Tesla entwirft eigenes Beatmungsgerät: Beatmungsgeräte der Autoindustrie kaum hilfreich

Tesla entwirft eigenes Beatmungsgerät: Beatmungsgeräte der
Autoindustrie kaum hilfreich
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Tesla entwirft eigenes Beatmungsgerät: Beatmungsgeräte der Autoindustrie kaum hilfreich

© Tesla/https://youtu.be/zZbDg24dfN0

Die Autoindustrie beteiligt sich am Bau von Beatmungsgeräten, die laut Notärzten nicht optimal für den Kampf gegen Corona geeignet sind.

Ford und GM beteiligen sich im Kampf gegen Corona am Bau von Beatmungsgeräten, Mercedes-Formel-1-Ingenieure haben innerhalb kürzester Zeit ein Beatmungsgerät entwickelt und Tesla hat jetzt ein komplett aus Tesla-Teilen konstruiertes Beatmungsgerät vorgestellt. Ob der Elektroautobauer das Gerät tatsächlich baut, ist bisher unbekannt. Allerdings mehren sich Zweifel, wie sinnvoll der Einsatz der Autobauer beim Thema Atemgeräte ist. Wir haben dazu mit einem Notarzt gesprochen, der anonym bleiben möchte. Seine Erkenntnisse sind ernüchternd.

Geräte für verschiedene Zwecke

Die Beatmungsgeräte, an deren Bau sich manche Autohersteller jetzt beteiligen, sind einfache mobile Geräte, wie sie auch in Rettungswagen zum Einsatz kommen. Sie sind für den Einsatz von ein bis maximal zwei Stunden gedacht und drücken, sehr vereinfacht gesprochen, nur Luft in den Patienten. Bedienen kann sie, zum Glück, jeder Sanitäter. Der Bedarf an diesen Geräten im Kampf gegen die vom Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelöste Lungenkrankheit Covid-19 ist laut dem von uns gesprochenen Notarzt überschaubar: "Alles hilft, aber man kann einen Waldbrand mit 100.000 Feuerlöschern oder eben ein paar Löschflugzeugen bekämpfen." Die Löschflugzeuge wären in diesem Fall stationäre Beatmungsgeräte aus dem intensivmedizinischen Bereich.

Geschultes Fachpersonal notwendig

Die Drägerwerk AG aus Lübeck ist einer der renommiertesten Hersteller von für die Intensivmedizin geeigneten Beatmungsgeräten. Solche Geräte kann keine Krankenschwester und kein Arzt ohne weiteres bedienen – dafür ist speziell geschultes Fachpersonal nötig. Die Geräte stellen medizinische Atemluft (Sauerstoffgehalt über 90 Prozent anstatt der normalen 21 Prozent) bereit, befeuchten und erwärmen sie, und geben sie in verschiedenen Beatmungs-Mustern an den Patienten ab. Der Patient befindet sich dabei im künstlichen Koma, um die Belastungen für den Körper so gering wie möglich zu halten. Am Ende der Behandlung folgt eine schrittweise Entwöhnung von der künstlichen Beatmung, was gerade bei älteren Patienten nicht so einfach ist.

Autohersteller können bei den nötigen Geräten nicht helfen

Der von uns gesprochene Notarzt meint, dass die Autohersteller nichts zur Produktion der dringend benötigten intensivmedizinischen Beatmungsgeräte beitragen können – und die Produktion der einfachen Geräte hätte eher eine Alibifunktion. Er zitiert einen verbitterten Kollegen, der in einer österreichischen Klink arbeitet, mit den Worten, dass die jetzt vermehrt gebauten kleinen Geräte eher dafür gut sind, darauf Dinge abzulegen.

Insofern ist die Autoindustrie möglicherweise der falsche Ansprechpartner für den Bau von Beatmungsgeräten. Kein Ventilator aus einer Sitzbelüftung, kein Monitor aus einer Mittelkonsole und kein Motor-Steuergerät ist für ein intensivmedizinisches Atemgerät nutzbar. Beim 3D-Druck von Gesichts-Schutzschilden und beim Nähen von Atemmasken sind die Autobauer hingegen erfolgreich und ihr Einsatz ist zum Mildern des Versorgungs-Notstandes mit Schutzausrüstung sinnvoll.

