Ratgeber: Kochen zum Hartz IV-Regelsatz

Neuer Ratgeber: Kochen zum Hartz IV-Regelsatz
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Neuer Ratgeber: Kochen zum Hartz IV-Regelsatz

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26.02.2009 - 09:01 Uhr

Reicht der Hartz IV-Regelsatz für eine ausreichende und gesunde Ernährung? Zwei Arbeitslose meinen ja und legen zum Beweis ein neues Kochbuch vor. Darin erklären sie, wie man sich auch mit wenig Geld gesund und schmackhaft ernähren kann - und zwar mit solider Hausmannskost und durch Schnäppchenjagd in Discountern.

4,42 Euro - das ist der Regelsatz der Hartz IV-Empfängern täglich für ihre Ernährung zur Verfügung steht. Vielen ist das nicht ausreichend. Angesicht der in den vergangenen Monaten deutlich gestiegenen Lebensmittelpreise werden Forderungen nach einer Erhöhung der Tagessätze laut. Doch das sehen nicht alle so, unter anderem nicht die beiden Arbeitslosen Uwe Glinka und Kurt Meier.

Preiswerte deutsche Hausmannskost
Ihrer Meinung nach muss gesundes und leckeres Essen nicht mehr als 4,40 Euro pro Tag kosten. Den Beweis dafür wollen sie mit einem selbst geschriebenen "Hartz IV-Kochbuch" antreten (für das sich aber noch kein Verleger gefunden hat). Darin sind dreißig Rezepte enthalten, jeweils für zwei Personen. Das kostengünstigste Gericht kostet 2,59 und das Teuerste 5,43 Euro.

Ihre Speiseliste erinnert an Omas Küche: Statt Tiefkühlpizza oder Fünf-Minuten-Terrine stehen deutsche Hausmannskost wie Märkischer Bauernauflauf oder Tomaten-Fischtopf auf dem Plan. Doch selber kochen alleine reicht noch nicht. Damit Hartz IV-Empfänger mit ihrem Essengeld auskommen, müssen sie auch regelmäßig die Angebote der Discounter studieren und nach den günstigsten Zutaten suchen.

Berliner Finanzsenator als Ideengeber
Auf die Idee zu dem Kochbuch wurden die beiden Erwerbslosen durch den Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin gebracht. Dieser hatte im Februar 2008 mit einem Speiseplan für Empfänger von Arbeitslosengeld (ALG) II auf sich aufmerksam gemacht. Seiner Meinung nach sind für weniger als vier Euro drei gesunde Mahlzeiten am Tag möglich - und es sollte sogar noch etwas Geld über bleiben für den Snack zwischendurch.

Am Beispiel eines Ein-Personen-Haushalts rechnete Sarrazin vor, wie Langzeitarbeitslose trotz wenig Geld gesund leben können. So sei etwa ein Frühstück mit Müsli, Honig, Milch, Kaffee und einer Banane für 1,18 Euro zu haben. Spaghetti Bolognese oder Bratwurst mit Sauerkraut zum Mittag würden mit 1,03 bzw. 0,95 Euro zu Buche schlagen; ein Abendessen mit zwei Scheiben Brot, Käse, Wurst und Krautsalat mit 1,07 Euro. Und dabei bliebe sogar noch Geld übrig für einen Snack zwischendurch.

Hartz IV-Speiseplan á la Sarrazin
Ingesamt kam Sarrazin bei seinen Beispielrechnungen auf Ernährungskosten von 3,70 bis 3,98 Euro pro Tag. Mit knapp unter vier Euro könne ein Erwachsener pro Tag ausreichend Essen einkaufen und sich dabei vollständig, gesund und wertstoffreich ernähren, so das Fazit des Finanzsenators. Auf die Gesundheit ebenfalls positiv auswirken dürfte sich dabei die Tatsache, dass in den Beispielrechnungen kein Geld für Alkohol oder Zigaretten kalkuliert ist.

Tabelle: Der Hartz IV-Speiseplan (nach Sarrazin)*

Mahlzeit Tag 1 Tag 2 Tag 3
Frühstück2 Brötchen (0,30), 25g Marmelade (0,06), 20g Butter (0,10), 1 Scheibe Käse (0,25), 1 Apfel (0,24), 1 Glas Saft, 200ml (0,30), 2 Tassen Tee (0,10)80g Müsli (0,40), 1 Banane (0,25), 1/4 Liter Milch (0,35), 20g Honig (0,08), 2 Tassen Kaffee (0,10)3 Scheiben Vollkornbrot (0,12), 2 Scheiben Wurst (0,30), 1 Scheibe Käse (0,25), 20g Butter (0,10), 1 Mandarine (0,25), 1 Glas Saft (0,30), 2 Tassen Kaffee (0,10)
MittagSpaghetti Bolognese, aus: 100g Hackfleisch (0,38), 125g Spaghetti (0,15), 200g Tomatensauce (0,40), Gewürze/Öl (0,10)Gemüsesuppe mit Fleisch, aus: 100g Kartoffeln (0,05), 1 Möhre (0,05), 1 Stange Porree (0,30), ein halber Kohlrabi (0,30), Rindfleisch und Gewürze (0,65)Bratwurst mit Sauerkraut, aus: 1 Bratwurst (0,38), Kartoffelbrei (0,25), 150g Sauerkraut (0,12), Gewürze/Öl (0,20)
Zwischenmahlzeit1 Kaffee und 1 Joghurt (0,40)2 Glas Tee (0,10)1 Kaffee und 1 Banane (0,30)
Abendbroteine halbe Gurke (0,30), 130g Leberkäse (0,56), 200g Kartoffelsalat (0,34)2 Scheiben Brot (0,12), 2 Scheiben Käse (0,50), 1 Scheibe Bierschinken (0,15), 100g Krautsalat (0,20), 20g Butter (0,10)2 Scheiben Brot (0,12), 100g Kräuterquark (0,30), 1 Scheibe Schinken (0,30), 2 Tomaten (0,27), 2 Glas Tee (0,10)
Summe3,983,703,76

