warschauer Paktes, nach Skandinavien, China, Kuba, in die Mongolei, den Nahen Osten und als rechtsgelenkte Version nach Großbritannien sowie Indien. Sogar in der Bundesrepublik konnte man 1960 den GAZ M-21 für 7.950 D-Mark kaufen.

Autoritärer Behördenwagen

Während in der DDR Wolga als Polizeifahrzeuge und Taxen liefen, blieben sie im Westen der Republik unbekannt: Händlernetz zu klein, Konkurrenz zu groß. Für knapp 7.500 Mark gab es bereits die Luxusversionen eines Ford Taunus P3 oder Opel Rekord P2.

Der normalsterbliche Sowjetkunde musste sich indes gedulden: Für ihn gab es den Wolga nur nach Ausmusterung aus dem Staatsdienst gebraucht zu erwerben – was nicht mit verbraucht gleichzusetzen war.

Schließlich wurden die Autos auf maximale Langlebigkeit hin entwickelt. Das Triebwerk verträgt neben allen Arten von miesem Motoröl selbst Hydraulik- oder Maschinenöl. Was ein Europäer nicht mal in sein Benzinfeuerzeug schütten würde, war dem Wolga gerade recht. Dem UdSSR-Inlandsmodell reichte 71-Oktan-Sprit zum Betrieb aus, allerdings bei 15 Litern Verbrauch. Egal, Benzin war damals verschwenderisch billig.

Achsen, Radaufhängung und alle Schmierstellen am Fahrwerk sind ebenso großzügig dimensioniert wie die Bodenfreiheit von 20 Zentimetern. Die Radausschnitte sind groß genug, um bei Bedarf größere Reifen zu montieren und die Geländegängigkeit so weiter zu erhöhen. Bei seinem Erscheinen 1956 war der Wolga seiner europäischen Konkurrenz durchaus ebenbürtig: Die 75 PS des 2,4-Liter-Motors beschleunigen die rund 1.450 Kilo schwere Limousine auf maximal 130 Stundenkilometer. Massenhaft Chrom, Zwölf-Volt-Elektrik und Radio waren auch bei den Inlandsmodellen serienmäßig.

Robuster, gering belasteter Motor

Ist man länger unterwegs, fühlt sich der Motor bei rund 80 Sachen wohl, und der manuelle Tempomat – sprich: Handgashebel – hält die Geschwindigkeit konstant. Springt der 21er mal nicht an – kein Problem: Das über 40-teilige Bordwerkzeug bietet vom Schlüsselsatz über die Fettpresse bis hin zur Anlasserkurbel alles Nötige. Und selbst auf die teils harschen russischen Wetterbedingungen wusste das Gorkier Automobilwerk eine Antwort: Die Karosserien wurden phosphatiert und dann im Tauchbad grundiert, um einen möglichst umfangreichen Korrosionsschutz zu gewährleisten. Und an eine besondere Spezialität des Wolga erinnere ich mich aus einem Schwarzmeer- Urlaub: Die Rückenlehne der vorderen Sitzbank lässt sich in horizontaler Lage fixieren, die so entstehende Fläche bietet zwei normal großen Menschen genügend Platz zum entspannten Schlafen.

„Und, wollen wir los?“, reißt mich Juri Rybak aus meinen Träumereien. Ihm gehört der abgebildete Wagen, auch er ist ein Opfer frühkindlicher Prägung. Als Juri sieben war, hatte sein Nachbar einen. Nach der Armee wollte er auch einen haben, es sollten aber 16 Jahre vergehen, bis sich ein gutes Exemplar fand. Juri hat den Wolga seit sechs Jahren und knapp 70.000 Kilometern. Insgesamt hat sein GAZ rund 200.000 km runter und ist ungeschweißt. Dass er noch die ersten Kolben und Ringe spazieren fährt, hält den Vorsitzenden des russischen M-21-Clubs nicht von ausgiebigen Touren ab: „Ich habe mit dem Auto schon Urlaubsreisen von 7.000 Kilometern am Stück zurückgelegt – ohne Probleme. Im Sommer läuft der Wagen im Alltagsbetrieb.“ Große Kompromisse beim Originalzustand will und muss er dabei nicht eingehen, erzählt er. Die Feststellbremse sei optimiert, die ist eine Schwachstelle quer durch die Baureihen und hält das Auto sonst einfach nicht am Platz. Der Vergaser stammt von einem Shiguli (Lada) 1500 und reduziert den Treibstoffverbrauch von über 13 auf jetzt 9 Liter.

Dieser Umbau ist seit knapp 30 Jahren bekannt und gebräuchlich. „ Die wenigen modernen Bauteile, wie eine Bordsteckdose und die Radiokonsole unter der Instrumententafel, sind problemlos rückrüstbar, ohne sichtbare Spuren“, erklärt Juri weiter.

Der originale „Weltempfänger“ funktioniere zwar eigentlich auch noch, „aber heutzutage sendet niemand mehr auf Lang- oder Kurzwelle.“ Ansonsten ist das Auto durch und durch original. Selbst die aus Stoff und Kunstleder bestehenden Sitzbezüge sind noch die ersten: „Der Vorbesitzer hatte da immer Schonbezüge drauf.“

Juris Wolga ist ein höher verdichtetes Exportmodell der dritten Serie, Baujahr 1964. Neben zehn Extra-PS, also 85, tragen die Exportversionen eine reichere Ausstattung als die Inlandsmodelle: mehr Chromschmuck, zusätzliche Zierleisten innen an den Türen, Aschenbecher auch im Fond, Türgriffe mit Holzapplikationen.

Die Anmutung und Qualität der Innenausstattung braucht sich vor Opel und Ford nicht zu verstecken – aber wehe, wenn mal etwas fehlt: „Besonders die Kleinteile der Exportmodelle sind kaum aufzutreiben“, warnt Juri. „Die Kunststoffgläser von Tacho, Thermometer und Benzinuhr beispielsweise, die gibt es gar nicht mehr. Die muss man nachfertigen lassen.“ Die meisten Wolga GAZ-21 wurden – wie die meisten Autos in der Sowjetunion – bis zum bitteren Ende gefahren. Das schlägt natürlich auf den Bestand und die Ersatzteilversorgung durch.

Gemütlich wie ein altes Sofa

In Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken gibt es zwar eine rege Oldtimer- Szene, aber Nachfertigungsaktionen oder das Just-in-Time-Prinzip der Klassikabteilungen von BMW und Mercedes sind Utopie.

Unterdessen rollen wir gemütlich über Land, während das Fahrwerk den rustikalen Asphaltzustand vom Innenraum abschirmt. Lange Federwege, gepaart mit weicher Federung, dazu noch die üppigen Federkernsitze – man schwebt entspannt über die Straße.

Dass ein Oldtimer die Wahrnehmung intensiviert, ist natürlich kein Geheimnis. Das Ziel ist noch weit, endlose Birkenalleen flankieren die Straße – wie zwischen Memel und Moskwa. Immer wieder schließe ich die Augen. Bald werde ich ein letztes Mal den süßlich-schweren Duft von Öl, Benzin, Sommer und Kindheit inhalieren.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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