Wir testen die Kartbahn auf der Norwegian Joy

Ein Kreuzfahrtschiff mit Kartbahn? Gibt's nicht? Gibt's doch!
Das Highlight für Petrolheads ist wohl die zweistöckige Kartbahn an
Deck der Norwegian Joy.
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Ein Kreuzfahrtschiff mit Kartbahn? Gibt's nicht? Gibt's doch! Das Highlight für Petrolheads ist wohl die zweistöckige Kartbahn an Deck der Norwegian Joy.

© Achim Hartmann
04.07.2017 - 11:29 Uhr von Natalie Diedrichs

Kreuzfahrten sind langweilig? Auf der Norwegian Joy können die Passagiere nun auf der ersten Hochsee-Kartbahn weltweit Gas geben. Für Petrolheads hat der Dampfer sogar noch mehr zu bieten. Wir haben die Kartbahn ausprobiert und damit eingeweiht.

Gut betuchte Senioren mit Plastik-Schirmmützen und bunten Filzhüten sitzen bei einem Stück Streuselkuchen an Deck und lassen sich vom sonnengebräunten Kapitän durch die Weltmeere schippern. Dem einen oder anderen kommt diese Vorstellung von Kreuzfahrten vielleicht bekannt vor. Zumindest denjenigen, die noch keine unternommen haben.

Auf der Norwegian Joy ist das ein bisschen anders: Auf dem Schiffdeck riecht es nach dem frischen Abrieb heißer kleiner Gummireifen. Der Fahrbahnbelag dampft, die warmen Sonnenstrahlen ziehen die Feuchtigkeit des letzten Regenschauers aus der Oberfläche. Das tiefe Brummeln und Grollen von zehn V8-Motoren tönt durch die salzige Nordseeluft.

E-Karts von Rimo mit V8-Sound

Der jüngste Koloss der Norwegian Cruise Line ist weltweit das erste Kreuzfahrtschiff mit eigener Kartbahn. Die 230 Meter lange Strecke schlängelt sich über zwei Etagen, 20 Elektrokarts mit jeweils 5 kW (6,8 PS) düsen auf Höhe des 19. Stocks um die Wette.

Und damit das Ganze auch nach ein bisschen was klingt, rüstete der sauerländische Kartbahn-Spezialist Rimo die Flitzer kurzerhand mit einem Soundgenerator aus, für den die Geräuschkulisse eines echten V8-Motors aufgezeichnet wurde.

Bis zu 65 Stundenkilometer schaffen E-Karts normalerweise, aus Sicherheitsgründen sind sie an Bord jedoch auf 35 km/h gedrosselt – damit kein übermütiger Passagier über die Reling fliegt. „Der Sicherheitsaspekt steht bei uns selbstverständlich an allererster Stelle. Trotzdem wollen wir den Passagieren auf ganz besondere Weise Fahrspaß vermitteln“, erklärt Simon Murray, Director of Entertainment von Norwegian Cruise Line.

Er rechnet damit, dass bis zu 700 Gäste diese neueste Attraktion täglich nutzen. Kostenpunkt? „Bloody expensive!“ (zu Deutsch: sau teuer!), sagt er mit britischem Akzent und breitem Grinsen.

Fahrspaß auch bei schlechtem Wetter

Selbst bei starkem Seegang und Regen soll die Fahrbahn zugängig sein. „Auf unserer ersten Testfahrt waren die Wellen vier Meter hoch. Hier oben haben wir davon nichts gespürt“, schildert Peter Bertram, Geschäftsführer von Rimo.

Planung und Bau der Bahn dauerten etwa eineinhalb Jahre. Dabei machten nicht nur die statischen Anforderungen des Schiffes die Organisation besonders anspruchsvoll, sondern auch die extremen Wetterverhältnisse: „Wir mussten einen speziellen Fahrbahnbelag entwickeln, der selbst bei Nässe maximalen Grip liefert und so schnell wie möglich wieder trocknet“, so Bertram.

Die Karts selbst bestückten er und sein Team mit seewasserbeständigen Schrauben und einem besonderem Schutz der Bordelektronik, um auf hoher See lange durchzuhalten. Ein besonderer Clou der E-Karts ist der grüne Boost-Knopf, der für etwa vier Sekunden pro Runde einen flotten Geschwindigkeitsschub liefert – eine Hommage an die DRS-Technik der Formel 1. Der Booster macht nicht nur bei Überholmanövern unheimlich Spaß, sondern auch beim Anfahren des Hügels in der ersten Rechtskurve, mit dem das E-Kart auf das Oberdeck gelangt.

