VW T2 Westfalia in den Rocky Montains

Was ein malerischer Ausblick, die Rocky Mountains und der
VW-T2-Westfalia-Camper. Hier schlägt das Herz eines jeden
Bulli-Fans höher.
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Was ein malerischer Ausblick, die Rocky Mountains und der VW-T2-Westfalia-Camper. Hier schlägt das Herz eines jeden Bulli-Fans höher.

© Dani Heyne
12.03.2017 - 00:00 Uhr von Dani Heyne

Entschleunigung ist angesagt. Wir entkommen dem digitalen Alltagsstress mit dem Volkswagen-T2-Westfalia-Camper in den
Rocky Mountains. Und lauschen der Geschichte eines Bulli-Fans. Film ab!

Die rot-weiß karierte Gardine wedelt sanft im Wind, der durch die offene Schiebetür des Bulli hineinzieht. "Ist erfrischend wie eine Klimaanlage", ruft Mike vom Fahrersitz nach hinten und lacht laut. Mit lockerem Griff dirigiert er den alten Bulli die staubige Straße hinauf. Immer weiter – hinein in die Wildheit der Rocky Mountains. Wer genau hinschaut, erkennt, wie liebevoll er dabei das dünne Lenkrad umklammert, wie gefühlvoll er die Pedale streichelt und der alten Schaltung stets ein paar Sekunden gewährt, um die Zahnräder an die richtige Stelle zu schieben. Klare Sache: Dieser Typ liebt seinen VW T2. Über alles.

Dabei war der T2 nicht von Anfang an einer, der die Massen in einen Liebesrausch versetzte. Er kam 1967 als Kind der Arbeit zur Welt. Schleppte nach dem Baumuster seines Vorgängers schweres Material oder lieferte Gemüse aus. Besser erging es den Modellen, die im Werk in Hannover mit Fenstern und Sitzbänken bestückt wurden und anschließend Schüler oder Kegelgruppen chauffieren durften. Die volle Dosis Glück erfuhren jedoch nur jene T2, die bei Westfalia zum Camper umoperiert wurden.

Was alle diese Bullis einte? Überschaubare Technik, ein laues Lüftchen bei maximaler Heizstufe und dieser verdammte Geburtsfehler am dritten Zylinder, der die temperamentneutralen Benziner nicht selten nach 60.000 Kilometern in den Hitzetod trieb.

Nach wenigen Wintern gab’s außerdem heftige Rostprobleme. Wasser und Streusalz krabbelten zielgenau in die weitestgehend ungeschützten Hohlräume, zerbröselten Schweller und Radhäuser wie auf Bestellung. Kein Wunder also, dass von den fast drei Millionen Exemplaren aus Hannover nur wenige in gutem Zustand überlebten. Zwei Drittel aller bis 1979 produzierten T2 gingen sofort ins Ausland. Mit offenen Armen wurden die Bullis in den USA empfangen, wo sie mit ihren bunten Farben und der klassenlosen Art schnell zum Symbol der Hippie-Bewegung wurden.

Zurück zu Mike, der noch immer freudestrahlend mit seinem Bulli die Rocky Mountains erklimmt. Durch die offene Schiebetür dringt das wunderbar basslastige Boxern des luftgekühlten Vierzylinders, während im Kühlschrank schon zwei Bier warten.

Ausgewöhnliche Dachkonstruktion

An einem besonders malerischen Ausblick stoppt Mike, setzt sich einen großen Strohhut auf und fängt an zu erzählen. Von seinem Vater, der beim Militär war und mit der Familie durch die halbe Welt zog. Italien und Deutschland haben Mike damals besonders gut gefallen. In Italien das Essen, in Deutschland waren es die Autos. Vor allem die Modelle von VW.

Deshalb sprach er vor gut 20 Jahren auf einem Parkplatz in Colorado Springs auch ein älteres Pärchen auf ihren Bulli an. Ein tadellos gepflegter 1970er T2 in seltener Originalfarbe. Rostfrei. Bei Westfalia 1969 mit dem Ausbau "Oslo" veredelt (Modell SO-69/1) – und obendrauf, quasi als Sahnehäubchen, ein ganz seltenes Dach. Das klappt nicht vorne, sondern zur Seite hoch. Westfalia kaufte es damals beim englischen Hersteller Dormobile (gibt’s heute noch) zu und bot es für 1.933,62 Mark als Extra an. Zum Vergleich: Die komplette Camping-Möblierung des Oslo taxierte damals bei 2.553 Mark, und ein einfaches Hubdach ohne Bett kostete 468 Mark.

Das Dormobile-Dach besitzt vier große Fenster und zwei schmale Betten, über die sich Kinder am meisten freuen. Die durchgehende Stehhöhe bei ausgeklapptem Dach ist der größte Vorteil gegenüber klassischen Hubdächern.

Als Mike diese Details sah, war ihm klar, was für ein Schmuckstück vor ihm stand. Er plauschte noch eine ganze Weile mit den netten Rentnern, erfuhr, dass sie Anfang der 1970er in Deutschland lebten, den Wagen trotz der einjährigen Lieferzeit bei Westfalia bestellten.

Viele Touren haben sie damit in Europa unternommen und ihn am Ende mit in die Staaten gebracht. Mike, der mit 17 bereits verstanden hatte, dass ein Karmann Ghia zwar schnittig fährt, aber innen doch recht wenig Platz bietet – vor allem mit Freundin an Bord –, hinterließ bei dem älteren Paar seine Nummer und eine überzeugende Kaufabsicht.

Was für ein Glückskauf!

Irgendwann meldeten sich die beiden Rentner tatsächlich. Sie seien nun wirklich zu alt für den VW-Bus. Mike fuhr sofort los. Bei 1.500 Dollar wurden sie sich einig. Einziges Problem: Der junge Mann war damals nicht flüssig. Also verkaufte er kurzerhand seinen Alltagswagen, einen BMW 3er, bei einem Händler um die Ecke. Und fuhr freudig mit dem Bulli nach Hause.

20 Jahre ist das jetzt her. 20 Jahre, in denen Mike den Bus intensiv nutzte, teilweise sommers wie winters. Am liebsten fährt er damit in die Rocky Mountains, zum Campen. Noch immer hat der VW seine Originalfarbe, auch die Innenausstattung und das Dach blieben unangetastet. Den alten Benziner hat Mike einmal überholt und beim zweiten Mal gegen einen selbst aufgebauten ausgetauscht. Das Getriebe wurde mal regeneriert, die Stoßdämpfer und Bremsen rundum getauscht. Das war’s. Die rund 100.000 Meilen der Erstbesitzer haben sich inzwischen verdoppelt. Ein paar Rostlöcher gibt’s mittlerweile, hier und da wurde der Lack von der Sonne gegrillt und wirkt etwas verblasst.

Doch das fällt für Mike unter "Patina", steigert die Strahlkraft höchstens noch. Für ihn ist der Bus mehr als nur ein begehrter Bulli, der ihm heute das Zwanzigfache einbringen würde. Deswegen mag er ihn auch nicht in eine dunkle Garage sperren und darauf hoffen, dass die Preise weiter steigen. Mike will den Bus fahren, campen gehen. Er braucht kein XXL-Motorhome, um in der Natur anzukommen. Wenn er in den Bulli steigt, bleibt die Hektik des Alltags draußen, und er startet mit dem alten Freund in ein neues Abenteuer.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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