Bloch erklärt Porsche Taycan Turbo S: Was kann der Taycan wirklich?

Als Turbo S kann der Taycan Sportler wie den Ferrari 488 Pista
oder McLaren 720S in Schach halten und den Konzernbruder, den 911
GT2 RS eindosen.
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Als Turbo S kann der Taycan Sportler wie den Ferrari 488 Pista oder McLaren 720S in Schach halten und den Konzernbruder, den 911 GT2 RS eindosen.

© Hans-Dieter Seufert

Der Porsche Taycan will es Tesla & Co. schwer machen, doch ist er wirklich die neue Benchmark im E-Auto-Bereich? Alexander Bloch nimmt den Porsche unter die Lupe und erklärt die größten Irrtümer zum schwäbischen Stromer.

Die Elektromobilität rüttelt die Auto-Branche in vielerlei Hinsicht auf. Auch wir Motorjournalisten stehen da vor manch neuer Herausforderung. Zum Beispiel müssen auf einmal ganz andere Leistungsdaten und Superlative hinterfragt und manchmal auch erst noch verdaut werden. Vorliegendes Beispiel: Der Porsche Taycan Turbo S leistet mal ganz entspannt 761 PS und rennt in 2,8 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100. Aber halt! Tut er das wirklich, oder übertreiben die da in Zuffenhausen nicht ein bisschen? In kürzester Zeit haben sich bereits Mythen und Legenden um den Taycan entwickelt, und Alexander Bloch leistet deshalb etwas Aufklärungsarbeit. Dabei handelt es sich um einen Alltagscheck – den echten Test nebst Datenerhebung und Messwerten gibt es für Zahlenfreunde HIER. Um als Vorgeschmack die eben gestellte Frage zu beantworten: Ja, er sprintet in 2,8 Sekunden auf 100. Aber hallo.

Von Grund auf Heckantrieb?

Das komplexe Antriebskonzept des Porsche Taycan kann ebenfalls Fragen aufwerfen. Ist der Elektro-Sportwagen von Haus aus mit Hinterradantrieb versehen – schon allein, weil er eben ein Porsche ist – und die Vorderachse darf bedarfsgerecht mit Moment versorgt werden? Nein, so leicht ist das beim Elektro-Allradler nicht. An der Vorderachse sitzt ein Permanent-Magnet-Synchronmotor mit 160 kW Leistung. Das 76 Kilo schwere Aggregat ist mit einem Ein-Gang-Getriebe gekoppelt, eine mechanische Verbindung zur Hinterachse gibt es allerdings nicht. Dort sitzt ein weiterer Elektromotor. Er wiegt 170 Kilogramm und leistet 335 kW, ist damit entsprechend die stärkere von beiden Maschinen.

Dieser Umstand müsste doch nun ein Indiz dafür sein, dass der Taycan basismäßig mit Hinterradantrieb unterwegs ist, oder? Nein, denn beide Achsen sind ja komplett autark. In der Tat überwacht das Auto in erster Instanz die Aktivitäten der Vorderachse. Im Range-Modus ist der Taycan sogar als Fronttriebler unterwegs, weil der vordere Motor der effizientere von beiden ist. Tritt man etwas tiefer in die Pedale, schaltet sich die Hinterachse mit ein, um der gesteigerten Leistungsanforderung gerecht zu werden. Was sagt uns das? In Wahrheit ist der Porsche Taycan tatsächlich ein frontgetriebenes Auto, denn ein alleiniger Antrieb der Hinterachse ist gar nicht möglich. Kleines Trostpflaster: Mit dem stärkeren Aggregat am Hintern, kann der E-Porsche bei deaktiviertem ESP auch sehr unterhaltsam quer gefahren werden (nur bitte nicht im Straßenverkehr).

270 kW Ladeleistung – wirklich?

Bemühen wir mal andere Zahlen und kommen auf den Ladevorgang zu sprechen. Der Taycan lädt mit 270 kW an einer entsprechenden Schnellladestation, die auch in der Lage ist, die Performance des 800-Volt-Systems auszunutzen. Doch diese Ladeleistung liegt nicht die ganze Zeit, sondern nur in einem Peak, also einer Spitze, an. Mit wie viel Power der Saft in den Akku gepresst wird, hängt maßgeblich von zwei Faktoren ab. Einerseits davon, wie voll oder leer die Batterie zum Start des Ladevorgangs ist (die beste Lade-Performance verspricht Porsche von fünf auf 80 Prozent) und andererseits davon, wie warm die Batterie ist. Damit die Temperatur im optimalen Bereich liegt, nutzt der Hersteller hier eine Vorkonditionierung, um die Zellen vorab zu erwärmen. In unserem Feldversuch kommt der Taycan an einer Ionity-Säule auf eine durchschnittliche Ladeleistung von 145 kW. Das ist zwar ein Stück entfernt von 270 kW, aber immernoch ein guter Wert.

Für Fans und Kritiker der Elektromobilität ist ein Wert immer gleichermaßen von Bedeutung: Die Reichweite. Und gerade hier sagt man dem Taycan Turbo S vergleichsweise schmale 300 Kilometer nach – zumindest in Amerika (EPA-Wert). In Europa (WLTP-Wert) schafft der Taycan laut Hersteller bis zu 412 Kilometer. Seinen 2.365 Kilogramm Gewicht versucht der Taycan in puncto Verbrauch mit einigen Aerodynamik-Tricks zu begegnen – beispielsweise mit Air Curtains an den Vorderrädern, die Verwirbelungen im Luftstrom reduzieren. Doch bei welcher Reichweite landet der Taycan denn nun, wenn die offiziellen Angaben schon so weit auseinander liegen? Bei einer 120-km/h-Fahrt auf der Autobahn mit eingeschalteter Klimaanlage kommen wir auf einen Wert zwischen 350 und 370 Kilometer.

Warum nun die Reichweiten-Angabe in den USA so weit von der in Europa entfernt ist, oder warum Porsche die Hinterachse des Taycan an ein eigenes Zweigang-Getriebe koppelt – diesen und weiteren Fragen geht Alexander Bloch im Video en Detail auf den Grund.

Quelle: 2020 Motor-Presse Stuttgart
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