MAN TGE 4x4 im Fahrbericht

Mit dem TGE wagt sich der Truck-Hersteller MAN erstmals in die
Niederungen der Kastenwagenwelt. Erste Ausfahrt mit dem
Allrad-Topmodell.
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Mit dem TGE wagt sich der Truck-Hersteller MAN erstmals in die Niederungen der Kastenwagenwelt. Erste Ausfahrt mit dem Allrad-Topmodell.

© MAN
16.05.2017 - 07:32 Uhr von Torsten Seibt

Mit dem TGE wagt sich der Truck-Hersteller MAN erstmals in die Niederungen der Kastenwagenwelt – mit der Technik des VW Crafter. Erste Ausfahrt mit dem Allrad-Topmodell.

Lkw können sie bei MAN, soviel steht fest. Die ehemalige „ Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg“, heute ein Teil des Volkswagen-Imperiums, war ursprünglich ein klassischer Maschinenbaukonzern, baute aber bereits vor über hundert Jahren den ersten Lkw unter dem Markennamen MAN. Die heutige Trucksparte des Konzerns produziert am Stadtrand von München Großgerät für nahezu jeden Bedarf – allerdings bislang nur ab der 7,5-Tonnen-Klasse. Das immer wichtiger werdende Geschäftsfeld der Transporter überließ man lange Zeit der Konkurrenz.

Damit ist nun Schluss, denn dank der Konzernzugehörigkeit zu VW bekommen die Münchner nun erstmals Zugriff auf den Crafter, der – ebenfalls Premiere – erstmals in Eigenregie von VW entwickelt wurde. Beim MAN TGE handelt es sich um die technisch identische Version des jeweiligen VW Crafter, die Fahrzeuge werden auch gemeinsam mit dem Crafter im neuen Nutzfahrzeugwerk im polnischen Września gefertigt. Der einzige optische Unterschied zwischen Crafter und TGE sind die Scheinwerfer mit Zweikammersystem und der etwas robuster gezeichnete Kühlergrill statt des filigranen Pkw-Looks beim Crafter. Gleiches gilt für den Innenraum: Nur das Emblem im Lenkrad und das beim Start aufleuchtende Löwenlogo im Infodisplay unterscheiden die beiden Versionen.

Über 60 Auf- und Ausbauvarianten

Analog dazu ist auch die Auswahl segmenttypisch groß. Kombi, Kastenwagen, Fahrgestell und Pritsche, zwei Radstände, drei Höhen bei den Kastenwagen und drei verschiedene Außenlängen. Ebenso verhält es sich bei Antrieb und Motorisierung, der „EA288 Nutz“ -Vierzylinder mit zwei Liter Hubraum lässt sich in vier Leistungsstufen von 102 bis 177 PS ordern. Und wie beim Crafter gilt auch beim TGE: die 102- und 122-PS-Motoren sollten nur im Nahbereichs-Verteilerverkehr auf dem Zettel stehen. Den besten Kompromiss aus Ökonomie und Leistung liefert der 140-PS-Motor mit seinen 340 Newtonmeter ab. Und wer es öfter eilig hat oder hohe Gewichte bewegen muss, kann beim Biturbo mit 177 PS auf 410 Newtonmeter Drehmoment zählen.

Den baten wir auch zur Testfahrt, und zwar in der ab Herbst lieferbaren Version mit Allradantrieb. Wie beim Frontantriebsmodell ist auch beim Allrad-TGE der Motor quer eingebaut, was neben dem unterschiedlichen Automatikgetriebe (4WD: Aisin, RWD: ZF) auch ein eigenes Package bei der Nutzlast bedeutet, der 4x4 ist in Varianten bis zu 4to. Gesamtgewicht zu bekommen. Auf das Allradsystem selbst hat der Fahrer keinen Einfluss, beim von VW übernommene 4Motion-Antriebsstrang handelt es sich um einen schlupfabhängig aktivierten Automatik-Allrad mit Haldexkupplung.

MAN TGE mit Allradantrieb

Entsprechend lässt sich auf trockenem, befestigten Untergrund auch kein Unterschied zum frontgetriebenen TGE herausfahren, lediglich der Knopf für die optionale Hinterachssperre im Cockpit kündet von der verschärften Traktionskompetenz. Der Biturbo-Vierzylinder steht erwartungsgemäß gut im Futter, kann im ganz niedrigen Drehzahlbereich jedoch keine überragende Souveränitätswertung einfahren. Ab rund 1.600 Umdrehungen geht es jedoch spürbar druckvoll voran. Der getestete Kastenwagen hoch/lang ließ sich auf der Autobahn auch problemlos in Tempobereiche jenseits der 160 km/h durchbeschleunigen, was angesichts von Stirnfläche und Gewicht durchaus eine Ansage ist. Bei solch hohem Tempo ist am Lenkrad, das Pkw-mäßig steil montiert ist, ein bisschen Aufmerksamkeit gefragt, denn der großflächige Kastenaufbau ist bei Seitenwind ein prima Segel.

MAN liefert den TGE serienmäßig mit Notbremsassistent aus, der beim Crafter Aufpreis kostet, gut so. Auch die übrige, teils aufpreispflichtige Assistenten-Armada ist bemerkenswert für einen Kastenwagen – automatischer Abstandstempomat, Anhängerassistent mit Einparkfunktion, automatisches Fernlicht Spurhalteassistent, ... Die Liste ist lang und erinnert eher an einen modernen Pkw als an einen Lieferwagen klassischer Bauart. Dazu passt die gesamte, auf Pkw-Optik getrimmte Armaturenlandschaft mit konzerntypischen Bedienelementen bis hin zum bekannten Konzern-Multimediasystem, das im TGE „MAN Media Van“ getauft wurde.

Für einen Kastenwagen fährt er prima

Wäre nicht die hohe Sitzposition und die dann doch eher kastige Fahrdynamik mit gemütlicher Lenkreaktion und lustiger Seitenneigung in Kurven, könnte man sich glatt in einem modernen Großraumkombi wähnen. Für Kastenwagenverhältnisse bleiben sowohl die ab Landstraßentempo deutlichen Windgeräusche wie auch das vernehmliche Arbeitsgeräusch des Vierzylinders im Rahmen.

MAN unterscheidet sich in der Vertriebsstruktur von den klassischen Kastenwagenanbietern, die mit Autohäusern auf Kundensuche gehen. Solche gibt es bei MAN nicht, hier setzt man auf Regionalvertriebe mit Kundenkontakt vor Ort sowie spezielle Servicebetriebe für die Werkstattaufgaben. Entsprechend ist es auch nicht ganz so einfach für Privatkunden, auf einen TGE zu deuten und „nehme ich!“ zu rufen, denn in erster Linie sind natürlich Flottenkunden im Fokus des TGE-Viertriebs. Doch sollte jemand, und sei es nur aus patriotischer Verbundenheit zur Löwenmarke, lieber TGE statt Crafter kaufen, wird auch Einzelkunden geholfen, wie ein MAN-Sprecher bei der Vorstellung betonte. Preislich wird es keine Rolle spielen, MAN TGE und VW Crafter bewegen sich ausstattungsbereinigt auf ziemlich gleichem Niveau.

Quelle: 2017 Motor-Presse Stuttgart
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