VW Motorsport druckt fleißig Gesichtsschutz-Komponenten

VW Motorsport beteiligt sich am Kampf gegen die Corona-Pandemie. Die 3D-Drucker der Motorsportler spucken jetzt Komponenten für medizinische Schutzausrüstung aus. Bisher waren die Hightech-Geräte für das Herstellen von Teilen für den Mehrfach-Rekord-Elektrosportwagen ID.R da. Die 3D-Drucker von VW Motorsport stehen in Hannover. Auch die 3D-Druckzentren in Wolfsburg und bei Audi in Ingolstadt beteiligen sich an der Fertigung. Zudem sind weitere Konzernmarken wie VW Nutzfahrzeuge, Bentley, Bugatti, MAN Truck & Bus sowie Porsche an der Produktion von medizinischer Schutzausrüstung beteiligt – insgesamt betreibt der VW-Konzern 50 3D-Druckanlagen. Die Ausrüstung ist zunächst für den Einsatz in Spanien bestimmt – Spanien gehört aktuell zu den am stärksten unter Covis-19 leidenden Regionen. Volkswagen Motorsport ist für die Produktion einer Rahmenhalterung für den Kopf zuständig, die zusammen mit einer biegsamen Klarsicht-Folie einen Gesichts-Schutzschild ergibt.

Fünf NASCAR-Forschungsdrucker drucken Schutzausrüstung

Der US-Motorsportverband NASCAR (National Association for Stock Car Auto Racing) beteiligt sich jetzt mit der Herstellung von Schutzschilden an der Bekämpfung der Corona-Pandemie. Der Verband betreibt in seiner Forschungsabteilung fünf 3D-Drucker für das Ausdrucken von Prototyp-Teilen. Jetzt haben die Forscher den Druck auf abwaschbare Klarsicht-Schutzschilde umgestellt.

Auch Toyota druckt Schutzschilde

Auch Toyota betreibt 3D-Drucker und auch bei den Japanern spucken die Maschinen jetzt die einfach aufgebauten Schilden aus. Während bei der NASCAR-Variante ein ungepolsterter Tragebügel zum Einsatz kommt, packt Toyota noch eine Schaumstoff-Folie zwischen Bügel und Stirn des Trägers.

Lamborghini näht und druckt

Lamborghini hat seinen Sitz im norditalienischen Sant’Agata Bolognese und somit in einer der am schlimmsten von der Corona-Pandemie betroffenen Regionen Europas. Der italienische Sportwagenhersteller hat seine Polsterei auf das Nähen von chirurgischen Atemmasken umgestellt. Überwiegend Frauen fertigen dort jetzt per Hand an Nähmaschinen pro Tag 1.000 Atemmasken für das Krankenhaus Sant'Orsola-Malpighi in Bologna. Die Lamborghini- Verbundwerkstoffproduktionsanlage produziert jetzt mit ihren 3D-Druckern 200 Polycarbonat-Schutzschilde pro Tag. Als Zeichen des Zusammenhalts der Italiener beleuchtet Lamborghini jede Nacht sein Hauptgebäude in den Farben der italienischen Flagge.

Ford baut Atemgeräte, die keinen Strom brauchen

Auch Ford hat jetzt konkrete Pläne zum Bau von Beatmungsgeräten offengelegt – Krankenhäuser benötigen die Geräte im Zuge der Corona-Pandemie dringend, um schwer an COVID-19 erkrankte Patienten zu behandeln. Als Partner für den Bau hat sich Ford mit General Electric (GE) aus Boston zusammengetan.

Ford und GE bauen das Beatmungsgerät Model A-E unter der Lizenz der Airon Corporation aus Melbourne im US-Bundesstaat Florida. Die Produktion startet am 20. April im Ford-Werk Rawsonville im US-Bundesstaat Michigan. In den ersten 100 Tagen nach dem Produktionsstart sollen 50.000 Beatmungsgeräte entstehen, danach ist ein monatlicher Ausstoß von 30.000 Geräten geplant. Ford-Chef Jim Hackett betont, dass die Umstellung des Rawsonville-Werks und die Produktion in enger Abstimmung mit der Gewerkschaft UAW (United Auto Workers) geschieht.

Einfach zu handhabendes Gerät

Zuerst schickt Ford ein Spezialisten-Team zu Airon nach Florida, um die dortige Beatmungsgeräte-Produktion anzukurbeln, gleichzeitig erfolgt der Aufbau der Produktion im Ford-Werk. Bis Ende April sollen 1.500, bis Ende Mai 12.000 und bis zum 4. Juli 50.000 Geräte entstehen. Der 4. Juli ist als Unabhängigkeitstag in den USA ein symbolträchtiger Nationalfeiertag. Die Herstellung in drei Schichten übernehmen 500 freiwillige UAW-Mitglieder gegen ihre übliche Bezahlung. Bei voller Leistung sollen 7.200 Atemgeräte pro Woche entstehen, Ende Juli sollen 75.000 erreicht sein.

Eine Besonderheit der Airon-Geräte ist ihr vereinfachtes Design in Sachen Energieversorgung – sie arbeiten anstelle von Strom mit Luftdruck. Zudem sollen sie sich besonders einfach und vielfältig einsetzen lassen. Außerdem möchte Ford in Kooperation mit GE ein weiteres Beatmungsgerät-Modell bauen.