Kapitän fährt an Land Mercedes-AMG

Nach der Jungfernfahrt funkeln selbst die Augen von Schiffskapitän Carl Gummar Hammerin, der normalerweise etwas größere Kaliber lenkt: „Das wird nicht meine letzte Runde hier gewesen sein!“, resümiert der Schwede und tätschelt seinen Helm. Seine Leidenschaft für Fahrspaß auf vier Rädern kommt nicht von ungefähr: Während er auf See die 104.419 PS starken Schiffsdiesel der Norwegian Joy steuert, vertraut er an Land auf seinen Mercedes-AMG CLA 45: „Deutsche Autos sind einfach nicht zu übertreffen!“, schwärmt der in der Tat etwas sonnengebräunte Schiffslenker.

Doch nicht nur an Deck bietet die Norwegian Joy viel Vergnügen für Petrolheads. Wem die Seeluft dann doch zu sehr ins Gesicht peitscht, der kann sich im Entertainmentbereich, dem „Galaxy Pavillon“, weiter austoben. Hier wartet zum Beispiel ein waschechtes Formel-1-Auto, das Valtteri Bottas 2013 über die Rennstrecken dieser Welt jagte. „Abgesehen von den Reifen ist daran alles original“, erklärt Entertainment-Director Murray, während er das Lenkrad mit den 22 bunten Knöpfen in den Händen hält.

VR-Achterbahn, Lasertag und Star Wars Battle Pods

Wer um die Wette fahren will, der kann dies auf einem von vier professionellen Race-Seats inklusive Lenkrad und Pedalen tun. Landet der virtuelle Porsche Cayman GT4 allerdings zu oft im Kiesbett, wird einem durch die vielen Vibrationen allerdings auch ganz schnell ganz anders. Generell sollte der Magen eines Galaxy-Pavillon-Besuchers für gewisse Grundbelastungen ausgelegt sein. Denn neben den Rennsport-Angeboten lässt sich beispielsweise auch eine Spritztour auf einer virtuellen Achterbahn mit VR-Brille unternehmen. Der Gag an der Sache: Den Streckenverlauf der Achterbahn muss der Fahrer zuvor selbst zeichnen. Grüne Gesichter? Tja, daran ist man dann wohl im Zweifelsfall selbst schuld.

Ebenfalls eine Mitfahrt wert ist der Fahrsimulator mitsamt Lasertag-Pistolen, mit denen man auf Zombie-Jagd geht. Auch hier werden die Passagiere gerüttelt und geschüttelt – und wenn man nicht aufpasst, von einem Untoten gefressen. Derjenige, der die meisten Bestien erwischt hat, dem winkt im Anschluss eine Highscore-Ehrung inklusive sehr unvorteilhaftem Foto.

Für den verkannten Jedi-Ritter stehen außerdem sechs Star Wars Battle-Pods zur Verfügung, in denen man mit gemeinsam mit Han Solo versucht, den Todesstern zu zerstören. Ebenfalls mit an Bord ist ein Mix aus Autoscooter und Mini-Luftkissenbooten, Wasserrutschen und natürlich das obligatorische Casino.

An Bord: 3.900 Passagiere plus 1.800 Besatzungsmitglieder

Wer jetzt aber aufspringt, um ins nächste Reisebüro zu laufen und eine Fahrt auf diesem besonderen Kreuzfahrtschiff zu buchen, der wird leider enttäuscht: Denn die Norwegian Joy mit der ersten und einzigen Schiffs-Kartbahn der Welt wurde zwar in Papenburg gebaut. Das 920 Millionen Euro teure Schiff des amerikanischen Unternehmens Norwegian Cruise Line ist künftig aber ausschließlich in chinesischen Gewässern unterwegs.

Dort schippert sie dann bis zu 3.900 Passagiere durch die Gegend, die von etwa 1.800 Crew-Mitgliedern umsorgt werden. Und wer genügend Runden auf der Kartbahn gedreht hat, der findet in einem der 28 Restaurants auch sicherlich irgendwo ein Stück Streuselkuchen. Das muss er dann im Zweifelsfall aber mit Stäbchen essen.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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