Mercedes G 350d (2018) Fahrbericht

So muss ein neuer Mercedes G aussehen: Wie ein Mercedes G eben.
Außen auf den zweiten Blick vom Vorgänger zu unterscheiden, innen
komplett modernisiert und das Fahrverhalten ähnelt dank breiterer
Spur und Einzelradaufhängung vorne nicht mehr dem eines
übermotorisierten Lastwagens.
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So muss ein neuer Mercedes G aussehen: Wie ein Mercedes G eben. Außen auf den zweiten Blick vom Vorgänger zu unterscheiden, innen komplett modernisiert und das Fahrverhalten ähnelt dank breiterer Spur und Einzelradaufhängung vorne nicht mehr dem eines übermotorisierten Lastwagens.

© Mercedes
19.12.2018 - 00:01 Uhr von Torsten Seibt

Mit dem neuen G 350d rundet Mercedes die Modellpalette des Kult-Kraxlers ab. Der 286 PS starke Reihensechszylinder ist die bislang sparsamste Version. Wir waren mit dem Neuzugang auf Testfahrt.

Nach der Kür die Pflicht – so könnte man die Reihenfolge der Modelleinführungen der neuen Mercedes G-Klasse bezeichnen. Denn zunächst ließen die Stuttgarter ihre Achtzylinder von der Leine, auf den Dieselmotor musste man bis Dezember 2018 warten. Aus kaufmännischer Sicht ist das nachvollziehbar, schließlich sind die V8-Benziner, allen voran der apokalyptische G 63 AMG, auf dem Weltmarkt extrem gefragt. Den Selbstzünder wissen hingegen vor allem Europäer zu schätzen.

Sei es drum, nun ist er jedenfalls da, der neue G 350 d. Und als viertes Mercedes-Modell überhaupt bekommt er gleich das Sahnestückchen der aktuellen Daimler-Dieseltechnik verbaut. Unter der Kant-Haube schmiegt sich der neue OM 656 zwischen die Federbeine, der Reihensechszylinder mit 2.925 Kubikzentimeter Hubraum. 286 PS und 600 Newtonmeter Drehmoment serviert der Ölmotor im G und reklamiert damit gleichzeitig den Titel „Stärkster Diesel-G aller Zeiten“ für sich.

Ob er auch, wie Mercedes betont, der „effizienteste G aller Zeiten“ ist, wird zu einem späteren Zeitpunkt der Test auf der auto, motor und sport-Verbrauchsrunde beweisen, bis dahin vertrauen wir auf die (WLTP)-Werksangabe, die dem nach Euro 6d-TEMP abgasgereinigten Selbstzünder einen Durchschnittsverbrauch von 9,6 Liter bescheinigt. Hierbei hilft auch das Automatikgetriebe mit seinem „ Segel“-Modus, das im Schiebebetrieb die Wandlerkupplung öffnet und den Mercedes G bei Leerlaufdrehzahl rollen lässt. Das 9G-Tronic-Getriebe ist natürlich serienmäßig an Bord, ebenso wie die Lederausstattung und das Dynamic-Select-System, welches den Abruf von fünf verschiedenen Fahrprogrammen ermöglicht.

Mercedes G 350 d (2018) Fahrbericht

Darben muss definitiv kein G-Klasse-Käufer, selbst im unwahrscheinlichen Fall, dass die Serienausstattung gewählt wird. Tatsächlich erlaubt die Optionsliste der neuen Generation G jedoch eine derart wuchtige Auswahl gerade bei der Innenraumgestaltung, dass höchstwahrscheinlich kein einziges G-Modell einem anderen gleichen wird. Im Fall des diesmaligen Testwagens war eine verhältnismäßig dezente Farbwahl für die Innenarchitektur am Start, was jedoch nichts am unbedingten Oberklasse-Anspruch ändert. Auch wenn die Rahmenbedingungen, begonnen beim herrschaftlichen Erklimmen des Fahrsitzes bis zum vertrauten Tresorgefühl beim Schließen der wuchtigen Türen sich so sehr nach G anfühlen wie in all den Jahrzehnten zuvor, ist die neue Weite und Gediegenheit immer noch erstaunlich.