*) für einen Ein-Personen-Haushalt (Preise in Euro)

Quelle: Welt Online

Soweit so gut, zumindest auf dem Papier. In der Praxis dürfte der Speiseplan allerdings nur schwer umzusetzen sein, insbesondere für die von Sarrazin herangezogenen Ein-Personen-Haushalte. Denn wo bekommt man beispielsweise zu Discounter-Preisen 100 Gramm Hackfleisch, eine einzeln abgepackte Bratwurst oder scheibchenweise Wurst oder Käse? Bei den im Einzelhandel üblichen Mengen käme da wohl eher - wenig abwechslungsreich - für mehrere Tage das gleiche Essen auf den Tisch oder die Lebensmittel mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum in den Müll.

Mit seinen Vorschlägen stieß Sarrazin dann auch auf heftige Kritik. Sein Chef, Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit, bezeichnete den Speiseplan als überflüssig. Deutlicher wurde noch der Koalitionspartner: "Auch wenn Herr Sarrazin es sich nicht vorstellen kann: Ein menschenwürdiges Leben besteht aus mehr als Bratwurst und Sauerkraut", zürnte der Berliner Parteivorsitzende der Linken, Klaus Lederer. Es beginne damit, dass Hartz IV-Bezieher von gut bezahlten Beamten nicht jeden Bissen vorgerechnet bekämen.

Das "Hartz IV-Kochbuch" hat die Diskussion um eine ausreichende Ernährung für Langzeitarbeitslose und deren Kinder wieder angeheizt. Wie eng es mit den normalen ALG II-Sätzen ist, ein Kind gesund zu ernähren, zeigte eine Studie des Forschungsinstituts für Kinderernährung (FKE) an der Universität Bonn. Demnach genügt das ALG II zwar, um Kinder und Jugendliche satt zu bekommen. Es reiche allerdings nicht aus, um die Sprösslingen mit gesunder und ausgewogener Kost zu versorgen. Kritisch sei die Situation vor allem bei Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren.

Draufzahlen für die Gesundheit
Nach Angaben des FKE veranschlagt der Gesetzgeber ausgehend vom ALG II-Regelsatz für Nahrung und Getränke bei 14- bis 18-Jährigen lediglich 3,42 Euro pro Tag. Doch selbst wer nur bei Discountern kaufe, müsse im Schnitt 4,68 Euro täglich hinblättern, um den Appetit eines Teenagers mit ausgewogener Kost zu stillen. Wer in normalen Supermärkten einkaufe, müsse dafür sogar 7,44 Euro täglich ausgeben. Im Ergebnis ergebe sich daraus eine Differenz zum Regelsatz von 37,80 Euro bzw. 120 Euro je Monat.

In jüngeren Altersgruppen biete sich ein leicht besseres Bild. Bei kleineren Kindern von vier bis sechs Jahren zum Beispiel halten die Wissenschaftler die veranschlagte Summe von 2,57 Euro gerade noch für ausreichend, wenn die Lebensmittel ausschließlich im Discounter gekauft werden. Wer aber in normalen Supermärkten einkaufe, komme mit dem Geld schon nicht mehr aus. "Für Empfänger von Arbeitslosengeld II ist es kaum möglich, ihre Kinder ausgewogen und gesund zu ernähren", resümierte die stellvertretende Leiterin des FKE, Mathilde Kersting, die Ergebnisse der Studie.

Fettleibigkeit als Folge
Die Folgen einer unausgewogenen Ernährung werden immer deutlicher sichtbar: Heute sind in Deutschland laut FKE-Zahlen etwa sechs Prozent aller Kinder und Jugendlichen fettleibig. Dabei litten Kinder und Jugendliche aus niedrigen sozialen Schichten zwei- bis dreimal so häufig unter Fettleibigkeit wie besser situierte Altersgenossen.

Angesichts der schweren gesundheitlichen Folgen wie Diabetes oder Arteriosklerose lohne es sich auch volkswirtschaftlich gesehen, in eine gesunde Ernährung für alle zu investieren, argumentiert Kersting. Das FKE empfahl daher, die aktuellen Regelsätze für Kinder und Jugendliche zu überdenken.

Quelle: freenet.de
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