Seat Leon Cupra R ST im Fahrbericht

Seat Leon Cupra R ST
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Seat Leon Cupra R ST

© Seat
14.03.2019 - 11:54 Uhr von Jörn Thomas

Der schärfste Seat kann als Leon Cupra R ST ab jetzt auch Familie. Limitiert ist bei ihm höchstens die Auflage. Und die Höchstgeschwindigkeit. Beides sehr schade.

Wäre der Bordtrolley dahinten im Kofferraum ein Mensch, er wäre jetzt grün und blau. Und er hätte gekotzt. Höchstwahrscheinlich. Bei der Übernahme des Testwagens am Flughafen Barcelona haben wir ihn einfach in den Kofferraum verfrachtet und sind losgefahren. Wird schon nicht so kurvig werden bis zum Mittagsstopp. Von wegen. Nachdem die Industriegebiete im Rückspiegel kleiner werden, die Landschaft in die Berge klettert und die Straßen gleich mitnimmt, wird es ernst. Für das Auto. Und den armen Koffer.

Nicht für den Fahrer. Im Gegenteil, er kriegt sich gar nicht mehr ein, so irre schmiegt sich eine Kurve an die nächste. Ohne Pause, nahtlos. Weit und schnell, eckig eng, zuziehend pikant oder beschleunigend öffnend. Manche huschen direkt an Felswänden entlang, andere zacken sich über leitbeplankte Brücken über schmale Bächlein. So spannend, so interessant, so fordernd dass der Fahrer einfach nicht anhalten mag. Nicht einmal kurz. Der Wagen und die Piste, sie haben ihn. Das süße Gift der Fahrdynamik pulst durch seine Venen. Er ist drauf. Fixiert auf Bremspunkte, Einlenken, Scheitelpunkt, Rausbeschleunigen. Da kann der arme Koffer noch so verzweifelt durch den Laderaum kollern.

Ach ja, um welchen Laderaum geht es hier eigentlich? Dürfen wir vorstellen: um den des Seat Leon Cupra R ST. So ziemlich der schärfste Kompaktkombi, den man für Geld kaufen kann. Ziemlich viel Geld übrigens, fast 50.000 Euro. Und auf 799 Exemplare weltweit ist er auch noch limitiert. Aber: er verspricht viel. Als Kombibruder des so ziemlich schärfsten Kompaktwagens, den man für Geld kaufen kann.

Abgesehen von seiner Dynamik bringt er schon mal jede Menge Ausstattung mit. Einmal mit allem, und viel scharf sozusagen. Kurzer Auszug aus der Serienausstattung: Sportsitze, Digitalcockpit, schlüsselloser Zugang, Connectivity-Box, Rückfahrkamera, spezielle 19-Zoll-Räder, Brembo-Bremsen und reichlich Echt-Karbon außen, etwa in Form von Frontsplitter, Heckspoiler, Spiegel, Seitenschweller und Diffusor. Hinzu kommen exklusive Lackfarben sowie die kupferfarbenen Cupra-Designelemente

Rückblick: Cupra R. Der Hollerwagen

Soviel zum Ornat. Nochmal kurz zurück zur Historie: Bevor Seat die Marke Cupra an den Start brachte schickten sie den Cupra R 310 in die Bütt. Keinen aufgeplusterten Kampfhamster mit tiefer Karosserie, Plastikausbeulungen, harter Federung, schwerer Lenkung und turboschnaubendem Testo-Zweiliter. Nein, eher einen mit feinem Händchen gemachten Sportsmann. Am Fahrwerk die richtigen Winkelgrade am Sturz verändert, die Lenkung fein justiert, einen Tick mehr Power, sauber appliziertes mechanisches Sperrdifferenzial. Und Vorderradantrieb! Das musst Du dich erstmal trauen. Doch es funktioniert. Kenner preisen den Namen des Verantwortlichen Heinz Hollerweger, wenn sie zum Alcantara-Lenkrad greifen und die 400 Newtonmeter auf die Vorderachse loslassen, mit gezielten Lastwechseln Reaktionen provozieren, die den Leon noch flinker um Kurven witschen lassen.

Lausbub oder Familienfreund?

Und was haben sie nun in den Seat Leon Cupra R ST gerettet? Den Speed definitiv. Allerdings entsteht der etwas anders als bisher und fühlt sich auch anders an. Warum? Ganz einfach: längerer Radstand, Allradantrieb, kein mechanisches Diff. Ob man die zehn PS Differenz spürt? Eigentlich nicht. 400 Newtonmeter liegen wie gehabt über einen weiten Bereich an, der Zweiliter-TFSI mit einem Turbolader fühlt sich eher federnd und elastisch an als nach Turbo-Holzhammer. In 4,9 Sekunden soll er den Kombi auf 100 katapultieren. Zudem nimmt das Siebengang-DSG dem Motor etwas die Unmittelbarkeit, die Trockenheit der mechanischen Gangwechsel.

Dieser ST ist jedenfalls ein verdammt schneller Schlingel. Schneller als der Hatch, wie die Seat-Jungs betonen. Und wir es Ihnen gern glauben. So unbarmherzig wie der ST angreift, wenn es ums Tempo an sich geht, dennoch sehr umgänglich beim Produzieren desselben. Er verschenkt nichts an den Reifenschlupf, der Allradantrieb bringt die Leistung effizient auf den Boden. Die Auseinandersetzung mit dem Wesen der Differenzialsperre kannst du vergessen, musst auf niemand Rücksicht nehmen, Gas und Lenkung sozusagen nach Belieben stressen. Beide setzen die Wünsche des Fahrers kommentarlos um.

Gas. Bremse. Traktion. Holla!

Dabei röhrt der Motor durchaus energisch Richtung Drehzahllimit, feuert den etwas schwereren ST über die Geraden Richtung nächster Kurve. Statt künstlichen Glutamat-Sound liefert der Seat Leon Cupra R ST authentischen Vierzylinderklang. Nicht mehr und nicht weniger. Und die Bremse? Steht. Bleibt. Auf den Punkt. Antriebseinflüsse? Nö. Höchstens auf den Gesichtsausdruck des Fahrers. Dauergrinsen.

Ob es wirklich die digitalen Instrumente braucht? Na ja. Hauptsache Alcantara-Lenkrad. Das Fahrwerk wie gehabt gekonnt abgestimmt. Mit zwei Grad mehr Negativsturz etwa. Überdies nicht zu hart, jedoch stets gefühlsecht, was sich auf den gemischten Straßenbelägen hier im katalanischen Hinterland ausgiebig erspüren lässt. Bodenhaftung kann er also. Auf Wunsch liefern die Adaptivdämpfer sogar sowas wie Komfort. Der ST soll halt ein breitbandiger Typ sein, obwohl er natürlich auf im Comfort-Mode nicht den Cupra R-Gedanken aufgibt.

Und die Sache mit den Lastwechselreaktionen lässt er auch brav sein, was uns Rennfahrer Jordi Gene schon ankündigte. Der längere Radstand und das Setup verbessern die Stabilität, vor allem wenn es Richtung Grenzbereich geht aber auch schon südwärts davon. Puh. Zeit, den Koffer endlich hinter den Sitz zu klemmen. Den einzigen an Bord, der diese Fahrt nicht so richtig genießen konnte. Sorry...

Quelle: 2019 Motor-Presse Stuttgart
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