Gleiches gilt für die Funktionsvielfalt. Wo beim Ur-G zwei Schalthebel, ein Lenkrad und die Zugknöpfe für die Achssperren eigentlich alles geregelt haben, darf man sich beim Neu-G in animierten Menüs zum Beispiel das bevorzugte Farbthema des Tages für die Innenraumbeleuchtung, eines der Massageprogramme der Multikontursitze und ähnlich bedeutsame Dinge programmieren. Schöne Aufgabe in einer beheizten Garage: Die Weihnachtsfeiertage mit einem Programmierkurs im G verbringen.

Regel Nummer eins für Auto-Enthusiasten hat jedoch glücklicherweise auch im neuen Mercedes G immer noch Bestand: Rechts ist Gas! Und für ein XXL-Brikett mit gut 2,5 Tonnen Lebendgewicht setzt sich der G 350 d erstaunlich munter in Bewegung. Das ist nicht nur ein Verdienst der reaktionsschnellen Automatik, sondern vor allem des sehr diensteifrig agierenden Motors. Nach Turbodiesel alter Schule fühlt der sich längst nicht mehr an, stattdessen hat das bereits früh und konstant über einen weiten Drehzahlbereich anliegende hohe Drehmoment fast schon einen Touch von Elektroantrieb. Dazu passend ist der neue Reihensechszylinder ein sehr verbindlicher Dienstmann. Sowohl das Arbeitsgeräusch als auch Vibrationen halten sich komplett im Hintergrund, nur unter Volllast setzt der Dreiliter-Diesel zu einem bassigen Knurren an.

Mitverantwortlich für den hohen Komfort im Maschinenabteil sind die neuen schaltbaren Motorlager, die bei niedrigem Tempo weicher und bei höheren Geschwindigkeiten härter geschaltet werden, um die Schwingungsübertragung auf den Rahmen bei niedrigen Drehzahlen weitgehend zu vermeiden. Das und die zurückhaltende Geräuschkulisse machen den neuen G 350 d zum „Reise-G“, mit dem man entspannt Kilometer machen kann. Wo die beiden V8-Kollegen schon bei mäßiger Leistungsabforderung richtig Alarm machen, ist der Diesel die erste Wahl für Genießer und Ruhesuchende – ohne dass hierbei auf Vorwärtsdrang verzichtet werden muss. Denn mit 7,4 Sekunden für den Nullhundert-Sprint ist der schwere G 350 d alles andere als zurückhaltend.

Das neue Allradsystem mit hecklastiger 60:40-Kraftverteilung, aber auch das modernisierte Fahrwerk mit vorderer Einzelradaufhängung und breiterer Spur bringt im Vergleich zum Vorgänger-G ein weiteres Entspannungsmoment ins Gehäuse, denn mit Generation 2 geht auch Kurve recht engagiert. Selbstverständlich immer noch meilenweit entfernt von einem Sportwagen, doch wer das Fahrverhalten eines solchen möchte, möge sich eben einen kaufen. Jedenfalls darf man im neuen G auch in Serpentinen etwas fester hineinfassen. Allerdings greift in der neuesten Generation das ESP relativ frühzeitig mit mahnend erhobenem Zeigefinger ein. Längst nicht so strikt wie beim Vorgänger, aber eben sehr sicherheitsbetont.

Beim abschließenden Wedelkurs auf der schnee- und eisbedeckten Timmelsjochstraße kann der neue Mercedes G 350 d schließlich vorführen, welch phänomenale Entwicklung nicht nur die Assistenzsysteme, sondern auch die Winterreifen in den vergangenen Jahren gemacht haben. Den vielbemühten Schienen-Vergleich lassen wir diesmal stecken, wichtiger ist eigentlich, wie sicher und entspannt man sich mit dem schweren Geländewagen auf so tückischem Untergrund bewegen kann. Die Auslegung des Allradantriebs würde sogar ein gewisses keckes Anstellen des Wagens recht einfach ermöglichen, doch bei jedem derartigen Versuch kommt das ESP dem Übermut des Fahrers zuvor und schaltet in den Seriös-Modus.

Technische Daten:

G 350 d

Leistung: 210 KW (286 PS)
Drehmoment (bei U/min): 600

Quelle: 2018 Motor-Presse Stuttgart
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