GM baut massiv Beatmungsgeräte in indischem Werk

GM kündigt an, ab April Beatmungsgeräte für die Behandlung von schwer an COVID-19 Erkrankten zu bauen. Die Produktion erfolgt im indischen GM-Werk in Kokomo. Partner ist der Medizinprodukte-Hersteller Ventec Life Systems aus Seattle im US-Bundesstaat Washington.

Die von Ventec Life Systems entwickelten VOCSN-Beatmungsgeräte sind dank Batteriebetrieb mobil – eine Batterieladung reicht für neun Stunden Beatmung. Da diese Geräte bereits von der US-Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde Food and Drug Administration (FDA) zugelassen sind, ist ein sofortiger Einsatz möglich.

Indisches Werk steht aktuell still

US-Präsident Donald Trump hatte am Freitag (27.3.2020) GM Zeitverschwendung vorgeworfen und in einem Tweet von Ford und GM mit den Worten "START MAKING VENTILATORS, NOW!!!!!!" einen sofortigen Produktionsstart von Beatmungsgeräten verlangt. Im indischen Kokomo hat GM 1.000 Mitarbeiter, die normalerweise elektronische Fahrzeugkomponenten herstellen – im Zuge der Corona-Krise ruht dort aktuell die Produktion von Fahrzeugen.

Die Bemühungen zum Aufbau der Produktion laufen laut GM rund um die Uhr. GM-Chefin Mary Barra betont, dass die Produktion zum Selbstkostenpreis erfolgt. Auch Ventec selbst erhöht die Beatmungsgeräte-Produktion in seinen Werken in den US-Bundesstaaten Indiana und Washington.

Außerdem Produktion von Schutzmasken

In seinem Getriebewerk in Warren im US-Bundesstaat Michigan stellt GM einen Teil der Produktion auf die Herstellung von professionellen Atemmasken für Ersthelfer und klinisches Personal um. Innerhalb von zwei Wochen möchte der Konzern dort täglich 100.000 Schutzmasken produzieren.

BYD produziert bereits medizinisches Material

Auch der Volkswagen Konzern bietet seine Hilfe an. So heißt es in einer offiziellen Mitteilung: "Der Volkswagen Konzern stellt zeitnah fast 200.000 Atemschutzmasken der Kategorien FFP-2 und FFP-3 für die öffentliche Gesundheitsvorsorge zur Verfügung. Die Spende erfolgt in enger Abstimmung mit Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. Auch die Stadt Wolfsburg wird mit medizinischem Material unterstützt."

Bereits im vergangenen Monat gab der chinesische Elektrofahrzeughersteller BYD bekannt, täglich fünf Millionen Atemmasken und 300.000 Flaschen Desinfektionsmittel herzustellen. Der Gründer von SoftBank, Masayoshi Son, stellt eine Million kostenlose Virentests und eine Million kostenlose Atemmasken bereit.

Hilfe aus Pickup-Teilen

Ford geht eine Partnerschaft mit 3M ein, um gemeinsam motorbetriebene luftreinigende Atemschutzgeräte (PAPRs) herzustellen. Diese Masken werden oft als Überdruckmasken dargestellt, welche Außenluft ansaugen, sie filtern und in die Maske blasen. Und genau an dieser Stelle kommt Ford, beziehungsweise das meistverkaufte Fahrzeug der USA ins Spiel: der Pickup Ford F-150. Denn die Aufgabe dieser Gebläsemotoren dieser speziellen Maske können Gebläsemotoren aus den Vordersitzen des F-150 übernehmen. Im Auto werden sie mit 12 Volt gespeist, so dass sie in tragbaren Situationen mit einem Akkupack versehen sein müssten. Die Laufzeit wurde auf zehn Stunden berechnet. Der Vorteil ist, dass diese Gebläsemotoren in hohen Stückzahlen erhältlich sind.

Aus dem Hause Scuderia Cameron Glickenhaus ist per Facebook ein weiteres Hilfsangebot in die Welt gepostet worden. "Wir kamen auf die Idee, vorhandene Universalfilter, die sich in allen Krankenhäusern befinden, an Vollvisier-Tauchmasken anzupassen", heißt es in der Nachricht.

Auch andere Unternehmen stellen ihre Produktion um

Zusätzlich zu den Autoherstellern bieten auch andere Unternehmen ihre Hilfe bei der Produktion von medizinischen Geräten an. So hat Foxconn, ein Zulieferer von Apple, seine Produktionslinie auf die Herstellung von Atemmasken und andere Hilfsmitteln umgestellt. Ein italienisches Startup nutzt 3D-Drucker, um Atemschutzventile herzustellen – und übergibt sie später kostenlos an Krankenhäuser.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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